Newsletter vom 22.10.2026

Einfach mal nicht mitmachen

Themen u. a.: Massive Kürzungen bei der Datenschutzaufsicht in BaWü, A/I: digitale Infrastruktur unter Druck, Digitalzwang, OpenStreetMap

Liebe Leser.innen,

ein Deutschlandticket kaufen, ohne Smartphone? Zeit-Autorin Luisa Jacobs hat es im DB-Reisezentrum versucht. Dort bekam sie zu hören: Das geht nur per App. Ohne Smartphone hätte sie fast zwei Monate auf ihr Deutschlandticket warten müssen. Also kaufte sie ihre Fahrkarten weiterhin einzeln am Automaten. Umständlich und teuer.

Während ihres dreimonatigen Selbstversuchs ohne Smartphone merkte Luisa Jacobs schnell: Nicht nur Bahnfahren, sondern viele alltäglichen Aufgaben und Dienstleistungen sind ohne Smartphone mittlerweile viel komplizierter. Bei ihrer Recherche stieß sie deswegen schnell auf den Begriff Digitalzwang und besuchte uns in Bielefeld. Ihr Erfahrungsbericht schaffte es auf die Titelseite der Zeit – wir haben ihn weiter unten für Sie verlinkt. Seitdem melden sich bei uns deutlich mehr Menschen zum Thema Digitalzwang. Offenbar hat der Artikel einen Nerv getroffen.

„Geht nur per App“, nervt offenbar immer mehr Menschen. Wer kein Smartphone hat, bleibt außen vor. Gleichzeitig mischen sich Tech-Milliardäre in unsere Demokratien ein, während ihre Konzerne in immer mehr Lebensbereiche vordringen. Heute die Pflicht-App, morgen die „Smarte“ Brille. Was als Fortschritt verkauft wird, droht zum nächsten Zwang zu werden. Da kann man schon mal den Mut verlieren.

Aber das sind keine Naturgesetze. Menschen wehren sich, organisieren sich und schaffen Alternativen. Und dafür kämpfen auch wir: für eine Welt in der Menschen mehr zählen als Konzerninteressen.

Frage beim nächsten „Das geht nur per App“ nach einer Alternative. Lassen Sie sich nicht mit „Das ist eben so“ abspeisen. Manchmal beginnt Veränderung schon dort, wo Menschen widersprechen.

Mit zuversichtlichen Grüßen aus Bielefeld Leena Simon und Max Hampel Altheide


Inhalt

 
1.  Baden-Württemberg: Datenschutzaufsicht soll massiv gekürzt werden
2.  Autistici/Inventati – unabhängige digitale Infrastruktur unter Druck
3.  BigBrotherAwards: Datensünden machen Schlagzeilen
4.  Digitalzwang schafft es auf die Titelseite
5.  Tech-Tipp: Openstreetmap: Die Welt gehört nicht Google
6.  Post an Digitalcourage
7.  Shop
  7.1  Fünf kleine Bücher, große Fragen
  7.2  Stoppt das Sicherheitstheater! Klare Haltung, dezentes Motiv.
8.  Digitalcourage in den Medien
9.  Termine

1.  Baden-Württemberg: Datenschutzaufsicht soll massiv gekürzt werden

Ausgerechnet beim Datenschutz setzt die grün-schwarze Landesregierung die Kettensäge an: Bis 2029 sollen fast 40 Prozent der Stellen bei der Datenschutzaufsicht gestrichen werden. Dabei hat die Behörde mehr zu tun als je zuvor. Allein 2025 gingen 7.673 Beschwerden ein. Der Landesdatenschutzbeauftragte Tobias Keber fordert deshalb sieben zusätzliche Stellen und warnt vor einer Aushöhlung des Beschwerderechts. Denn weniger Personal bedeutet weniger Kontrollen, längere Bearbeitungszeiten und schlechteren Schutz für Bürger.innen. Wer Datenschutzrechte ernst nimmt, darf die Behörde, die sie durchsetzen soll, nicht kaputtsparen.

Für unseren Blog haben wir die offiziellen Zahlen ausgewertet und untersucht, wie sich Personal und Arbeitsbelastung der Datenschutzaufsicht entwickelt haben. Die Ergebnisse zeigen noch deutlicher, wie absurd die geplanten Kürzungen sind: digitalcourage.de/blog/2026/datenschutz-kettensaege-bw

2.  Autistici/Inventati – unabhängige digitale Infrastruktur unter Druck

Nachdem Trump mit der Fingerpistole auf die italienische Gruppe Autistici/Inventati gezeigt und “Peng” gesagt hat, gehen zehntausende Blogs, Mailadressen und Mailinglisten offline. US-Dienste und Banken haben der Gruppe die Accounts gekündigt, Familienangehörige der Aktivist.innen wurden bedroht.

