Buchempfehlung: „Enshittification“ – So geht das Netz kaputt
Enshittification: Warum das Internet immer „beschissener“ wird
Erst sind Plattformen praktisch und freundlich. Dann werden wir abhängig. Und irgendwann wird alles schlechter, teurer, werbeverseuchter und übergriffiger. Cory Doctorow nennt diesen Prozess „Enshittification“. Sein gleichnamiges Buch erklärt, warum dahinter kein Naturgesetz steckt, sondern ein Geschäftsmodell.
Vielleicht kennen Sie das: Eine Suchmaschine, die einmal gute Suchergebnisse lieferte, präsentiert inzwischen vor allem Werbung und „aufbereitete Inhalte“. Ein soziales Netzwerk zeigt nicht mehr das, was Sie abonniert haben, sondern das, was möglichst lange Aufmerksamkeit bindet. Ein Online-Marktplatz wird mit gesponserten Produkten, zweifelhaften Angeboten und Eigenmarken geflutet. Eine App verlangt plötzlich ein Konto, sammelt mehr Daten oder sperrt Funktionen hinter ein Abo.
Und immer wieder fragt man sich: War das früher nicht einmal besser?
Ja. War es.
Der Autor Cory Doctorow hat für diesen erstaunlich regelmäßigen Verfall digitaler Plattformen einen Begriff geprägt: Enshittification. Der Ausdruck ist derb, aber gerade deshalb erstaunlich präzise.
Erst locken, dann einsperren, dann ausquetschen
Doctorows Modelldefinition funktioniert vereinfacht so:
Am Anfang muss eine neue Plattform Menschen überzeugen. Also ist sie großzügig. Sie ist praktisch, günstig oder kostenlos, verzichtet auf allzu viel Werbung und bietet Funktionen, die Menschen wirklich haben wollen.
Sind genügend Nutzer.innen da, wird die Plattform auch für Unternehmen interessant. Händler.innen wollen dort verkaufen, Medien wollen dort ihr Publikum erreichen, Unternehmen wollen dort werben.
Nun beginnt die Verschiebung. Die Plattform nimmt ihren Nutzer.innen nach und nach Vorteile weg und reicht einen Teil dieses Wertes an ihre Geschäftskund.innen weiter.
Sind schließlich beide Seiten abhängig, folgt die nächste Runde: Jetzt werden auch Händler.innen, Medien, Entwickler.innen und Werbekund.innen stärker zur Kasse gebeten. Gebühren steigen, Reichweite muss gekauft werden, Regeln ändern sich, Schnittstellen verschwinden.
Was übrig bleibt, landet zunehmend bei Plattform und Investor.innen.
Doctorow beschreibt den Mechanismus drastisch, aber nachvollziehbar: Erst werden Menschen angelockt, dann werden Abhängigkeiten geschaffen, schließlich wird möglichst viel Wert aus allen Beteiligten herausgepresst.
Warum gehen wir nicht einfach?
Die entscheidende Frage lautet natürlich: Wenn ein Dienst immer schlechter wird, warum wechseln die Menschen nicht?
Weil Wechsel etwas kosten kann.
Dabei geht es nicht nur um Geld. Wer ein soziales Netzwerk verlässt, verliert womöglich Kontakte, Gruppen oder ein über Jahre aufgebautes Publikum. Wer einen Online-Marktplatz verlässt, verliert Kundschaft und Bewertungen. Wer ein geschlossenes Ökosystem verlässt, kann gekaufte Inhalte, Zubehör oder gespeicherte Daten nicht ohne Weiteres mitnehmen.
Doctorow spricht von switching costs, Wechselkosten.
Je höher diese Kosten sind, desto schlechter kann ein Unternehmen seine Kundschaft behandeln, ohne sie tatsächlich zu verlieren. Genau deshalb sind geschlossene Systeme für mächtige Plattformen so attraktiv. Und genau deshalb sind offene Standards, Datenportabilität und Interoperabilität politische Themen und keine technischen Nebensächlichkeiten.
Das Fediverse zeigt, dass es anders geht
Ein Gegenmodell lässt sich schon heute beobachten.
Im Fediverse hängt die eigene soziale Identität nicht zwingend an einem einzigen Unternehmen. Mastodon besteht beispielsweise aus vielen unabhängig betriebenen Instanzen, die miteinander kommunizieren können. Wer mit der eigenen Instanz unzufrieden ist, kann wechseln, ohne deshalb das gesamte Netzwerk verlassen zu müssen.
