The Circle (Kinofilm): Eine Aufforderung zum Aktivismus?

Vorsicht: Spoilerwarnung

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Mae Holland ist glücklich und erleichtert als sie, vermittelt von ihrer Freundin, einen Job beim Technologiegiganten The Circle ergattert. Obwohl das Unternehmen ihr zunehmend mit Überwachungs-Gadgets auf die Pelle rückt, schreckt sie nicht zurück und bezieht sogar ihre Familie mit ein, wodurch ihr Vater bessere Gesundheitsleistungen erhält. Nachdem Mae wegen zufälliger Videoüberwachung aus einer lebensgefährlichen Situation gerettet werden kann, schließt sie sich der Circle-Ideologie vollständig an und wird zur Repräsentantin der Firma. Sie glaubt, dass Überwachung einen besseren Menschen aus ihr macht und überträgt fortan ihr gesamtes Leben mit einer Ansteckkamera ins Netz. Ihr Kindheitsfreund Mercer verweigert sich jedoch dem Social-Media-Netz und wird schließlich vom schaulustigen Mob zu Tode gehetzt. Nach einer kurzen Auszeit erklärt Mae auf dem nächsten öffentlichen Unternehmens-Event mit einem breiten Grinsen, dass alle Kommunikation des Unternehmens, ebenso wie alle E-Mails der beiden verdutzten Chefs gerade veröffentlicht wurden, denn schließlich müsse man bei Transparenz mit gutem Beispiel vorangehen. In der letzten Einstellung sitzt sie von mehreren Drohnen umkreist im Kajak, blickt auf und sagt „Hallo“.
Offensichtlich soll das Unternehmen The Circle eine Fusion aus Apple, Google, Amazon und Facebook darstellen, was auch optisch sehr plakativ mit der Realität zusammenfällt. Apple hat 2017 sein brandneues, kreisrundes Hauptquartier eingeweiht (siehe Titelbild, Entwurf des Gebäudes).

Die Silicon-Valley-Ideologie

Mit Maes neuem Job führt uns der Film ins Herz eines Silicon-Valley-Giganten und zeigt dessen Ideologie: Die Technik soll das Leben bequemer machen, die Welt verbessern und die eigenen „Optimierungspotentiale“ freilegen. Das klingt sehr nach Googles früherem „Don‘t be evil“, neuerdings „Do the right thing“. Doch womit erwirtschaftet der Circle den Profit? Verkaufen sie Geräte oder Daten? Vielleicht auch Werbeanzeigen? Zukünftige Kundenbeziehungen? Ausgerechnet bei diesem Thema bleibt The Circle undurchsichtig und auch bei den realen Vorbildern wäre es beispielsweise interessant zu wissen, wie viel Geld diese von Geheimdiensten für ihre Überwachungsdienste erhalten.

Freiwillig in den goldenen Käfig

Klar wird dafür, dass der Circle gerne alle Daten dieser Welt hätte: „Wissen ist gut. Alles zu wissen ist besser“. Und dieser Slogan bezieht sich nicht nur auf vorhandene Daten, sondern auf alles, was zukünftig verdatet werden kann. So wird vorgeschlagen die ganze Welt mit kleinen Satelliten-Videokameras (Im Film: SeeChange) zuzupflastern, denn wenn alles öffentlich ist, kann sich Ungerechtigkeit nicht mehr verstecken. Politische Aktivisten hätten dann immer die Rückendeckung der Öffentlichkeit, postuliert der Steve Jobs des Circle. Mit solch schlechten Argumenten werden die Protagonisten eingeseift und begeben sich entzückt von den Möglichkeiten ihrer hippen Technik ganz freiwillig in den goldenen Käfig. Im Film wird bewusst auf Gegenargumente verzichtet, die soll sich das kritische Publikum selber bilden. Dafür werden einige Konsequenzen gezeigt: Die Geister, die Mae mit ihrer permanenten Videoüberwachung rief, wird sie später nicht mehr los. Offenbar wird dies als sie sich mit ihrer Freundin Annie privat unterhalten will, was sie dann während dem 3-Minuten-Aufnahmestopp, der für den Toilettengang vorgesehen ist, tut. Obwohl sie sich freiwillig für die Videoübertragung entschieden hat, lässt sie sich nun von deren Regeln beschränken.

Alles gefilmt, nichts erlebt

Da die Circle-Nutzer selber auch fleißig Daten für das Unternehmen sammeln, ergibt sich für sie die Gefahr der Verzweckung von Mitteln. Während man früher Spaziergänge und Unterhaltungen genossen hat und maximal ein Foto machte, um sich an den schönen Moment zu erinnern, wird nun alles gefilmt und fotografiert, um zu zeigen, was man gerade Tolles erlebt. Dadurch kommt man gar nicht mehr dazu, die eigentliche Erfahrung zu machen, sondern ist nur noch damit beschäftigt, wischend hinter dem Smartphone, die richtigen Bilder zu erzeugen. Die Unterhaltung von Mae und Mercer, die zunehmend von filmenden Passanten umringt werden, obwohl Mae selbst schon alles aufzeichnet, deutet diese Problematik an.

