Das zweiundzwanzigste Adventstürchen

Ilona Koglin, CC-BY 4.0

Besuchen Sie über die Weihnachtsfeiertage jemanden? Wenn ja: Wohin genau soll die Reise gehen und wie lange wollen Sie bleiben? Diese Fragen beantworten Sie Ihren Freund.innen bestimmt gerne, aber muss das auch die Deutsche Bahn wissen? Leider arbeitet die Bahn daran, anonymes Reisen immer weiter zu erschweren. Dafür haben sie bereits zwei BigBrotherAwards verliehen bekommen.

Wie sich die Deutsche Bahn zwei BigBrotherAwards verdiente

Bereits im ersten Jahr der BigBrotherAwards (2000) gewann die Deutsche Bahn den Preis in der Kategorie Behörden und Verwaltung (hier geht es zur Laudatio). Sieben Jahre später folgte ein zweiter BigBrotherAward (Laudatio), diesmal in der Kategorie Wirtschaft. Beide Preise wurden dafür verliehen, dass anonymes Reisen faktisch unmöglich gemacht wird. Dies geschieht sowohl mit immer flächendeckenderer Videoüberwachung als auch mit vielen weiteren Maßnahmen.

Die Laudatio aus dem Jahr 2007, in der Sie auf eine Reise in und durch die Deutsche Bahn mitgenommen werden, wollen wir an dieser Stelle sehr empfehlen. Auf den Punkt gebracht sind die Probleme auch in einem kurzen Blogartikel von 2011:

  • „Die Bahn erhielt einen BigBrotherAward, ‚da sie systematisch anonymes Reisen mit den Mitteln des faktischen Zwangs unmöglich macht: Auflösen von Fahrkartenschaltern, Automaten ohne Bargeldannahme, personalisierter Kauf im Internet, Abfrage des Geburtsdatums und Zwangsabgabe eines Bildes bei BahnCards, flächendeckende Videoüberwachung und ein RFID-Chip in der BahnCard 100, ohne Kunden zu informieren und vieles mehr‘“.

Im Laufe der Jahre sind Maßnahmen, die bei der Einführung auf massiven Widerstand der Bevölkerung stießen, für viele zur Normalität geworden. Wir sollten es nicht für selbstverständlich hinnehmen, dass uns das hohe Gut der (anonymen) Reisefreiheit immer weiter verwehrt wird! Das heutige Türchen soll daran erinnern, dass es auch anders ging und immer noch geht.

BigBrotherAwards Nominierungen 2021

Ihre Nominierungen für die BigBrotherAwards 2021 nehmen wir gerne entgegen. Nennen Sie uns Organisationen, Institutionen, Verbände oder Personen, die Ihres Erachtens für die Verleihung eines BigBrotherAwards in Frage kommen.

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Grid imageMatthias Hornung

Update:

Ein erster Erfolg, der unter anderem auch auf die BigBrotherAwards zurückgeführt werden kann, wurde 2009 errungen: Hartmut Mehdorn, der Vorsitzende der Deutschen Bahn seit 1999, musste zurücktreten. Grund war ein riesiger Datenskandal im Bereich der Mitarbeiter.innenüberwachung: Wiederholt wurden Stammdaten wie Anschriften, Telefonnummern und Bankverbindungen der Beschäftigten mit anderen Datenbanken abgeglichen. Darüber hinaus wurden teilweise sogar Privatkontakte und weitere persönliche Informationen eingeholt und ausgewertet. Die Aufarbeitung des Skandals und darauf folgende Ermittlungen konnten zeigen, dass mehrere Spitzenmanager in die Schnüffelei und Überwachung involviert waren. Kündigungen folgten. Die Deutsche Bahn beteuerte daraufhin, dass sie einen Neuanfang suche und Datenschutz eine stärkere Bedeutung beimessen wolle.

Ein weiterer Erfolg in diesem Bereich ist, dass sich Datenschutzbeauftragte mehrerer Länder, bspw. von Niedersachsen und NRW, gegen die immer weiter zunehmende Videoüberwachung von Bahnreisenden wehren. Dazu veröffentlichten wir 2017 einen Blogartikel.

2016 fanden wir, dass Videoüberwachung endlich klar kenntlich gemacht werden sollte und statteten deshalb eine Berliner U-Bahn-Station mit ehrlichen Hinweisen zu Videoüberwachung aus: Bisher behaupteten Hinweisschilder der Berliner Verkehrsbetriebe an der Friedrichstraße: „Dieser U-Bahnhof wird zu Ihrer Sicherheit per Video kontrolliert.“ Eine völlig irreführende Aussage. Um die Verbreitung dieser Falschinformation zu stoppen, haben wir an ihrer Stelle neue Schilder installiert. „Jedes Überwachungsvideo, das Gewalt zeigt, ist ein Beweis, dass Videoüberwachung Ihnen keine Sicherheit bringt.“, stellt eins richtig. Das andere erklärt: „Videoüberwachung wird von Gewalttätern ignoriert, von Kriminellen eingeplant und Terroristen erkennt man nicht vorher. Nur Sie spüren Überwachungsdruck.“

Im Kontext der Videoüberwachung haben wir uns übrigens auch ausführlicher mit wissenschaftlichen Studien zu den Folgen von Videoüberwachung beschäftigt und überprüft: Wirkt Videoüberwachung?

Fazit:

Die Klimakrise schreitet immer weiter voran und öffentlicher Nah- und Fernverkehr sind für Emissionseinsparungen unverzichtbar. Wir wollen uns daher eindeutig nicht gegen die Nutzung der Bahn aussprechen! Wir wünschen uns, dass wieder mehr Reisende die Bahn nutzen – und das auch anonym(er).

Veröffentlicht am 01.12.2020

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