Du hast keine Chance – aber nutze sie

Unter dem Eindruck des kalten Krieges und der Studentenbewegung prägte Herbert Achternbusch 1975 den Satz „Du hast keine Chance – aber nutze sie“. Heute fühlen wir einfachen Menschen uns bei den Angriffen auf unsere „Privatsphäre“ den dunklen Kräften der Welt komplett ausgeliefert.

Unter dem Eindruck des kalten Krieges und der Studentenbewegung prägte Herbert Achternbusch 1975 den Satz „Du hast keine Chance - aber nutze sie“. Heute fühlen wir einfachen Menschen uns bei den Angriffen auf unsere „Privatsphäre“ den dunklen Kräften der Welt komplett ausgeliefert. Aus jedem Winkel tauchen immer neue Ideen auf, warum es unumgänglich ist, Daten zu erschnüffeln. Nach dem Motto: „Zum Wohle der Menschheit auf das Wohl der Menschheit verzichten“. Hätten wir diese einfach immer umsetzen lassen, wären wir schon längst alle zum eigenen Schutz entmündigt und lebten im Horror einer Technokratie.

Unsere persönlich empfundene Situationsuhr steht auf fünf Minuten nach zwölf. Und? Da steht sie bereits seit 30 Jahren. Und just erleben wir eine interessante Zeit, in der weltweit Menschen die Uhr wieder zurück drehen, sekundenweise und hartnäckig. Und das verlangt von uns nicht viel mehr, als mit Immanuel Kant „Faulheit und Feigheit“ zu überwinden, die in die selbst verschuldete Unmündigkeit führen: Anders als Sophie Scholl, deren letztes Wort „Freiheit“ war, haben wir im heutigen Deutschland keine Todeszelle zu befürchten. In Gedenken an Sophie Scholl und viele andere Kämpferinnen und Kämpfer für Freiheit, haben wir kein Recht, pessimistisch zu sein und wir haben kein Recht, nichts zu tun.

Ich sehe Bewegung in der Politik. Sie braucht jetzt Unterstützung des öffentlichen Bewusstseins. Wir lernen gerade, dass nicht nur technisch-juristisch argumentiert werden darf, sondern dass es einen breit angelegten gesellschaftlich-philosophischen Diskurs braucht. Wir müssen - und werden - wieder lernen auch verbal unser Lebensrisiko selbst zu tragen. Das bedeutet: Freiheit statt Angst. Wir lernen, dass eine „effektive“ Verwaltung, die uns „Sicherheit“ verspricht, direkt in die Unsicherheit führt: Wir benötigen gut ausgebildete Ermittler statt die Stasi-Methoden der Überwachung durch Vorratsdatenspeicherung, Fingerabdrücke auf Ausweisen oder zentrale Krankheitsdatenbanken. Wir brauchen Freiheit, also: Schutz vor dem Staat, nicht durch den Staat. Das steht übrigens bereits so im Grundgesetz.

Dieser Diskurs über Freiheit muss breit geführt werden - mit vielen klugen Köpfen. Als einzelne haben wir – glauben wir – keine Chance. Dabei hat jede und jeder einen Einfluss größer als null[^1]. Diesen Einfluss, diese Chance nutzen wir, indem wir uns weiter ver-einigen und vielleicht hier und da – als die Klügeren – mal nachgeben, aber uns langfristig durchsetzen. Reden Sie mit Ihrem Nachbarn. Gleich jetzt.

Dieser Text von padeluun erschien zuerst in Zeit Wissen 2/2014.

(Bild: kallejipp / photocase.com)

[^1]: Zitat von Wolf Schneider über Weiterentwicklung von Sprache