Fediverse teilen und herrschen

Facebook will Social Media weiter kolonialisieren

Facebook will Twitter mit einer neuen App Konkurrenz machen. Gleichzeitig versucht Facebook, auch das Fediverse zu vereinnahmen, so die Befürchtung.

Während Twitter immer tiefer in einer Twitterpocalypse versinkt, ist es jetzt nach einigen Wochen wilder Gerüchteküche offiziell: Facebook will eine neue App starten, die Millionen Nutzerinnen und Nutzern scheinbar den Weg ins Fediverse ebnen könnte.

Wie soll das funktionieren?

Die neue App soll ähnlich funktionieren wie Twitter, und Instagram-Nutzerinnen sollen mit wenigen Klicks die App nutzen können. Dass diese App ein Datenschutzproblem sein wird, zeigt sich schon darin, dass die App zunächst nur in den USA und UK verfügbar sein soll.

Brisant daran: Der neue Dienst soll über das Protokoll „ActivityPub” auch eine Anbindung an das Fediverse bekommen. Das würde heißen, dass Leute mit einem entsprechendem Account auch u.a. mit der Mastodon-Community Nachrichten austauschen können. Facebook hat mit wenigen Anbietern im Fediverse Gespräche aufgenommen und Vereinbarungen getroffen. Diese Gespräche fanden hinter geschlossenen Türen statt und die Vereinbarungen sind geheim. Das hat für viel Gesprächsstoff im Fediverse in den letzten Tagen gesorgt. Im Fediverse ist man sich uneins, wie darauf zu reagieren ist.

Umarmen, Erweitern, Auslöschen

Wir trommeln seit vielen Jahren dafür, dass offene Standards und Protokolle ihren Weg in den Mainstream finden. Und wir haben uns immer gewünscht, dass Dienste so gebaut werden, dass sie „miteinander reden” können – Interoperabilität ist eine der Kernforderungen von Netzaktivistinnen und digital Natives. Warum also sind wir nicht glücklich, wenn Meta Millionen von Nutzerinnen den Weg ins Fediverse weist – und möglicherweise auch Geld mitbringt, um die Entwicklung und Benutzerfreundlichkeit von Fediverse-Apps zu beschleunigen?

Es ist so: Die großen Internet-Monopolfirmen haben sich in den letzten Jahren nicht gerade durch Nächstenliebe ausgezeichnet. Microsoft soll seine Strategie intern als „Embrace, Extend and Extinguish” zusammengefasst haben – Umarmen, Erweitern, Auslöschen. Diese Strategie funktioniert so: Ein großes Unternehmen entwickelt ein neues Produkt, das mit offenen Standards arbeitet und dadurch weitgehend kompatibel mit ähnlicher Software der Konkurrenz ist (Embrace). Dann schafft diese Firma zusätzliche Funktionen, die nicht mehr offen sind – das heißt, die Konkurrenz hat keine Chance, diese Funktionen kompatibel zu machen (Extend). Diese Funktionen werden massiv beworben, bis sie zum „Industrie-Standard“ werden, der nicht mehr offen ist. Die Konkurrenzprodukte aber sind ohne diese Funktionen nicht mehr wettbewerbsfähig und sterben aus (Extinguish). Das haben wir mit dem XMPP-Protokoll („Jabber“) gesehen: Als Google zum Beispiel XMPP in Google Talk implementierte, haben sie die Dinge langsam und stetig auf ihre Weise durchgezogen. Es gab verschiedene Implementierungen, Protokolländerungen usw. Andere hatten – wegen der Macht- und Finanzasymmetrie – keine andere Wahl, als nachzuziehen. Heute gibt es kaum noch brauchbare Anwendungen, die XMPP standardkonform umsetzen.

Welche Motivation hat Facebook/Meta also wirklich, auf das ActivityPub-Protokoll zu setzen? Was ist, wenn Facebook den ActivityPub-Standard erst übernimmt, dann mit großen Ressourcen in seinem Sinne erweitert und damit neue Standards in einem Tempo schafft, bei dem kleinere Mitspieler im Fediverse nicht mehr mithalten können?

