Google-Pferd, #PersoOhneFinger, Luca-App, EU-Suchindex, Big-Tech-Lobbyismus (17.03.2021)

Digitalcourage-Newsletter vom 17.03.2021 – Themen: Offener Suchindex, Beschränkung von Big-Tech-Lobbyismus und Kriterien für vertrauenswürdige Apps (z.B. zur Einschätzung der Luca-App) u.v.m.

Liebe Leute,

Was für ein Geschenk! Ein beeindruckendes Holzpferd für die Einwohner.innen der Stadt Troja – als demütige Wiedergutmachung für jahrelange Angriffe und Belagerung. Denkste.
Wenn uns die griechischen Mythologie etwas lehrt, dann: Vorsicht mit Geschenken! Wir sollten mehr als stutzig sein, wenn Google ein „privateres Web“ bauen will. Googles Plan, Cookies von Drittanbietern auszusperren, klingt nur auf den ersten Blick nach mehr Privatssphäre, nach demütigem Nachgeben gegenüber dem Druck von Politikern, Datenschützerinnen oder Gerichten. Auf den zweiten Blick aber ist die Ankündigung etwas ganz anderes: Ein trojanisches Pferd, das uns davon ablenken soll, was der Tech-Gigant damit erreichen will – noch mehr Daten, Macht und Kontrolle.

Was wir wirklich brauchen ist: ein offener Suchindex, Beschränkung von Big-Tech-Lobbyismus und Kriterien für vertrauenswürdige Apps (z.B. zur Einschätzung der Luca-App).
Außerdem geht es diesmal um unsere verlängerten Stellenausschreibungen, das neue, praktische Info-Blatt um einen Personalausweis ohne Fingerabdruck zu bekommen und zwei freie Workshop-Konzepte für alle, die mit Jugendlichen arbeiten.

Mit besten Grüßen aus Bielefeld,

Julia Witte und das ganze Team von Digitalcourage

 


Inhalt

 
1.   Europäischer Suchindex: nachhaltig zur Google-Alternative
2.   Wir suchen Campaigner.innen: Bewerbungsfrist verlängert
3.   Neu: Info-Blatt „Personalausweis beantragen”
4.   Workshop-Materialien zu Uploadfiltern, Standortdaten & Co.
5.   Tiefe Taschen, offene Türen: Neue Studie zum EU-Lobbyismus
6.   Tech-Tipp: Welche Apps sind vertrauenswürdig? (Und warum die Luca-App es nicht ist)
7.   Shop: Qualityland 2.0 zum Hören
8.   Termine

1.  Europäischer Suchindex: nachhaltig zur Google-Alternative

Wissen ist Macht – die größten Wissensspeicher liegen jedoch momentan in den Händen von vier Privatunternehmen. Google wirbt im aktuellen Mission-Statement sogar damit, „die Informationen der Welt zu organisieren und allgemein nutzbar zu machen.“
Das ist ein bedenklicher Machtanspruch, denn um alle Informationen der Welt nutzbar zu machen, muss sich das Unternehmen erst mal alle Informationen der Welt aneignen. Wir finden, unsere digitale Infrastruktur sollte nicht von marktbeherrschenden Privatunternehmen (noch dazu außerhalb der EU) abhängig sein. In unserem Blog erklärt Nick, welche Gefahren von Suchmaschinen ausgehen und wieso es bislang kaum „echte“ Alternativen zu Googles Suchmaschine geben kann. Und er macht auf einen wirksamen Weg aufmerksam, der die Vielfalt auf dem Suchmaschinenmarkt beleben und die Souveränität der EU stärken kann.

Ausführlicher Blogartikel:
https://digitalcourage.de/blog/2021/europaeischer-suchindex-nachhaltig-zur-google-alternative

Mission Statement Google:
https://www.google.com/intl/de/search/howsearchworks/mission/

2.  Wir suchen Campaigner.innen: Bewerbungsfrist verlängert

Wir suchen Menschen, die fachlich und strategisch ‘was drauf’ haben, sich für die Themen von Digitalcourage begeistern und Lust haben, gemeinsam etwas zu bewegen.

Eine detaillierte Ausschreibung gibt es auf unserer Website:
https://digitalcourage.de/stellenanzeige-team21

Bewerbungsfrist ist Sonntag, 21. März 2021.
Bewerbungen bitte an:
bewerbung@digitalcourage.de


Digitalcourage kann unabhängig arbeiten – dank der Unterstützung vieler engagierter Menschen.


