Im Jahr 2010 begann der Modekonzern Gerry Weber, Kleidung mit eingenähten RFID-Chips auszuliefern. Dazu gab es 2011 eine Erwähnung bei den BigBrotherAwards. Der eigentliche Hauptpreis ging an die Modefirma Peuterey. Hiergegen machten wir im Januar 2012 mobil – mit anhaltendem Erfolg. Denn die Menschen sind entsetzt, wenn sie durch uns und durch die Medien erfahren müssen, dass ihnen jemand eine "Spionage-Wanze" untergejubelt hat.

Im Zuge dieses Erfolgs unserer Kritik entstehen einige Ungereimtheiten und Mythen, die wir in diesem Artikel gerade rücken wollen. Grundlegendes finden Sie auch in unserem FAQ aus dem Jahre 2006 .

1. RFID des Jahres 2003 oder RFID des Jahres 2012 – wo ist der Unterschied?

Im Jahre 2003 haben wir uns insbesondere mit den RFID-Chips beschäftigt, die von der Metro AG eingesetzt worden sind. Diese sendeten auf der Frequenz 13,56 MHz. Heute finden sich diese (bzw. ähnliche) Chips vor allem in Ausweisdokumenten. Sie sind über recht kurze Entfernung auslesbar (innerhalb der legalen Spezifikationen je nach Lesegerät 10 cm bis 1,50 Metern. Bei illegalen Lesegeräten auch weit darüber hinaus). Es war nicht nur der weltweite Protest der Datenschützer, die diese RFID verhindert haben. Auch die Technik war zu schlecht, um wirklich den gewünschten Einsatzzweck erfüllen zu können.

Der Unterschied zu den Chips der Bekleidungsindustrie ist, dass diese weitaus effizienter sind und weitaus höhere Reichweiten haben. Die Firma Alien Technologies spricht von bis zu 12 Metern Reichweite. Wir haben mit unserem Lesegerät zumindest 8 Meter erreichen können.

2. Welches Lesegerät benutzt Ihr und wo kann man das kaufen?

Wir nutzen ein Gerät, das uns die Firma Kryptonic zur Verfügung gestellt hat. Das Gerät wird nicht an Endkunden, sondern nur an Firmenkunden verkauft. Es kostet ungefähr 2.000 Euro.

3. Warum geht Ihr so scharf gegen Firma Gerry Weber vor? Andere Firmen nutzen RFID doch auch?

So scharf sind wir gar nicht. Im Gegenteil. Wir sind schon seit langer Zeit mit der Firma, speziell deren IT-Leiter Herrn von Grone, im Gespräch. Im Jahr 2011 hat auch nicht die Firma Gerry Weber den BigBrotherAward bekommen, sondern die Firma Peuterey, die Chips völlig versteckt und heimlich in Kleidung einbaut. Gerry Weber hatten wir noch eher lobend erwähnt. Sind aber schwer enttäuscht worden. Denn Gerry Weber weigert sich nach wie vor, Chips an der Kasse zu entfernen. Somit laufen tausende von Kundinnen und Kunden ahnungslos durch die Gegend und wissen gar nicht, dass sie eine Ortungswanze in ihrer Kleidung tragen.

Auch die Kundeninformation ist komplett anders, als es uns von Gerry Weber zugesagt wurde: Nur in den Läden, die bereits Lesegeräte installiert haben, gibt es eine kaum sichtbare Kennzeichnung und haben die Kunden die Möglichkeit, eine Infobroschüre zu erhalten. Das Problem, das viele Geschäftsleute nicht sehen wollen: Es geht nicht nur um den eigenen Umgang mit RFID-Chips. Es geht auch darum, dass ganz andere Leute, die in der Gegend herumvagabundierenden Chips auslesen können.

4. Wer setzt noch alles Schnüffelchips in Kleidung ein?

Gerry Weber und Peuterey sind nicht die einzigen, die Schnüffelchips einsetzen. C&A hat 2010 verkündet, konzernweit Source Tagging einzuführen (Anbringung von sogenannten EAS-Elementen beim Produzenten) und dabei gleichzeitig die Prozesse auf RFID vorzubereiten. Dann soll RFID auch bei Lemmi und Seidensticker kommen. Auch s.Oliver will bis 2014 flächendeckend RFID einführen.

