Eine Videokonferenz muss keine Datenschleuder sein

Es gibt die unterschiedlichsten Programme für Videokonferenzen, doch längst nicht alle sind zu empfehlen. Wir stellen die datensparsamsten vor.

Inhalt:

  1. Empfehlenswert
  2. Jitsi Meet
  3. BigBlueButton
  4. Nextcloud Talk
  5. Keine Empfehlung

Videokonferenzen ersetzen nicht nur das persönliche Treffen im Büro. Auch Häkelgruppen tauschen sich online aus, Kinder zeigen den Großeltern, was sie gemalt haben, und Paare in Fernbeziehung trinken gemeinsam ein Glas Wein auf dem Balkon, verbunden durch Kamera und Mikrofon.

Leider sind viele Videokonferenzprogramme nicht zu empfehlen, weil sie in die Privatsphäre eingreifen, Sicherheitsmängel haben oder keine freie Software sind. Wovon wir abraten, finden Sie mit kurzer Begründung in unseren am Ende. Im Netz kursieren zwar Anleitungen, wie man solche Programme rechtssicher verwenden kann. Aber rechtssicher – wenn es das denn gibt – heißt noch lange nicht datenschutzfreundlich, wie Mike Kuketz in seinem Blog treffend erklärt.

Empfehlenswert

Drei Programme können wir empfehlen. Wir haben sie mehrfach getestet und gute Erfahrungen gemacht: Jitsi Meet, BigBlueButton und Nextcloud Talk.

Jitsi Meet

Für Videokonferenzen mit bis zu 20 Leuten empfehlen wir Jitsi Meet. Die Konferenz läuft über einen zentralen Server (eine Liste finden Sie weiter unten). Die Teilnehmer.innen wählen sich mit Browser oder App ein. Sie brauchen nur den Link und das Passwort, falls eines festgelegt wurde.

Vorteile: Jitsi-Meet-Konferenzen sind mit bewährten Verfahren transportverschlüsselt, die Software ist quelloffen und man findet problemlos einen kostenlosen Server.

Nachteile: Der Rechner wird bei einer Jitsi-Meet-Konferenz mit Kamera stark belastet. Ältere Geräte könnten damit ein Problem haben.

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Eine Einschränkung mit Blick auf die Datensicherheit: Bei Jitsi Meet sind zwar alle Verbindungen zum Server transportverschlüsselt, so dass auf dem Weg zwischen Rechner und Server niemand mitlesen kann. Auf dem Server sind die Daten allerdings nicht mehr verschlüsselt. Sie sollten also einen Server wählen, dessen Betreiber.in Sie vertrauen.

Inzwischen wird auch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung angeboten. Bisher funktioniert sie aber nur mit einem Browser, der auf Chromium basiert oder auf dem von Jitsi entwickelten Client. Zudem müssen alle Beteiligten die Verschlüsselung selbst aktivieren. Firefox unterstützt die Technologie noch nicht.

Wo Sie Jitsi Meet finden

Mobil: Für Mobilgeräte gibt es Jitsi-Meet-Apps. Von den Apps im App Store von Apple und im Google Play Store raten wir ab, da sie Tracker enthalten. Wir empfehlen die Jitsi-Meet-App aus dem F-Droid-Store, die ist trackerfrei.

Am Rechner: Am besten funktioniert Jitsi Meet hier mit einem auf Chromium basierten Browser (z. B. Ungoogled Chromium, Brave, Opera, Google Chrome oder Microsoft Edge) oder mit der offiziellen Desktop-Anwendung. Auch Firefox hat kaum noch Probleme.

Es gibt zahlreiche öffentliche Jitsi-Meet-Server, auf die Sie direkt im Browser zugreifen können:

Sollten diese Server überlastet sein, können Sie sich mit einem Klick auf Weiterleitung mit einem anderen Server verbinden lassen, der zufällig aus dieser Liste ausgewählt wird. Und hier die offizielle Liste, wo man sich einen Server aussuchen kann.

Jitsi Meet selbst installieren

Es gibt die offizielle englischsprachige Anleitung zur Schnellinstallation, außerdem eine detaillierte Anleitung, bei der alle Komponenten einzeln installiert werden. Das Technikportal Golem erklärt auf Deutsch, wie man Jitsi Meet auf dem eigenen Server installiert.

Die Installation ist nicht trivial. Sie erfordert vor allem in der Anfangsphase eine Portion Geduld.

BigBlueButton

BigBlueButton ist ein browserbasiertes Open-Source-Programm für Videokonferenzen und virtuelle Klassenräume. Es kann genauso viel wie kommerzielle Programme, bietet aber mehr Datenschutz und Sicherheit. Man kann mit Kamera und/oder Mikrofon aktiv dabei sein oder einem Vortrag beziehungsweise einer Präsentation einfach nur folgen.

Vorteile: Unter den geeigneten Bedingungen (s. u. „Wo Sie BigBlueButton finden“) sind Videokonferenzen mit sehr vielen Teilnehmer.innen möglich. Und es gibt hilfreiche Werkzeuge, zum Beispiel das Handheben und den Chat, ein Whiteboard und Räume für Kleingruppen, sogenannte Breakoutrooms.

BigBlueButton eignet sich sehr gut, um Dokumente, Videos und Grafiken zu zeigen. An Schulen und Unis ist die Software deshalb auf dem Vormarsch.