Autistici/Inventati ist ein italienisches Kollektiv, das seit über 20 Jahren unabhängige E-Mail-Dienste, Blogs und Mailinglisten bereitstellt. Gerade für politische Initiativen und Aktivist.innen sind solche Angebote wichtig, weil sie nicht von den großen Tech-Konzernen abhängig sein wollen. Jetzt bricht ein wichtiges Stück unabhängiger digitaler Infrastruktur weg und die EU schaut tatenlos zu.

Natürlich ist Trump freie Infrastruktur ein Dorn im Auge. Die kann er nicht kontrollieren und die finanziert auch nicht seinen Wahlkampf. Genau deshalb ist sie ja so wichtig. Aber wir haben Trump nicht gewählt. Es darf nicht sein, dass er europäische Gruppen und Vereine als “terroristisch” bezeichnet und sie damit in ihrer Existenz bedrohen kann. Jede NGO könnte die nächste sein.

Wir erwarten von unseren EU-Politiker.innen, dass sie uns vor dieser Willkür schützen. Deshalb haben wir uns einem offenen Brief von EDRi angeschossen. Aber eigentlich ist das viel zu wenig.

digitalcourage.de/blog/2026/eu-kuscht-vor-trump

3.  BigBrotherAwards: Datensünden machen Schlagzeilen

Die BigBrotherAwards 2026 waren ein voller Erfolg. Und auch das Medienecho kann sich sehen lassen: Der WDR schaltete live von der Verleihung ins Fernsehen, zahlreiche Zeitungen und Onlinemedien griffen unsere Kritik auf. Darüber freuen wir uns und sind auch ein bisschen stolz. Denn genau das wollen wir mit den BigBrohterAwards erreichen: Datensünden öffentlich machen!

Wir haben alle Medienberichte zum Nachlesen gesammelt:
bigbrotherawards.de/2026/medienberichte

4.  Digitalzwang schafft es auf die Titelseite

Wir freuen uns, dass wir nicht nur mit der Berichterstattung zu den BigBrotherAwards in vielen Medien aufgetaucht sind, sondern das die Zeit und FAZ unsere Kritik am Digitalzwang aufgegriffen haben. In der Zeit war der Selbstversuch von Luisa Jacobs sogar der Aufmacher! Drei Monate hat sie auf ihr Smartphone verzichtet. Sehr persönlich und gleichzeitig angenehm sachlich schreibt sie wie gut ihr der Verzicht getan hat. Gleichzeitig hat sie bemerkt wie vieles im Alltag komplizierter wurde. So ist sie auf Digitalcourage gestoßen und hat uns während ihrer Recherche in Bielefeld besucht. Besonders freut uns, das durch den Artikel viele Menschen zum ersten Mal von unserer Arbeit zu Digitalzwang gehört haben.

Zeit:
zeit.de/2026/44/smartphone-entzug-nutzung-alltag-nokia-105-gehirn-mrt

Auch die Faz hat mit uns über Digitalzwang gesprochen. Anlass war die Entwendung sämtlicher Meldedaten in Dänemark mit unabsehbaren Folgen. Das Ergebnis ist ein informativer Artikel – und auch hier ist Digitalcourage prominent genannt mit unserer Petition zum Thema Digitalzwang.

Faz:
faz.net/aktuell/wirtschaft/mehr-wirtschaft/hackerangriffe-auf-die-verwaltung-das-dilemma-mit-der-digitalisierung-201300619.html

5.  Tech-Tipp: Openstreetmap: Die Welt gehört nicht Google

Trump benennt Dinge um, und die US Tech-Bro-Oligarchen machen eifrig mit. Wer Google Maps aus Amerika aufruft, bekommt den Golf von Mexiko als Gulf von America angezeigt und der Lake Ontario heißt dort Lake America. Wollen wir wirklich Google überlassen, was auf der digitalen Landkarte steht?

Zum Glück gibt es eine wunderbare Alternative: OpenStreetMap Die freie Weltkarte wird – wie Wikipedia – gemeinsam von Menschen aus aller Welt gepflegt. Besonders da, wo Google nicht so großen Wert auf Genauigkeit legt, beispielsweise bei Fußwegen in Parks oder Wanderrouten, ist Openstreetmap häufig sogar sehr viel genauer. Wer die freie, offene Alternative für die Navigation ausprobieren möchte, sollte den frisch aktualisierten Artikel unserer AG Digitale Selbstverteidigung lesen. Dort zeigen wir, wie OpenStreetMap funktioniert und welche Anwendungen empfehlenswert sind.

digitalcourage.de/digitale-selbstverteidigung/openstreetmap-statt-googlemaps

6.  Post an Digitalcourage

An dieser Stelle lassen wir Menschen zu Wort kommen, die uns geschrieben haben.

