Solidarität statt Amazon – Unterstützen Sie Ihren lokalen Einzelhandel!

Dominik Müller, Dennis Blohmeyer, CC-BY 4.0

Lieferdienste machen viele Überstunden in der Corona-Krise. Da viele Geschäfte geschlossen sind und wir ja sowieso möglichst wenig raus gehen sollen, lassen sich viele Menschen ihre Einkäufe nach Hause schicken: Schuhe, Büromaterial, Küchenutensilien, Elektroartikel. Außerdem haben viele endlich mal Zeit, die Vorteile des Online-Shoppings zu erkunden, in Ruhe auszusuchen, zu vergleichen usw.

Sehr groß ist da die Versuchung, „alles aus einer Hand“ direkt vom Martkführer liefern zu lassen: „The Shop“[1] – Amazon. Ein Händler, ein Warenkorb, eine Rechnung, wenig Denkaufwand. Ja, das ist praktisch – aber wir bitten Sie inständig: Tun Sie es nicht! Bestellen Sie bei Ihren lokalen Geschäften!

Ihr Einkaufsverhalten kann einen großen Unterschied machen! Die Infektionsschutz-Maßnahmen treffen kleine Betriebe härter. Umso nötiger, dass wir unsere Lektüre, unsere Kleidung, unsere Lebensmittel nicht bei Großkonzernen, sondern in den Läden nebenan kaufen.

[1] „The Shop“ ist eine Referenz auf das Buch „Qualityland“, von Marc-Uwe Kling.

Hier sind unsere Gründe für diesen Aufruf:

Solidarität vor Ort: „Support your local dealer“

Wenn die Krise vorbei ist, wollen Sie Ihr Lieblingscafe, den hübschen Schreibwarenladen nebenan, den Fahrradschrauber oder den freundlichen Computer-Reparatur-Service um die Ecke doch wieder zur Verfügung haben, oder? Viele dieser Geschäfte haben es gerade echt schwer und werden die Krise nur überstehen, wenn wir sie dabei unterstützen.

Nutzen Sie doch mal Ihren nächsten Spaziergang und gucken Sie auf die Zettel, die viele Läden und Gastronomie-Betriebe gerade in ihren Schaufenstern hängen haben. Die meisten bieten nämlich an, ihr Sortiment auch auszuliefern oder Ware zur Abholung zu bestimmten Öffnungszeiten bereit zu stellen. (Diesen Artikel haben wir mit einigen Beispielen von Bielefelder Geschäften bebildert – ähnliches finden Sie garantiert auch in Ihrer Nachbarschaft).

Sie können die meisten Läden auch per E-Mail erreichen und wir wissen aus eigener Erfahrung: Die Nachfrage, wie es gerade läuft, ob es ein „Corona-Programm“ gibt und wie man unterstützen kann, kommt sehr gut an und gibt den Menschen neue Kraft.

Grid imageClaudia Fischer, CC-BY 4.0

Amazon ist ein Datenschutz-Albtraum

Sollten Sie ein Kundenkonto bei Amazon haben, klicken Sie doch einfach mal Ihre Einkäufe der letzten Monate an und überlegen Sie sich, was Amazon nun alles über Sie weiß. Wir tippen: Ihre Kleider- und Schuhgrößen, Ihre Sprachkenntnisse (wenn Sie z. B. auch mal englische oder spanische Bücher lesen), Ihre Reiseziele (Reiseführer bestellt?), Ihre Interessen bei der Buchauswahl (Motto: „Sag mir was Du liest, und ich sage Dir, was Du denkst.“), ob Sie Kinder haben, wie technik-affin Sie sind, wer Ihre Freunde und Familie sind (falls Sie Geschenke direkt dorthin haben liefern lassen) – und Ihre Adresse, Bankdaten etc. sowieso. Wenn Sie Serien über Amazon Prime schauen, kennt der Konzern außerdem Ihre Film-Vorlieben und wahrscheinlich auch Ihre Arbeitszeiten, wenn Sie z.B. nur abends einschalten.

Wollen Sie das wirklich alles in der Hand eines Unternehmens wissen, das diese Daten in den USA speichert und verarbeitet, wo auch die US-Geheimdienste mit Hilfe des FISA Acts und des CLOUD Acts Zugriff auf diese Kundenprofile haben?

Amazon hält den BigBrotherAwards-Rekord

Amazon ist übrigens BigBrotherAwards-Rekordhalter. Bereits drei der unbeliebten Negativpreise haben wir schon an den Internetgiganten verliehen: Für den Lauschangriff durch Alexa (2018), für die Arbeits-Plattform „Mechanical Turk“ (2015) und für die Behandlung der Beschäftigten in der Lieferkette (ebenfalls 2015). Was uns zu unserem nächsten Argument bringt:

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Aktueller SchwerpunktCoronavirus: Tipps fürs Onlineleben und Grundrechtsfragen

Wie sichere ich mein Homeoffice? Wie unterrichten wir unsere Kinder digital? Und was wird aus unseren Grundrechten in und nach der Corona-Krise? Wir beobachten, klären auf und greifen ein. Alle Ergebnisse hier im Überblick.

