Mehr als 800 Menschen waren in zwei Kinosälen dabei, als CITIZENFOUR die 57. Leipziger Dok-Filmwoche eröffnet hat. Regisseurin Laura Poitras erzählt in 114 Minuten die Geschichte von Edward Snowden und seinen MitstreiterInnen, die tagelang in einem Hongkonger Hotelzimmer überlegen, wie sie die Öffentlichkeit über die totale Überwachung durch Geheimdienste aufklären können:

Edward Snowden & Glenn Greenwald in Hongkong. © Praxis Films
Bild: Edward Snowden & Glenn Greenwald in Hongkong. © Praxis Films

Video-Botschaft von CITIZENFOUR

Die Deutschlandpremiere in Leipzig war etwas Besonderes: Weder für New York, San Franzisco noch London hat Edward Snowden eine Einführung zu CITIZENFOUR gegeben. An das Publikum in Leipzig wendete er sich mit einer Videobotschaft, weil ihn, wie er sagt, die Geschichte Leipzigs inspiriert hat: 1989 wurde ein Regime von gewöhnlichen Menschen gestürzt, die ihrem Staat die Legitimation entzogen haben. Diese Macht hat eine Bevölkerung nur, wenn sie richtig informiert ist.

Mehr als die Snowden-Story

Edward Snowden ist die Attraktion in CITIZENFOUR, aber der Film erzählt mehr, denn Laura Poitras gibt faszinierende Einblicke in eines der spannendsten Kapitel unserer Gegenwart: Sie zeigt, unter welchen Bedingungen JournalistInnen, JuristInnen und ein Systemadministrator im Exil zusammenarbeiten, um Freiheiten zu verteidigen. Das vermittelt den Hauch einer Ahnung, wie es am Anfang des 21. Jahrhunderts um die Presse- und Redefreiheit steht, trotz aller Paranoia-Witze. Faszinierend ist auch die politische Arbeit und die Strategie hinter den Veröffentlichungen der Dokumente, denn Snowden und seine MitstreiterInnen mussten klären, wie die Öffentlichkeit möglichst gut informiert werden kann, ohne dass dabei Personen gefährdet werden.

Snowden stellt die „Frage der Macht“

Was Snowden auszeichnet ist, dass er über die Folgen seiner Arbeit für die gesamte Gesellschaft nachgedacht hat. Als Systemadministrator stellte er fest, dass es ein inakzeptables Ungleichgewicht zwischen der Macht der Bevölkerung und der Macht von Staaten gibt: Wir sind nicht mehr die, die eine Regierung wählen, sondern wir sind zu regierten und überwachten Statisten abgestiegen. Snowden hat aus seiner Erkenntnis Konsequenzen gezogen und mutige Menschen gefunden, die ihn unterstützen, der Öffentlichkeit Macht zurückzugeben.

Die Gruppe der „Auserwählten“ wächst

Nicht nur Edward Snowden, auch Laura Poitras, Glenn Greenwald und viele andere Menschen leben und arbeiten auf der Flucht. Ihre Arbeit wird als Bedrohung für die Sicherheit von Staaten angesehen, und darum drohen ihnen Überwachung, Prozesse und Repressionen. Laura Poitras konnte CITIZENFOUR nicht in den USA schneiden, denn dort hätte die Beschlagnahmung des gesamten Materials gedroht. Die Gruppe der zur Überwachung und Verfolgung „Auserwählten“, wie Edward Snowden sie nennt, hat mit CITIZENFOUR ihre Arbeit und Gedanken für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Von einer zweiten Quelle neben Snowden ist laut Film bekannt, dass über 1,2 Millionen „auserwählte“ Menschen auf den Überwachungslisten der Geheimdienste stehen.

Sind wir ausgeliefert?

CITIZENFOUR zeigt die Macht der Überwacher und Politiker, die klar und deutlich die Bevölkerung belügen. Die Dreistigkeit macht wütend und ohnmächtig, aber versteckt im Abspann sagt CITIZENFOUR seinem Publikum, dass die Öffentlichkeit nicht machtlos ist. Couragierte Arbeit war und ist möglich, dank Solidarität, Unterstützung und freier Softwareprojekte wie dem Tor-Netzwerk, SecureDrop, TrueCrypt, OTR, PGP, Tails und weiteren Werkzeugen, die die JournalistInnen während ihrer Arbeit schützten. CITIZENFOUR zeigt, wie wichtig es ist, sich seine eigene Freiheit zu nehmen und auch anderen Menschen Freiheit zu ermöglichen.

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Foto: © Praxis Films / Arne Höhne Presse

Veröffentlicht am 29.10.2014

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