So etwas ist bereits geschehen: Setzt man heute einen eigenen Mail-Server auf, landet man oftmals in den Spamfiltern einiger großer Mitspieler wie GMail, die mit ihrer Marktmacht mittlerweile die Standards vorgeben und von dem dezentralen Grundgedanken nicht mehr viel übrig gelassen haben. WWW-Standards werden von Google so dominiert, dass nur noch Google konkurrenzfähige Webbrowser produzieren kann (fast alle Browser nutzen Googles Rendering-Engine; auch Firefox muss sich Entwicklerinnen und Entwickler von Google ausleihen).

Fediverse im Dilemma

Viele Fediverse-Teilnehmende haben sich mit Absicht gegen die großen „sozialen“ Netzwerke der Überwachungskapitalismuskonzerne und deren Umgangsformen entschieden und fürchten jetzt, dass eine dezentrale soziale Vernetzung mit offenen Strukturen und auf Basis freier Software – die Voraussetzung für ein echtes soziales Netzleben sind – im Ansatz vernichtet werden.

Soziale Netzwerke leben vom Austausch von Menschen untereinander – und auch davon, dass neue Teilnehmerinnen frische Impulse und Denkansätze mitbringen und so den Horizont aller erweitern. Darauf freuen wir uns. Gleichzeitig wollen wir die Werte des Fediverse schützen: Dezentralität, Unabhängigkeit und Mitbestimmung durch alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Und jetzt?

Wie wird also das Fediverse auf die Pläne von Meta reagieren? Und wie werden wir mit unseren Instanzen umgehen? Das können wir noch gar nicht so genau sagen. Einige Instanzen im Fediverse haben sich bereits entschieden und vereinbart, gemeinsam die Threads-Instanz zu blockieren:

Wir sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht davon überzeugt, haben aber noch keine Entscheidung getroffen. Denn es sind noch viele Fragen offen, z.B. wie umfassend und sauber der Facebook-Konzern das ActivityPub-Protokoll implementiert. Können zum Beispiel Accounts einfach auf andere Mastodon-Instanzen verschoben werden? Und wie werden Daten aus dem Fediverse von Meta verarbeitet und gespeichert?

Für uns als Instanzbetreiber gäbe es neben der Möglichkeit der kompletten Sperrung auch die Möglichkeit, Inhalte von „Threads“ zu „limitieren“ („stummschalten“). Dadurch würden die Timelines der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf unseren Instanzen digitalcourage.social und bewegung.social nicht automatisch von Facebook mit Inhalten überschwemmt, sondern Personen könnten individuell entscheiden, ob sie Personen auf der Instanz von Meta zu folgen möchten.

Das Hauptziel von Facebook scheint zunächst die Abwerbung von Twitter-Nutzern zu sein. Allerdings dürfte der Konzern erkannt haben, dass ein starkes Fediverse sein Konzept der Kolonialisierung und Monopolisierung von „Social Media“ unterlaufen kann und wird. Umso wichtiger ist es, dem Konzern nicht auch noch die Deutungshoheit über das Fediverse zu überlassen. Das bedeutet im Gegenzug, dass die Gestalter des Fediverse unternehmerischer werden müssen.

Die neue Facebook/Meta-App ist dank der europäischen Datenschutzgesetze vorerst nur für Einwohner der USA und Großbritanniens verfügbar. Die Fediverse-Inhalte gibt es aber schon – und zwar ohne persönliche Daten an Facebook zu geben, um im Gegenzug getrackte Werbung zu erhalten. Der direkte Einstieg ins Fediverse ist zum Beispiel unsere Mastodon-Instanz digitalcourage.social. Dort zahlen die Teilnehmenden einen Euro pro Monat für den vollen Zugang und sind dafür Kundinnen und Kunden und nicht das Produkt, mit dessen Daten intransparent Geld verdient wird.

Hintergrund

Die gemeinnützge NGO Digitalcourage („für eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter“) betreibt mehrere Dienste im Fediverse. Digitalcourage erprobt Fediverse-Betriebskonzepte und gibt Hilfestellungen für Firmengründungen. Schon 2011 erhielt Facebook einen BigBrotherAward.