Ich lese schon seit über zehn Jahren immer mal wieder eure Artikel und habe auch vor einiger Zeit den RSS-Feed abonniert. Im Dunstkreis von Kuketz-Blog und ehemals Mobilsicher werdet ihr ja immer wieder verlinkt. Kurzum, wie ich einst auf euch gestoßen bin, weiß ich nicht mehr. Letztlich lag meiner Buchbestellung euer Mitgliedsantrag bei. Und da habe ich mich entschlossen, meinen Spenden-Dauerauftrag in eine Fördermitgliedschaft umzuwandeln. Für mich macht das keinen Unterschied. Aber für euch vielleicht. Mehr Mitglieder = mehr Gewicht in politischen Debatten etc. (…) Ich hoffe, ihr findet Gehör. Ich freue mich, wenn ihr den Finger in die Wunde legt. Ich schätze eure informativen Texte. Was ich tun kann … hm. Selbst im engsten Kreis sind Aufklärung und Überzeugung schwer. Ich bin z.B. gespannt, womit ich es zu tun bekomme, wenn unser Kind in den Kindergarten und später Schule kommt.

Solche Nachrichten motivieren uns, weiter jeden Tag unser Bestes zu geben. Herzlichen Dank!

7.  Shop

7.1  Fünf kleine Bücher, große Fragen

Mit „Termin mit Dr. Datenschutz“ ist gerade das 35. Bändchen unserer beliebten Wissensreihe kurz&mündig erschienen. Damit sind wieder fünf Minibücher zusammengekommen, die wir nun in unserem siebten Sammelband „Selbstbestimmt statt bequem“ vereinen.

Die Themen sind hochaktuell: Wie wehren wir uns gegen Digitalzwang? Wie gelingt der Umzug in bessere soziale Netzwerke? Warum geht die Generation TikTok so sorglos mit ihren Daten um? Weshalb ist Bargeld unverzichtbar? Und worauf sollten wir achten, wenn Arztpraxen die Terminvergabe an kommerzielle Online-Dienste auslagern?

Fünf kleine Bücher mit großen Fragen und verständlichen Antworten. Zum Nachdenken, Mitreden, Weitergeben und Verschenken. Denn digitale Mündigkeit beginnt mit Wissen.

Alle fünf Bändchen im handlichen A6-Format, hübsch verpackt im Schuber mit Banderole:
shop.digitalcourage.de/km-sammelband-7-selbstbestimmt-statt-bequem.html

7.2  Stoppt das Sicherheitstheater! Klare Haltung, dezentes Motiv.

Immer neue Überwachungsgesetze, immer mehr Befugnisse für Polizei und Geheimdienste, immer neue Eingriffe in unsere Grundrechte. Und die Begründung? Angeblich geht es um unsere Sicherheit.

Wir haben genug von diesem Sicherheitstheater! Wenn Politiker.innen mit Ängsten spielen, um Überwachung und staatliche Repression durchzusetzen, machen wir nicht mit. Denn Sicherheit und Freiheit sind keine Gegensätze. Im Gegenteil: Ohne Freiheit gibt es keine echte Sicherheit.

Auf unserer Website haben wir dem Sicherheitstheater eine eigene Themenrubrik gewidmet. Dort zeigen wir, warum Überwachung nicht automatisch mehr Sicherheit bedeutet, hinterfragen politische Scheinlösungen und machen Vorschläge für eine Sicherheitspolitik, die diesen Namen verdient.

digitalcourage.de/sicherheitstheater

Und jetzt gibt es die passende Haltung auch zum Anziehen: Unser neues T-Shirt „Stoppt das Sicherheitstheater!“ kommt mit einem dezenten Motiv daher. Kein lautes Protestplakat auf der Brust, sondern eine Botschaft, die ihre Wirkung auf den zweiten Blick entfaltet. Man muss schließlich nicht laut sein, um deutlich zu werden:
shop.digitalcourage.de/t-shirt-stoppt-das-sicherheitstheater.html

8.  Digitalcourage in den Medien

Alle Medienberichte der BigBrotherAwards zum Nachlesen gesammelt:
bigbrotherawards.de/2026/medienberichte

9.  Termine

Montag, 26. Oktober 2026, 19:15–21:00 Uhr
Linux-Installations-Party 
JIZ München
Sendlinger Str. 7 (Innenhof)
80331 München
digitalcourage.de/termine/2026/muenchen-linux-installationsparty-2026-10

Montag, 9. November 2026, 18:00–20:00 Uhr
Online: Treffen der AG Fediverse global 
Ein Mal im Monat tauschen wir uns darüber aus, wie wir dazu beitragen können, das Fediverse voran zu bringen. Wer sich einbringen möchte, kann eine Mail schicken an mail@digitalcourage.de

Montag, 16. November 2026, 18:00–20:00 Uhr
Online: Treffen der AG Digitale Selbstverteidigung 
Wer sich in der AG Selbstverteidigung einbringen möchte, kann sich per Mail an mail@digitalcourage.de wenden.