Das ist mehr als eine technische Besonderheit.
Die Möglichkeit zu gehen verändert Macht.
Wer Nutzer.innen nicht einsperren kann, muss ihnen bessere Gründe geben zu bleiben.
Interoperabilität ist deshalb eines der wichtigsten Mittel gegen Enshittification. Doctorow geht sogar noch weiter: Neue Dienste sollten sich mit bestehenden Systemen verbinden können, Daten sollten mitgenommen werden können, Geräte sollten reparierbar sein und Unternehmen sollten nicht darüber bestimmen dürfen, welche Software Menschen auf ihren eigenen Geräten verwenden.
Das Netz wird nicht dadurch besser, dass wir auf freundlichere Milliardär.innen hoffen. Es wird besser, wenn Macht begrenzt und Wechsel möglich wird.
Enshittification ist kein technisches Problem
Eine der Stärken des Buches ist, dass Doctorow den Verfall des Netzes nicht als unvermeidliche Folge von Digitalisierung beschreibt.
Die Technik zwingt Google nicht dazu, Suchergebnisse zugunsten von Werbung zu verschlechtern. Niemand zwingt Plattformen dazu, Menschen immer stärker zu überwachen. Und soziale Netzwerke müssen nicht entscheiden, welche Beiträge ihre Nutzer.innen sehen dürfen.
Das sind Entscheidungen.
Möglich werden sie durch konzentrierte Marktmacht, fehlenden Wettbewerb, schwache Regulierung und hohe Wechselkosten. Doctorow beschreibt vier Kräfte, die Unternehmen eigentlich im Zaum halten könnten: Wettbewerb, Regulierung, Möglichkeiten zur technischen Selbsthilfe und die Macht der Beschäftigten. Wo diese Gegengewichte geschwächt werden, wächst die Möglichkeit, Menschen und Unternehmen immer stärker auszupressen.
Damit berührt „Enshittification“ viele Themen, mit denen wir uns bei Digitalcourage seit Jahren beschäftigen: Datenschutz, Digitalzwang, offene Standards, Freie Software, Interoperabilität, digitale Mündigkeit und die Macht großer Plattformkonzerne.
Wir müssen das nicht hinnehmen
Das vielleicht Erfreulichste an Doctorows Analyse ist deshalb: Sie ist nicht fatalistisch.
Das Internet ist nicht einfach irgendwann schlecht geworden. Politische und wirtschaftliche Entscheidungen haben bestimmte Geschäftsmodelle ermöglicht und Alternativen erschwert. Und Entscheidungen lassen sich ändern.
Monopole können begrenzt werden. Datenschutz kann durchgesetzt werden. Schnittstellen können geöffnet werden. Daten können portabel gemacht werden. Reparatur und Veränderung eigener Geräte können geschützt werden. Offene Standards können Abhängigkeiten reduzieren.
Und wir können Infrastruktur fördern, bei der nicht erst ein milliardenschwerer Konzern um Erlaubnis gefragt werden muss, wenn jemand etwas Neues bauen möchte.
Doctorow nennt das sinngemäß die Rückeroberung der digitalen Infrastruktur.
Wir nennen es lieber digitale Mündigkeit.
Denn (digitale) Freiheit bedeutet nicht nur, zwischen fünf Apps auswählen zu dürfen. Sie bedeutet, sich gegen Entscheidungen von Plattformen entscheiden und wehren zu können, Alternativen nutzen zu können und technische wie politische Strukturen so zu gestalten, dass Menschen nicht einer Handvoll Unternehmen ausgeliefert sind.
„Enshittification“ liefert dafür eine ziemlich brauchbare Diagnose. Und glücklicherweise auch Hinweise auf die Therapie.
Cory Doctorow: „Enshittification. Wie Tech-Konzerne uns ausbeuten und was wir dagegen tun können“, übersetzt von Hans-Peter Remmler, Blumenbar/Aufbau Verlage, 477 Seiten.
Das Buch gibt es für 24 Euro versandkostenfrei im Digitalcourage-Shop:
Cory Doctorow: Enshittification im Digitalcourage-Shop
Mit einem Einkauf im Digitalcourage-Shop unterstützen Sie zugleich unsere Arbeit für Datenschutz und digitale Grundrechte.