Amazon ist ein Albtraum als Arbeitgeber

Weltweit kämpfen Gewerkschaften gemeinsam für verbesserte Arbeitsbedingungen bei Amazon. Dies ist nicht unsere Kernkompetenz, auch wenn uns dieses Thema sehr wichtig ist. Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, schauen Sie mal auf den Webseiten der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di nach oder lesen Sie unsere Begründungstexte für die zwei BigBrotherAwards an Amazon 2015: Für die Crowdworking-Plattform „Mechanical Turk“ und für die Amazon Logistik GmbH. Da ändern auch die hübschen Werbespots nichts, die Amazon hin und wieder schaltet, in denen glücklich lächelnde Arbeitnehmer.innen gezeigt werden.

Amazon ist turbo-kapitalistisch

Viele machen sich in diesen Tagen Gedanken, ob unser Wirtschaftssystem eigentlich gute Antworten auf die aktuellen weltpolitischen Fragen gibt. Sehr deutlich werden diese Fragen im Zuge der FridaysForFuture-Bewegung seit Anfang 2019 gestellt (Ausbeutung von Ressourcen, CO2-Ausstoß durch Lieferketten und Energiebedarf usw.). Und auch jetzt, in der Corona-Krise, stellen wir fest, wie abhängig wir von der Globalisierung unserer Konsumgüter geworden sind, wenn z. B. Atemmasken, Medikamente und Medizingüter aus China nicht mehr lieferbar sind – deren Produktion aus Kostengründen dorthin ausgelagert wurde.

Außerdem ist Amazon als weltweiter Mega-Konzern natürlich auch als Lobbyist aktiv, zum Beispiel im deutschen Branchenverband Bitkom, dem wir 2017 einen BigBrotherAward verliehen haben und der in der Corona-Krise natürlich – wie wäre es anders zu erwarten - damit „glänzt“, die umstrittene Auswertung von Handy-Daten (unsere Zusammenstellung hier) zu loben.

Amazon als „global player“ hat eine faktische Monopolstellung in sehr vielen Branchen gewonnen, mit der die Firma Preise diktieren und Lieferketten definieren kann. Nicht zuletzt im Buchhandel:

Grid imagepadeluun, CC-BY 4.0

Amazon schadet Verlagen und Buchhandlungen...

Bücher waren mal das Kerngeschäft von Amazon. Inzwischen hat der Konzern nahezu eine Monopolstellung – schließlich kann sich kaum ein Verlag leisten, seine Bücher nicht auch über Amazon anzubieten.

... den kleinen ...

Die Platzhirschfunktion von Amazon ist besonders für kleine Produktionen schädlich. Die von uns verlegte Broschüre Digitale Mündigkeit steht z.B. bei Amazon als nicht lieferbar gelistet. Dabei ist sie durchaus lieferbar. Nur: Amazon vertreibt sie nicht. Indem sie dennoch eine eigene Seite dafür einrichten, entsteht der Eindruck, das Werk sei vergriffen. Dabei müsste man es einfach nur woanders suchen (zum Beispiel direkt bei uns im Shop). Unter solchen Finten und Tricks leiden nicht nur wir, sondern viele kleinere Drucksachen-Hersteller.

... und den großen.

Und auch für größere Verlage wird in der Corona-Krise das Risiko durch diese Abhängigkeit schmerzhaft deutlich: Im März 2020 konzentriert Amazon sich auf die Lieferung von Artikeln des allgemeinen Bedarfs und stellt den Buchhandel erstmal zurück. Das Börsenblatt titelte: „Der Verkauf gedruckter Bücher ist de facto für viele Verlage nicht mehr möglich“. Ein schwerer Schlag für die Verlage, wenn zusätzlich zu den geschlossenen Buchhandlungen nun auch noch ihr Online-Geschäft ins Stocken kommt.

Also wenn Sie gerne lesen – und dies auch weiterhin tun wollen: Retten Sie die Verlage und bestellen Sie direkt bei Ihrem örtlichen Buchhandel oder über die Websites der Verlage selbst! Und bestellen Sie großzügig, wenn Sie es sich leisten können – die ausgefallenen Buchmessen zwingen diese Branche aktuell zusätzlich in die Knie.

Amazon zahlt kaum Steuern

Amazon zieht mit seinem Umsatz viel Wirtschaftskraft ab, die hiesige Hersteller und Händlerinnen gut gebrauchen könnten. Dabei versteuert Amazon seine Gewinne quasi nicht – weder hier in Deutschland noch in den USA. Wer lokal kauft, finanziert also auch über die Steuern das Gemeinwesen mit.

Darum noch einmal unsere Bitte: Solidarität statt Amazon

Wenn Sie Ihre Einzelhändler vor Ort unterstützen, können Sie dem Amazon-Monopol mit Ihrem Konsum-Verhalten entgegen wirken. Wie viel wir als „Herde“ bewegen können, wenn wir alle zusammen halten, lernen wir ja gerade in diesen Tagen.

Text: Claudia Fischer
Datum: 2. April 2020

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Veröffentlicht am 02.04.2020

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