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Liebe Abgeordnete des Landtags Nordrhein-Westfalen,

seit August 2018 absolviere ich meinen Freiwilligendienst bei Digitalcourage. Sei es bei der großen #unteilbar-Demo in Berlin, im Rahmen der monatelangen Recherche zu den laufenden Plänen für eine EU-weite Vorratsdatenspeicherung oder aktuell bei den BigBrotherAwards. Digitalcourage bietet mir seit neun Monaten zahlreiche Gelegenheiten, mich mit Kopf, Herz und Hand für Grundrechte zu engagieren.

Doch keine Einsatzstelle kann die äußeren Umstände ausgleichen, unter denen wir Freiwillige unseren Dienst absolvieren. Leider ist unser Engagement zu einem sozialen Privileg verkommen, dass sich längst nicht alle leisten können. Unser symbolisches Taschengeld reicht oft nicht ansatzweise aus, um eine Grundversorgung zu gewährleisten – geschweige denn, die Miete davon zu zahlen.

Oft müssen Freiwilligendienstler.innen die Hälfte ihres monatlichen Einkommens nur dafür ausgeben, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln täglich zur Arbeit zu kommen. So hängt es leider von den finanziellen Möglichkeiten unserer Eltern ab, ob wir Jugendliche uns einen Freiwilligendienst leisten können oder nicht.

Ich bin gerne Freiwilliger, weil ich für die Werte meiner Arbeitsstelle einstehen möchte und weil ich glaube, dass ehrenamtliches Engagement ein wichtiger Grundstein für unsere Gesellschaft ist. Doch kann ich diesen Dienst nicht so uneingeschränkt weiterempfehlen, wie ich es gerne würde. Darum wende ich mich heute, wie viele andere auch, mit einem offenen Brief an den Landtag NRW und unterstütze die Forderungen der Freiwilligendienstler.innen in NRW:

  • Anhebung des Taschengeldes für alle Freiwilligen in NRW auf das gleiche Niveau mit einer Mindestgrenze
  • Freie Fahrt für Freiwillige im ÖPNV
  • Befreiung vom Rundfunkbeitrag
  • Mehr Gewichtung des Freiwilligendienstes bei der Studienplatzvergabe Nur so kann der Freiwilligendienst unserer Gesellschaft langfristig erhalten bleiben.

Mitmachen: Abgeordnete anschreiben!

Unterstützen Sie uns dabei, unserem Anliegen mehr Gewicht zu verleihen. Schreiben Sie ihrem Landtagsabgeordneten. Eine Übersicht aller Abgeordneten stellt der Landtag NRW bereit. Oder beteiligen Sie sich unter dem Hashtag #FSJFürAlle.

 

Brief der Freiwilligendienstler.innen in NRW in voller Länge

Sehr geehrte Damen und Herren,

„Freiwilligendienstleistende, eine kleine Randgruppe, der man keine weitere Beachtung schenken muss?“  So fühlen wir uns leider oft wahrgenommen. Wir denken aber, dass wir es mit unserem Dienst für die Gesellschaft verdienen, ernst genommen und gehört zu werden.

Gerade weil es uns große Freude macht alten Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, Kinder mit Behinderung bei ihren Hausaufgaben zu unterstützen, kranken Menschen bei der alltäglichen Pflege zu helfen  und uns für hilfebedürftige Menschen einzusetzen. Leider gibt es einige Umstände, die es schwierig machen, die Motivation zum freiwilligen Engagement aufrecht zu erhalten. Das könnte unter anderem an den nicht optimalen Rahmenbedingungen liegen.

Ich bin eine*r von 30.000 Freiwilligendienstleistenden in NRW (ca. 80.000 in Deutschland) und melde mich heute zu Wort:

In unseren Tätigkeiten sind wir häufig in den Bereichen von OGS, Schule, Krankenpflege, Denkmalpflege, Soziale Dienste, Krankentransporte, Betreuung von Kindern, Arbeit im Sportverein und noch einiges mehr eingesetzt und unterstützen häufig zum Teil überlastete Fachkräfte, die ohne unsere Arbeit noch mehr in die Überlastung kommen würden. Mit unserem Engagement ermöglichen wir in den Einsatzstellen zusätzliche Projekte und Unterstützungsleistungen, die nicht unbedingt zum üblichen Programm gehören und die sowohl für die Klienten und das Personal eine wertvolle Ergänzung im Alltag darstellen. 

Das Taschengeld, welches wir für unser Vollzeitengagement bekommen, macht es uns nur schwer möglich, ohne die finanzielle Unterstützung durch unsere Eltern selbstständig zu leben. Gerade für Jugendliche, deren Eltern von Hartz IV leben müssen (Bedarfsgemeinschaft), ist es somit unmöglich, sich einen Freiwilligendienst leisten zu können, da das Taschengeld zum Teil angerechnet wird (der Teil, der über 200 Euro hinausgeht).

Sollte der Freiwilligendienst nicht wenigstens das Existenzminimum sichern?  

Deswegen fordern wir:

  • Anhebung des Taschengeldes für alle Freiwilligen in NRW auf das gleiche Niveau mit einer Mindestgrenze    
  • Freie Fahrt für Freiwillige im ÖPNV
  • Befreiung von den Rundfunkgebühren
  • Mehr Gewichtung des Freiwilligendienstes bei der Studienplatzvergabe 

Wir sind davon überzeugt, dass eine Anhebung des Taschengeldes – für alle Freiwilligen in NRW auf ein einheitliches Niveau – auch mehr jungen Menschen ermöglichen könnte, einen Freiwilligendienst zu machen. Auch würden wir es sehr begrüßen kostenlose Monatstickets für den öffentlichen Nahverkehr in NRW („Freie Fahrt für Freiwillige“) zur Verfügung gestellt zu bekommen, damit wir unsere Einsatzstellen ohne Zusatzkosten erreichen können.

Wir freuen uns sehr, wenn Sie unsere Anliegen – vor allem das kostenfreie NRW Monatsticket – auf Ihre politische Agenda setzen. Als Freiwillige geben wir Ihnen gerne Auskunft über unser Engagement und laden Sie herzlich ein, uns zu besuchen um sich ein Bild von unserer Arbeit zu machen. Wir sind uns sicher, dass die Träger der Freiwilligendienste in NRW unser Anliegen unterstützen und Ihnen eine weiterführende Auskunft zu den Rahmenbedingungen geben werden.

 

Mit freundlichen Grüßen

David Leeuwestein

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Helft uns, unserem Anliegen mehr Gewicht zu verleihen: #FSJFürAlle

Datum: 06.06.2019

Text: David Leeuwestein

David Leeuwestein

Grid imageDigitalcourage, CC BY SA 2.0

David kommt aus einer Kleinstadt inmitten des digitalen Niemandslandes Brandenburg. Dennoch kam er früh mit den Themen Datenschutz, IT-Sicherheit und Hacking in Berührung. Sein Interesse für Politik lebte er zunächst in einer Lokalzeitung aus. Er unterstützt das Digitalcourage-Team seit September 2018 als Freiwilliger im FSJ.

E-Mail: david.leeuwestein

PGP: 5903 AA6C 0E0A CD00 539E 71FC 92F5 A51E 25D3 3628

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Veröffentlicht am 06.06.2019

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