„Deine Geheimnisse sind Lügen“

Die gehorteten Daten verleihen dem Circle die Macht, glaubhaft versichern zu können, man wisse besser, was gut für den Einzelnen sei als dieser selbst. So schafft es das paternalistische Circle-Führungsduo Mae regelrecht zur Unmündigkeit zu erziehen. Nach ihrer Rettung gipfelt diese Charakterentwicklung darin, dass sie zu dem Schluss kommt, dass Menschen sich unter Überwachung besser verhalten. Bei der nächsten Präsentation erklärt sie, zukünftig alle ihre Tätigkeiten live als Video ins Netz zu stellen und verkündet drei Slogans: „Secrets are Lies,“ (Geheimnisse sind Lügen), „Sharing is Caring,“ (Teilen ist Heilen) und „Privacy is Theft“ (Alles Private ist Diebstahl).

„Alles Private ist Diebstahl“

Sinn und Sprache werden dabei absichtlich verdreht: Nach Georg Simmel muss das Böse zwar häufig im Geheimen agieren, was aber den Umkehrschluss nicht rechtfertigt, nämlich dass alle Geheimnisse bösartiger Natur sind. „Sharing is Caring“ ist im angloamerikanischen Raum ein Aufruf zu sozialem Verhalten und freiwilliger Abgabe zum Wohle anderer. Doch wer gezwungen wird und ohne Grenzen alles Private öffentlich macht, der ist gefährdet überhaupt kein eigenes Leben mehr zu führen, denn die eigenen Zuschauer werden dann mitgedacht, deren Wertung wird vorweggenommen und ein authentisches Selbst nahezu unmöglich. Am gefährlichsten ist aber der letzte Slogan (Alles Private ist Diebstahl), in dem durch das Wort ‚Diebstahl‘ mitschwingt, dass das Individuum Eigentum einer anderen Instanz ist. Es ist dann nicht mal mehr ein Katzensprung zur faschistischen Losung „du bist nichts, dein Volk ist alles“.

Im Circle bist du immer auf Arbeit

Geschickte Sprachverdrehung nutzt das Unternehmen auch bei der Personalführung: Von den Mitarbeitern/innen wird unter dem Schein der Freiwilligkeit die völlige Entgrenzung gefordert. Denn wer nicht mitmacht landet in den relevanten Rankings immer unten, was sich bestimmt nicht positiv auf die Karriere auswirkt. So zumindest lautet die nicht ausgesprochene Drohung. Dass der PartiRank, wie im Film dargestellt, auf eine Erfassung von unbezahlten Überstunden hinausläuft, passt nur allzu gut zum entgrenzten Arbeitsplatz. Und da das Unternehmen auch Partys, Kinderbetreuung, Selbsthilfegruppen und überhaupt alles anbietet, was man sich vorstellen kann, gibt es überhaupt keinen Grund mehr sich von der Arbeitsstelle und den Kollegen/innen zu entfernen. Was solche Arbeitsbedingungen für Nebenwirkungen entfalten, zeigt sich an Maes Freundin Annie, die einen Burnout erleidet. Mae selber hat immer weniger Kontakt zu ihren Eltern. Statt ihr häufiger den Besuch des kranken Vaters zu ermöglichen, wird ihr vorgeschlagen, sich an der firmeneigenen Selbsthilfegruppe für Multiple-Sklerose-Angehörige zu beteiligen. Selbst die Freunde von Mae sind von ihrer Entgrenzung betroffen. So will sich Annie im späteren Verlauf des Films nur noch mit ihr unterhalten, wenn keine Aufnahmen gemacht werden. Über Mercer, der Lampen aus Geweihstücken fertigt, bricht ein Shitstorm herein, weil Mae ein Foto davon ins Netz geladen hat und ihm unterstellt wird, er würde dafür Tiere töten. Anschließend sichert Mae ihm in beispielhafter Naivität zu, das wieder in Ordnung zu bringen. Aber wie kann man Morddrohungen wieder „in Ordnung“ bringen?

