Wenn Viele nicht aufgeben
Das Hamburger Congress Center ist während des Chaos Communication Congress ein besonderer Ort. Nicht nur nachts blinkt und leuchtet es in allen Farben – das Gebäude ist erfüllt von einer Atmosphäre, die sich nur schwer beschreiben lässt. Spätestens wenn abends die Fairydust-Rakete abhebt, sich die Eingangshalle mit Nebelschwaden füllt und sich das Licht in den vielen Discokugeln bricht, wird klar: Hier geht es um mehr als Technik. Hier entsteht Raum für Austausch, Visionen und Hoffnung.
Auf dem 39. Chaos Communication Congress (39C3) wurde zwischen den Jahren wieder vier Tage lang diskutiert, gestritten, gelacht und weitergedacht: Über digitale Selbstbestimmung, Hackerethik, Grundrechte und darüber wie eine demokratische digitale Zukunft gestaltet werden kann. Tausende Menschen kamen zusammen, getragen vom Engagement vieler freiwilliger Helfer.innen, die den Congress jedes Jahr aufs Neue möglich machen. In dem weitläufigen Gebäude schafft man es, sich gleichzeitig ständig zu verlaufen und dennoch immer wieder Menschen zu begegnen, bekannte Gesichter wiederzutreffen, neue Kontakte zu knüpfen und Gespräche zu führen, die hängen bleiben.
Gerade in Zeiten, in denen Big Tech und autoritäre politische Entwicklungen demokratische Errungenschaften aushöhlen und Grundrechte bedrohen, ist dieser Ort etwas Besonderes. Der Congress zeigt: Es gibt viele Menschen, die nicht resignieren, sondern weiterhin mit Technologie und Engagement für eine bessere, gerechtere Gesellschaft eintreten. Das macht Mut und lässt einen mit etwas weniger Angst in die Zukunft blicken.
Digitalcourage war in diesem Jahr mit einem eigenen Habitat vor Ort, das schnell zu einem lebendigen Treffpunkt wurde. Am „Ticketautomaten des Grauens“ konnten Besucher.innen selbst erleben, wie es sich anfühlt, wenn Firmen nur noch über Maschinen mit ihrer Kundschaft kommunizieren. Andere ließen sich Lichtbildausweise drucken, spielten eine Runde Flipper oder stöberten im Shop und kamen dabei mit dem Team ins Gespräch. Vor allem aber ging es um Inhalte: um staatliche Überwachung, digitale Freiheit, den Ausbau des Fediverse – und um die Frage, wie Grundrechte im digitalen Raum verteidigt werden können.
Wie schon im vergangenen Jahr haben wir an unserem Habitat auf dem Congress außerdem gemeinsame Sache mit den Teckids gemacht. Mit großartiger Ressonanz. Unser Habitat war ein offener Anlaufpunkt für viele sehr junge Menschen, die sich für Technik begeistern. Auch das bestärkt uns, denn es zeigt, dass kritisches Denken, Neugier und Engagement auch in kommenden Generationen fest verankert ist. Mit so vielen jungen Menschen umgeben zu sein, hat uns sehr gut gefallen.
Ein besonderer Moment auf dem Congress war ein Talk unserer Freund.innen von der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) zur strategischen Prozessführung vor dem Bundesverfassungsgericht. Der Saal war voll, das Interesse groß. Thema war die Frage, wie sich Grundrechte verteidigen lassen, wenn Gesetze sie verletzen – nicht nur durch Kritik, sondern durch gezielte strategische Verfassungsbeschwerden. Die GFF gab einen Überblick über ihre Erfahrungen, anschließend berichteten mehrere Organisationen von ihren eigenen Verfahren. Auch Digitalcourage war vertreten: Unser Campaigner Max Hampel berichtete auf der Bühne von unserer erfolgreichen Verfassungsbeschwerde gegen den Staatstrojaner. Der Talk zeigte eindrücklich, dass strategische Prozessführung ein wirksames Instrument zivilgesellschaftlicher Gegenmacht ist – auch wenn sie viel Frustrationstoleranz, Unterstützung und einen langen Atem voraussetzt.