Konferenzen können mit Zugangsbeschränkungen versehen werden. Welche Rechte die einzelnen Teilnehmer.innen haben, legen die Moderator.innen vor Beginn fest.

Nachteile: BigBlueButton erfordert viel Rechenleistung. Viele öffentliche Server sind deshalb zugangsgeschützt. Wer an einer Videokonferenz teilnehmen will, braucht mindestens 0,5 MBit/s im Upload und 1,0 MBit/s im Download.

Außerdem ist die Aufzeichnung von Videokonferenzen bei BBB ungeschickt gelöst. Wenn ein Server diese Funktion anbietet, werden alle Meetings aufgezeichnet und für eine bestimmte Zeit gespeichert, unabhängig davon, ob der Aufnahmeknopf tatsächlich gedrückt wurde.

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Auch bei BBB ist die Datensicherheit eingeschränkt: Ähnlich wie bei Jitsi sind zwar alle Verbindungen zum Server transportverschlüsselt, aber auf dem Server liegen die Daten unverschlüsselt. Wer also nicht anderen vertrauen möchte, installiert BigBlue-Button auf dem eigenen Server – die Software ist ja Open Source.

Wo Sie BigBlueButton finden

Mobil: Für BigBlueButton gibt es unseres Wissens keine App. Mit dem Mobilbrowser „Fennec F-Droid“ aus dem F-Droid-Store hat es bei uns aber gut funktioniert. Weitere Erfahrungen haben wir noch nicht und freuen uns über Hinweise an mail@digitalcourage.de.

Am Rechner: Sie wählen sich mit Ihrem Browser über einen Link in die BBB-Konferenz ein. Der Browser muss den offenen Standard WebRTC unterstützen, damit Kamera und Mikrofon funktionieren und Sie Ihren Bildschirm teilen können. Das geht mindestens mit den aktuellen Versionen von Firefox, Chromium und Chrome.

Es gibt immer mehr Angebote für Konferenzen mit BigBlueButton. Wir kennen

BigBlueButton-Server selbst installieren

Für einen eigenen BigBlueButton-Server sollten Sie etwas Zeit mitbringen und ruhig tiefer in die umfangreiche (englischsprachige) Dokumentation schauen. Die offiziell empfohlene englischsprachige Installationsanleitung finden Sie hier. Die Schnellinstallation mit bbb-install.sh kann Ihnen dabei viel Arbeit sparen.

Nextcloud Talk

Nextcloud Talk ist eine Erweiterung für Nextcloud, über die Videokonferenzen abgehalten werden können. Nextcloud Talk hat gängige Features wie Textchat und Bildschirmteilen und insgesamt einen ähnlichen Funktionsumfang wie Jitsi. Es eignet sich für Videokonferenzen mit bis zu vier Personen.

Vorteil: Wer eine Nextcloud betreibt (siehe unsere Techniktipps für die Online-Zusammenarbeit), kann seinen Werkzeugen die Videokonferenz hinzufügen.

Nachteil: Bei mehr als vier Personen stößt Nextcloud Talk an seine Grenzen. Wer größere Konferenzen braucht, muss derzeit auf die kostenpflichtige Infrastruktur der Nextcloud GmbH zurückgreifen oder das offizielle Programm Signaling auf dem eigenen Server betreiben. Eine deutschsprachige Anleitung ist hier zu finden.

Nextcloud Talk benutzen

An einer Konferenz mit Nextcloud Talk können Sie nur auf Einladung teilnehmen oder in einer selbst installierten beziehungsweise gemieteten Nextcloud. Die Teilnahme ist über einen Browser möglich oder die von Nexcloud bereitgestellten Smartphone-Clients.

Es geht auch ohne Video

Bei einer Videokonferenz werden Bild und Ton gleichzeitig übertragen. Dabei muss besonders viel gerechnet werden, was nicht jedes Gerät problemlos schafft. Wenn die Teilnehmer.innen Ihrer Konferenz einander beim Sprechen nicht unbedingt sehen müssen, schalten Sie am besten alle Kameras aus und machen die Videokonferenz zu einer Audiokonferenz. Damit ersparen Sie sich und anderen eine Menge Datenverkehr. Das ist nicht nur solidarisch mit allen, die an derselben Leitung hängen, die Technik macht dann auch weniger Probleme.

Keine Empfehlung

Von folgenden Diensten können wir nur abraten:

  • Zoom hat verschiedene Datenlecks.

  • Skype und Microsoft Teams gehören Microsoft.

  • Messenger Rooms ist von Meta (Facebook).

  • Discord schreibt in der Datenschutzerklärung, dass alle Chats abgehört, gelesen, ausgewertet und weiterverkauft werden dürfen.

  • Webex, GoTo Meeting und Lifesize sitzen ebenfalls in den USA, wo es mit dem Datenschutz bekanntlich schlecht aussieht.

Letzte Änderungen:

  • November 2022: Artikel grundlegend überarbeitet.

  • Mai 2022: Links der verfügbaren Instanzen aktualisiert.

Hinweis: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, auch nicht durch unsere Empfehlungen. Programme können unentdeckte Fehler haben, und Datenschnüffeltechniken entwickeln sich weiter. Bleiben Sie wachsam!
Der Artikel ist auf dem Stand vom November 2022. Sollten Sie Fehler finden, Ergänzungen haben oder Empfehlungen bei Ihnen nicht funktionieren, geben Sie uns Bescheid.

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