Erst bequem, dann beliebt, dann fremdbestimmt

Ein ebenfalls wichtiges Thema des Films ist das Verhältnis von Zwang und Freiwilligkeit. Der Zwang wird dabei hauptsächlich an Mae dargestellt, die durch ihr Arbeitsverhältnis gegenüber ihrem Arbeitgeber kaum eine Wahl hat und nach allen Regeln der Kunst manipuliert wird. So erfährt sie bei einer medizinischen Untersuchung beispielsweise erst nachdem sie eine komische Flüssigkeit getrunken hat, dass es sich dabei um Sensoren handelt. Die Freiwilligkeit zeigt sich bei ihren Eltern und Mercer. Während sich ihre Eltern erst begeistert zeigen und videoüberwachen lassen (vermutlich teilweise zum Dank für die Gesundheitsleistungen), steigen sie nach einem Privatsphärendisaster wieder aus. Ob sie damit auch ihre Gesundheitsleistungen verlieren, bleibt im Film unklar. Dafür wird gezeigt, was mit Menschen passiert, die sich der kollektiven Selbstentblößung vollständig verweigern: Sie werden dem schaulustigen Mob zum Mysterium und damit zum besonders begehrten Ziel, weil sie rar sind (siehe auf Youtube die inflationäre Verwendung des englischen Begriffs „rare“, mit dem die Zuschauerzahl gesteigert werden soll). Im Film wird Mercer regelrecht zu Tode gehetzt. Inhaltlich ähnelt dies dem Ende von Huxelys Buch Schöne neue Welt (1932), lediglich die Smartphones und Drohnen fehlen den Gaffern. Das Prinzip ist aber das Gleiche: Die anonyme Masse bläst zur Invasion in die Privatsphäre derer, die eben eine solche noch besitzen. Im Circle oder bei Huxley können die Geschädigten nur flüchten.

Ein Unternehmen ohne Gegenmacht

In der Realität gibt es zum Glück noch eine staatliche Ordnung, die dieses Stalking zumindest wesentlich erschweren kann. Im Circle dagegen wird der Staat bereits aktiv unterwandert. Eine Abgeordnete, die die Zerschlagung des Circles fordert, bekommt prompt mit dem FBI Probleme, weil das Unternehmen kompromittierende Daten weiterreichte. Außerdem übernimmt der Circle mit seinen zahlreichen Angeboten auch klassische Aufgaben des Staates, der im Film eher als schwach dargestellt wird. So wird beispielsweise nichts gegen die weltweite Installation von Satelliten-Videokameras unternommen. Und auch die Chefs des Circles scheinen sich nie Gedanken um die juristische Haltbarkeit ihrer Taten machen zu müssen. Es scheint, als operiere der Techgigant ganz frei im unregulierten Raum und welches Unternehmen dort als erstes Fuß fasst, hat einen klaren wirtschaftlichen Vorteil, der im besten Fall zu einem Monopol ausgebaut werden kann. In einer solchen Nische will kein Unternehmen – entgegen der Selbstdarstellung – etwas von Vielfalt, Gleichberechtigung, oder gar Chancengleichheit für die Konkurrenz hören. Auf die Spitze getrieben wird das Verhältnis gegenüber dem Staat mit folgendem Anspruch: „Nicht der Circle braucht den Staat, sondern der Staat braucht den Circle“.

The Circle (Kinofilm): Eine Aufforderung zum Aktivismus

Sicher kann das Filmende mit den gegebenen Informationen in verschiedener Weise gedeutet werden, aber es ist – und das ist sehr lobenswert – kein triviales James-Bond-Happy-End (Spectre), wo die Datencenter des Feindes gesprengt werden und die Welt wieder in Ordnung kommt (nur der britische Geheimdienst darf alle überwachen). Eine überwachungskritische Interpretation könnte wie folgt lauten: Mae erkennt durch den Tod von Mercer die bedrohliche Totalität und Oberflächlichkeit der (A)Sozialen-Netzwerke. Da sie die kollektive Selbstentblößung aber für nicht mehr umkehrbar hält und viele Menschen von ihren Zerstreuungs-Gadgets abhängig sind, beschließt sie, wenigstens ihre beiden Chefs noch mit in den Post-Privacy-Abgrund zu reißen. Die Moral dieser Parabel wäre dann, dass die Folgen einer Technologie abgeschätzt werden müssen, bevor man sie weltweit ausrollt. Denn die Post-Privacy-Entwicklung ist ebenso unumkehrbar, wie bereits im Internet veröffentlichte Daten wieder zurück geholt werden können. Oder Allgemeiner: Eine Technologie lässt sich nur äußerst schwer zurücknehmen oder verbieten, sobald sie einmal etabliert ist. Der Film hätte damit das Potential in der Informatik eine ähnliche Ethikdiskussion anzustoßen, wie es in der Physik nach dem militärischen Einsatz der ersten beiden Atombomben passiert ist. Voraussetzung dafür wäre aber, dass wir im Gegensatz zu Mae jetzt gesellschaftliche Gegenmaßnahmen ergreifen, beginnend damit Kritik zu üben, statt die im Film angedeuteten Probleme schönzureden und weiter zuzulassen, dass Technologie-Konzerne mit ihrer neuen Macht Staat und Grundrechte untergraben.

Aufmacherbild: Norman Foster - Apple Campus 2 Rendering 01.jpg CC BY 2.0

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