Videoüberwachung ja oder nein? Werbung auf Facebook oder lieber nicht? Auch Veranstaltungskaufleute müssen solche Entscheidungen treffen. Wir waren am Mittwoch, 17. Mai 2017 im Rudolf-Rempel Berufskolleg in Bielefeld und haben diskutiert.

„Ein Appell vorab: Nutzt euer Wissen, um gute Veranstaltungen zu machen und nicht, um eure Kundinnen und Kunden überwachen, bewerten und analysieren zu lassen“, sagte Friedemann Ebelt von Digitalcourage.

Unser Campaigner Friedemann hat in einem Vortrag durchgespielt, welche Entscheidungen über die eigene Privatsphäre und über die Privatsphäre von anderen Menschen bei der Organisation von Veranstaltungen getroffen werden müssen. Nehmen wir als Beispiel ein Konzert:

  • Bewerben wir unser Konzert auf Facebook? Auf den ersten Blick ist Facebook ein kostenloser und einfacher Zugang zu 28 Millionen aktiven Nutzer.innen in Deutschland. Die Realität sieht anders aus: Facebook filtert intransparent. Das heißt, Beiträge sehen längst nicht alle, die sie sehen sollen, außer es wird an Facebook Geld überwiesen. Facebook überwacht und analysiert jede Mausbewegung, jeden Like, jede Beziehung und jeden Tastenanschlag. Wollen wir unsere Konzert-Gäste so überwachen lassen? Dazu kommt: Facebook ist nicht kostenlos, denn es kassiert Daten und Geld. Mehr dazu gibt es zum Beispiel beim Bundesverband Verbraucherzentrale. Tipps zum Umgang mit Facebook haben wir in einem Artikel zusammengestellt. Im Zweifel hat Facebook mehr von unserem Konzert, als wir von Facebook. Die Kontrolle über die Kommunikation haben wir jedenfalls nicht.

  • Wollen wir Daten nutzen, um Preise zu personalisieren? Bekannt ist, dass ein Flug, der mit einem MacBook gebucht wurde, teurer ist, als der selbe Flug, der mit einem Microsoft-Rechner gebucht wurde. Dieser Irrsinn wird in Zukunft zunehmen. Warum das eine Entwicklung ist, die kein Mensch braucht, erklärt padeluun bei den BigBrotherAwards 2017. Das Video ist online. Das Problem ist die Diskriminierung. Es sind nicht die Kund.innen, die entscheiden, wie viel Ihnen eine Konzertkarte wert ist, sondern, es sind Daten und Algorithmen, die bewerten, wie viel die Kund.innen wert sind. Was ist mit denen, über die wenige Daten vorliegen, weil sie nicht auf Facebook sind? Bekommen die den Höchstpreis oder erst gar keine Infos über das Konzert vorab?

  • Lassen wir unser Konzert videüberwachen? Unser Konzert ist eine Großveranstaltung und in Zeiten von Terror wird das videoüberwacht. Ist das sinnvoll? Nein, denn es ist nicht verhältnismäßig. Alle haben das Recht auf ein Konzert zu gehen, ohne, dass sie dabei von dritten beobachtet werden. Nicht-Überwachung muss der Normalfall sein. Falls eine Terror-Warnung vorliegt und aus konkreten Gründen die sowieso erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen nicht reichen, kann im begründeten Einzelfall auch über Kameras nachgedacht werden. Aber: Eine Videokamera wird einen Anschlag oder ein Verbrechen nicht verhindern. Noch nie ist eine Kamera aus ihrer Halterung gesprungen und hat sich zwischen Täter und Opfer gestellt. Auch zur Aufklärung tragen Überwachungskameras nur sehr eingeschränkt bei, die meisten Täter stellen sich selbst oder werden durch Bekannte oder Freunde überführt. Der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt nutzte die Videoüberwachungskamera sogar, um Propaganda zu machen. Er zeigte das IS-Zeichen in die Kamera, weil er wusste, dass dieses Bild um die Welt gehen wird. Videoüberwachung kann also Verbrechen sogar anziehen. Mehr Fakten gibt es in unserer wissenschaftlichen Materialsammlung: Wirkt Videoüberwachung?

  • Setzen wir RFID-Armbänder ein? Das Berlin Festival und das Hurricane haben 2015 ihren Gäste mit Armbändern sozusagen elektronische Handgelenk-Fesseln angelegt. Das Schlagwort ist Crowd-Control-Management, dafür bekamen die Cashless Festivals 2016 auch eine tadelnde Erwähnung bei den BigBrotherAwards. Das Problem ist, dass erfasst und analysiert werden kann, wer wann was trinkt und sich wo aufhält. Wozu? Sollen zukünftig nur noch die Leute Werbung für die begehrten Festival-Tickets bekommen, die maximal viel konsumieren? Werden damit Studierende mit schmalen Geldbörsen zu unbeliebten Gästen zweiter Klasse?

    Wie geht es besser?

  • Statt viel Aufwand zu betreiben, die eigenen Kundinnen und Kunden möglichst hinterhältig zu überwachen, ist es besser die eigene Energie dafür einzusetzen eine originelle, transparente, ehrliche, inhaltlich und künstlerisch gute Veranstaltungen zu machen.

  • Gründet eigene Unternehmen, verlasst euch nicht auf kommerzielle Drittanbieter, die nur an eure Daten und an die Daten eurer Kund.innen wollen.
  • Denkt über datenschutzfreundliche Geschäftsmodelle nach!
  • Weniger ist mehr: Datensparsamkeit löst sehr viele Probleme. Erstens respektiert ihr damit die Privatsphäre eurer Gäste und zweitens bekommt ihr keine Probleme mit Datenschutzbeauftragten.
  • Nutzt Alternativen zu Google, Facebook und Co.!
  • Prüft immer, mit welchen Unternehmen ihr zusammenarbeitet & holt euch Rat und Unterstützung für eure Projekte.

„Wichtig ist: Veranstaltungskaufleute übernehmen viel Verantwortung für Ihre Kundinnen und Kunden. Bei jeder Entscheidung müssen sie kritisch fragen, wer welche Daten bekommt und ob es dafür einen wirklich plausiblen Grund gibt. Es gibt für alles datenschutzfreundliche Alternativen“, sagt Friedemann Ebelt.

Kritik und Anregungen gern an Friedemann Ebelt

Foto: Wolfram B. CC BY 4.0 Text: Friedemann Ebelt CC BY 4.0