Der 39C3 war darüber hinaus geprägt von vielen weiteren spannenden Vorträgen. Einige davon haben uns besonders beschäftigt und begleiten uns über den Congress hinaus. Eine Auswahl haben wir euch hier verlinkt:
- A post-American, enshittification-resistant internet – Video
Cory Doctorow erklärt, weshalb Trump uns die Chance gibt, Technik zu befreien und fordert die nicht-amerikanische Welt dazu auf, die Antiumgehungsgesetze aufzuheben, die viele Länder nur eingeführt haben, weil die USA andernfalls mit Zöllen gedroht haben. Und da es die Zölle jetzt eh gibt. Fast haben wir uns schon dran gewöhnt, dass Technik uns gängelt und einsperrt. Wieso das vor allem durch Antiumgehungsgesetze ausgelöst wird, von denen vor allem amerikanische Konzerne profitieren, erklärt er kurzweilig und anregend. - Aber hier Leben? Nein danke! …oder doch? Wie wir der autoritären Zuspitzung begegnen können – Video
Wieso der Westen mehr über den Osten wissen wollen sollte. - Die Känguru-Rebellion: Digital Independence Day – Video
Wenn Marc-Uwe Kling seine Känguru-Geschichten vorliest, ist das immer eine Empfehlung wert. Gleichzeitig stellt er den Digital Independence Day vor. - freiheit.exe – Utopien als Malware – Video
Sehr inspirierender Vortrag über die Machenschaften der US-Tech-Feudalisten und wie man diese künstlerisch in Form von darstellender Kunst aufarbeiten kann. - Hacking Karlsruhe – 10 years later – Video
Wie lassen sich Grundrechte durch gezielte strategische Verfassungsbeschwerden verteidigen? Die Gesellschaft für Freiheitsrechte gibt einen Überblick über ihre Erfahrungen und anschließend konnten mehrere Organisationen von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Auch Digitalcourage war vertreteten: Unser Campainger Max Hampel berichtete von unserer erfolgreichen Verfassungsbeschwerde gegen Staatstrojaner. - Nerd-Shows – Video
Wer Nerd-Stuff in Showformat mag, findet vielleicht Die große Datenschutz-, Datenpannen- und DS-GVO-Show spannend. Ähnlich unterhaltsam ist auch GPTDash – Der Reverse-Turing-Test (Video). - Podcast-Aufzeichnung „Denkangebot“: Rainer Mühlhoff über KI und autoritäre Sehnsüchte im Silicon Valley Link
Faschismus ist auf drei Dinge angewiesen: eine antidemokratische Grundhaltung, Gewaltbereitschaft (vor allem gegenüber Minderheiten) und die Technologie, um die Gesellschaft bis ins Private hinein zu überwachen. Rainer Mühlhoff erklärt im Gespräch mit Katharina Nocun, Host des Podcasts „Denkanstoß“, was passiert, wenn KI und Faschismus eine Liebesheirat eingehen. Dabei gibt er uns auch Werkzeuge an die Hand, um die aktuellen Ereignisse der USA besser verstehen zu können. - Power Cycles statt Burnout – Wie Einflussnahme nicht verpufft – Video
Anna Kassautzki (SPD, Mitglied des Bundestags von 2021 bis 2025, stellvertretende Vorsitzende des Digitalausschusses) und Rahel Becker (ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin Digitales) berichten aus der Innenperspektive parlamentarischer Arbeit und erklären wie politische Einflussnahme wirklich funktioniert. Mit praktischen Tipps, wie die Zivilgesellschaft ihre Energie dort einsetzt, wo sie wirklich Wirkung entfaltet. - Self-restricting Software – Codeberg
Wie man mit einzelnen Zeilen Programmcode die Sicherheit seiner Programme erhöhen kann. Z.B. indem das Programm sagt: In diesem Teil will ich nur Daten lesen, nie etwas Schreiben. Self-organized-session, daher kein Video. - Teckids – eine verstehbare (digitale) Welt – Video
Die Teckids fordern eine „[v]erstehbare (digitale) Welt – gemeinsam, für Alle“. Wie das gelingen kann? Kinder und Jugendliche sollen befähigt werden, Technik zu hinterfragen und aktiv mitzugestalten. Interessierten (jung wie alt) werden die Projekte der Teckids vorgestellt, u.a. die Campdays, Hack'n'sun oder die Teilnahme mit Kreativbeiträgen an den BigBrotherAwards. - Throwing your rights under the Omnibus – Video
Das vergangene digitalpolitische Jahr war gekennzeichnet durch den Digital Omnibus der Europäischen Union. Digitalcourage berichtete dazu in Blog, Newsletter und auf Mastodon. Thomas Lohninger (epicenter.works) und Ralf Bendrath (aktiv für die Grünen im EU-Parlament) ziehen nach eineinhalb Monaten Omnibus ein Zwischenfazit – und geben Anlass zum Hoffen und Bangen gleichermaßen. - We, the EU, and 1064 Danes decided to look into YouTube: A story about how the EU gave us a law, 1064 Danes gave us their YouTube histories, and reality gave us a headache – Video
Wissenschaftler berichten, wie viele Fallstricke Big Tech einbaut, wenn man sich auf europäische Digitalgesetze beruft und für Forschungszwecke Zugang zu ihren Daten erhalten möchten. - Wer hat Angst vor dem Neutralitätsgebot? – Video
Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist nicht „neutral“. Der Vortrag räumt mit einem zunehmend populären Missverständnis zum Thema „Neutralitätsgebot“ auf.