Das einundzwanzigste Adventstürchen

Ilona Koglin, CC-BY 4.0

Haben Sie als Kind mal versucht, ihre Eltern zu belauschen, um herauszufinden, wo die Geschenke versteckt sind? Bestimmt nicht, oder? Das wäre ja datenschutzrechtlich sehr fragwürdig. ;)
Die Firma Precire Technologies legt weniger großen Wert auf Datenschutz und belauscht Anrufe mit einer wissenschaftlich zweifelhaften, wahrscheinlich rechtswidrigen und gefährlichen Sprachanalysesoftware.

Wie sich Precire Technologies einen BigBrotherAward verdiente

Die Precire Technologies GmbH aus Aachen bekam den BigBrotherAward 2019 in der Kategorie Kommunikation. Vielleicht haben Sie noch nie von Precire gehört – aber es ist möglich, dass Precire schon von Ihnen gehört hat. Precire wurde beispielsweise bei automatisch geführten Bewerbungsgesprächen verwendet, um ohne personellen Aufwand ein „Persönlichkeitsprofil“ zu erstellen.

Precire analysiert dafür alles Mögliche: Stimmhöhe, Lautstärke, Modulationsfähigkeit, Sprechtempo und Rhythmus. Dazu die Häufigkeit der Wörter, die Länge der Sätze, die Länge der Pausen und so weiter. Und der Computer beurteilt auch gleich, ob die Sprache emotional oder wissenschaftlich, zurückhaltend oder direkt ist. Aus all dem schließt ein Algorithmus auf Ihren Charakter. Wissenschaftliche Zuverlässigkeit ist dabei nicht gegeben, was Personalabteilungen, die diese Software verwenden, aber offenbar nicht besonders stört.

Von Bewerbungsgesprächen bis zu Callcentern

Vielleicht dachten Sie bis jetzt, dass diese Technik zwar unerhört ist, aber Sie nicht direkt betrifft. Falsch gedacht, denn ein weiterer Geschäftsbereich von Precire ist der Einsatz der Sprachanalyse im Callcenter. „Offenbar zeichnen Callcenter die Sprache von Anrufern auf, leiten sie an einen Server von Precire weiter und lassen sie dort in Echtzeit analysieren. Und Precire schlägt dann dem Callcenter-Agenten vor, wie er oder sie weiter vorgehen soll. Das ist, als ob die ganze Zeit ein Psychologe im Ohr des Callcenter-Agenten sitzt, mithört und ihm live einflüstert, was er als nächstes sagen oder anbieten soll. Die Software soll zum Beispiel erkennen: Ist die Kundin so sauer, dass sie kündigen will, oder will sie nur einen Rabatt rausschlagen?“ (Laudatio)

„Dieser Einsatz von Sprachanalyse im Callcenter ist nicht nur unethisch – er ist illegal. Er verstößt gegen das Telekommunikationsgeheimnis und verletzt die Vertraulichkeit des gesprochenen Wortes (§ 201 StGB). Das ist strafrechtlich besonders sanktionierbar“(Laudatio). Bis dies nicht mehr gängige Praxis ist, empfehlen wir Ihnen das nächste Mal, wenn sie von einem Callcenter angerufen werden ganz klar zu sagen: „Nein! Ich will nicht, dass Sie dieses Gespräch aufzeichnen!“.

BigBrotherAwards Nominierungen 2021

Ihre Nominierungen für die BigBrotherAwards 2021 nehmen wir gerne entgegen. Nennen Sie uns Organisationen, Institutionen, Verbände oder Personen, die Ihres Erachtens für die Verleihung eines BigBrotherAwards in Frage kommen.

Grid imageMatthias Hornung

Wie Precire uns noch vor der Preisverleihung weitere Informationen lieferte

Einige Tage bevor die BigBrotherAwards verliehen werden, informieren wir die Preisträger.innen inklusive einer kurzen Begründung. 2019 bekam Rena Tangens daraufhin einen Anruf von der Firma Precire. Dieser Rückruf hat uns in diesem Fall besonders gefreut, denn er gab einige wertvolle Informationen preis.

Der Anrufer erklärte, dass Precire bei Callcentern keine Persönlichkeitsanalyse machen würde, sondern nur „Emotionsanalyse“. „Das waren gleich zwei wertvolle Informationen“, schmunzelt Rena Tangens, „denn erstens konnte ich so die Laudatio noch präzisieren, und zweitens hat er mir damit bestätigt, dass die Precire-Software tatsächlich in Callcentern eingesetzt wird. Diese Praxis-Bestätigung hatten wir bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wir wussten nur, dass sie die Analyse für Callcenter auf ihrer Website anpreisen, aber nicht, ob sie wirklich dort laufen. Aber das war nach dem Anruf dann klar.“ (Jahrbuch 2020, Seite 103)

Eine weitere Rechtfertigung war ebenfalls sehr hilfreich: Der Anrufer erklärte nämlich, dass die Firma sehr datenschutzbewusst sei und die Analyse-Software nicht an die Callcenter weitergebe. „Demnach muss die Datenverarbeitung zur Analyse der Gesprächsaufnahmen auf Precire-Computern laufen“, schlussfolgert Rena Tangens. „Das ist datenschutzrechtlich von Callcenter-Seite aus eine ‚Weitergabe von Daten an Dritte‘, und darüber werden die Anrufenden nicht informiert.“ (Digitalcourage Jahrbuch 2020, Seite 103).

Solche erhellenden Anrufe nehmen wir doch gerne entgegen.

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Veröffentlicht am 01.12.2020

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