5. Was war das für eine Sprechblase, die Ihr bei der Aktion vor dem Gerry Weber Laden eingesetzt habt, um die ausgelesenen Chips anzuzeigen?

Hier handelt es sich ein Kunstwerk namens "Chat", das der Künstler Aram Bartholl uns für diese Aktion überlassen hat. Mehr findet sich auf seiner Website.

6. Überstehen die Chips die Wäsche? Wenn nein, ab wie viel °C?

Angeblich überleben die Chips nur drei Wäschen oder zwei Reinigungen. Danach seien sie kaputt. Bei Jacken oder Mänteln, die eher selten in die große Wäsche kommen, sind das dann auch noch Laufzeiten für Chips, die jenseits von Gut und Böse liegen. Wir werden aber mal eine kleine Versuchsreihe aufbauen und nachprüfen, was von diesen Aussagen zu halten ist. Herr von Grone von der Firma Gerry Weber will uns einen Stapel Chips zum Testen schicken.

Auf dem Blog Opalkatze fanden wir einen Hinweis auf die Temperaturspezifikation, innerhalb derer RFID-Chips funktionieren. Ob das für die „Wäschefrage“ wichtig ist, sei mal dahin gestellt.

The typical operating temperature for an RFID inlay (tag) found in most smart labels is between -25 °C and 70 °C. Storage temperature typically is between -40 °C and 85 °C. These values will vary from manufacturer to manufacturer and will depend on the tag’s components. There are industrial tags available in the market that will withstand temperatures as high as 250º C, which could, for example, stand up to heat sterilization requirements for medical items.

Und auch die Frage nach der Temperatur beantwortete Herr von Grone im Blog Opalkatze: „Die Chips werden beim Waschen nicht durch die Temperatur, sondern mechanisch zerstört. Ein Waschgang knickt die Antenne, und es dringt Wasser unter den Aufkleber, so dass der Chip nicht mehr auf der richtigen Frequenz sendet und empfängt.“

7. Mein RFID-Chip hat in einem anderen Laden den Diebstahl-Alarm ausgelöst

Das kann passieren – aber es handelte sich vermutlich nur um einen „RF-Chip“. Diese Chips beinhalten noch keine Seriennummer, sondern haben quasi nur ein Bit: aktiv oder nicht aktiv. Das ist eine einfache elektronische Warensicherung (EAS), zwar schon auf den Frequenzen und mittels RFID-Technik, aber wesentlich weniger gefährlich als richtige Schnüffelchips. Auch in Lebensmittelmärkten finden sich solche Chips auf teureren Artikeln wie Alkohol, Tabak, Rasierklingen.

8. Falls man Chips nicht rausschneiden kann – wie zerstört man RFID-Chips?

Bei kleineren Gegenständen (zum Beispiel einem Schal) kann man das schnell mit einer Mikrowelle erledigen. Gegenstand hineinlegen, kurz (sehr kurz!) einschalten – und der Chip ist tot. Achtung: Nicht zu lange einschalten, sonst gibt's Brandflecken und es riecht verschmort. Bei Mänteln wird die Mikrowelle nicht groß genug sein. Hier erinnern sich noch manche an den sogenannten RFID-Zapper. Zwei Berliner Hacker haben eine Fuji-Einmalkamera so umgebaut, dass man damit RFID-Chips killen kann.

Wir haben versucht, aus dieser Idee einen kleinen professionellen RFID-Zapper zu entwickeln – und mussten die Segel streichen. Der Umgang mit Hochfrequenz und entsprechenden Stromstärken bringt viele Probleme mit sich. Wir haben das Projekt eingestellt. Und so bleibt: Wenn Ihnen ein Produkt mit einem Schnüffelchip untergejubelt wird: Reklamieren Sie es, geben Sie es zurück und bestehen Sie auf die Erstattung des Kaufpreises.

Bild: Daveblog bei flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Veröffentlicht am 17.04.2013

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