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3.  Neu: Info-Blatt „Personalausweis beantragen“

Weil uns immer wieder berichtet wurde, dass einige Bürgerämter bereits jetzt wie selbstverständlich die Fingerabdrücke bei der Beantragung von neuen Personalausweisen verlangen, haben wir ein Info-Blatt veröffentlicht, das allen hilft, die noch einen Personalausweis ohne Fingerabdrücke beantragen wollen. Einfach das PDF ausdrucken und als Argumentationshilfe zum Bürgeramt mitnehmen.
Wichtig: Der Termin beim Bürgeramt, an dem der #PersoOhneFinger beantragt wird, muss vor Freitag, dem 30. Juli 2021 liegen, denn schon am Montag, 2. August 2021 beginnt die allgemeine und anlasslose Fingerabdruck-Speicherpflicht. #PersoOhneFinger beantragen und weitersagen!

Das PDF zum Download:
https://digitalcourage.de/sites/default/files/2021-03/PersoOhneFinger-Infoblatt-2021-3-11.pdf

Mehr Infos in diesem Blogartikel:
https://digitalcourage.de/blog/2021/infoblatt-persoohnefinger-personalausweis-beantragen

Gutachten: Aufnahme von Fingerabdrücken in Ausweis ist rechtswidrig:
https://www.heise.de/news/Gutachten-Aufnahme-von-Fingerabdruecken-in-Ausweis-ist-rechtswidrig-5076241.html

4.  Workshop-Materialien zu Uploadfiltern, Standortdaten & Co.

Was weiß mein Smartphone über mich, wenn ich online nach dem Weg schaue? Wofür können Standortdaten genutzt werden und in welchen Situationen ist das zu befürworten? Oder: Was ist der Sinn und Zweck von Uploadfiltern?
Rund um solche Fragen drehen sich zwei Workshops, die Ulif, Petra, Melina und Samuel von der Digitalcourage-Ortsgruppe Braunschweig zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung Niedersachsen entwickelt haben. Die Workshops dauern zirka 2 bis 2,5 Stunden, richten sich an Jugendliche ab 14 Jahren und können vor Ort oder komplett online durchgeführt werden.
Ziel der Workshops ist es, die Teilnehmenden in netzpolitische Debatten einzuführen und für die Relevanz von Datenschutz zu sensibilisieren. Aber auch – ganz praktisch – Methoden zur digitalen Selbstverteidigung zu zeigen.

Die Workshop-Materialien und mehr Informationen gibt es hier:
https://www.politische-medienkompetenz.de/unsere-schwerpunkte/netzpolitik/

5.  Tiefe Taschen, offene Türen: Neue Studie zum EU-Lobbyismus

Drei von den zehn Firmen mit den höchsten Lobby-Ausgaben in der EU sind Tech-Konzerne. Auf Platz eins: Google mit mehr als 5 Millionen Euro.
Transparency International EU hat eine Studie zur Lobbyarbeit der großen Tech-Firmen (die „Big Five”: Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft) in Brüssel veröffentlicht. Die Firmen schicken regelmäßig ihre eigenen Lobbyist.innen ins Parlament, aber nicht immer ist der Einfluss offensichtlich: Auch wo nicht Google draufsteht, kann Google drin sein. Denn Tech-Konzerne bezahlen auch in großem Umfang externe Beraterinnen und Anwälte für Lobby-Aufträge. Bei 75% aller Lobby-Treffen der EU-Kommission zu netzpolitischen Themen sind Firmeninteressen vertreten. Das lässt wenig Raum für zivilgesellschaftliche Interessen. Fälle wie der viel kritisierte Jobwechsel von Verkehrsminister-Freundin Julia Reuss vom Digital-Staatsministerium hin zur Lobbyabteilung von Facebook sind nicht unüblich: Drei von fünf registrierten EU-Facebook-Lobbyist.innen haben unmittelbar vor diesem Job noch selber für EU-Institutionen gearbeitet.

Die ganze Studie von Transparency International EU (auf Englisch):
https://transparency.eu/wp-content/uploads/2021/02/Deep_pockets_open_doors_report.pdf

Neue Facebook-Lobbyistin Reuss: LobbyControl befürchtet „Schieflage in der Digitalpolitik“:
https://www.deutschlandfunk.de/neue-facebook-lobbyistin-reuss-lobbycontrol-befuerchtet.2907.de.html?dram:article_id=492374

6.  Tech-Tipp: Welche Apps sind vertrauenswürdig? (Und warum die Luca-App es nicht ist)

Oft werden wir gefragt, ob wir eine bestimmte App empfehlen können. Bei unseren Antworten haben wir festgestellt, dass wir auf Eigenschaften achten, die für alle Apps gelten.
Unsere universellen App-Kriterien haben wir jetzt aufgeschrieben, damit alle selbst überprüfen können, wie vertrauenswürdig eine App ist. Sollte unklar sein, ob die Kriterien erfüllt sind: Einfach die Entwickler.innen der App fragen! Kritisches Nachfragen kann die App nur verbessern.

Unsere Kriterien-Liste:
https://digitalcourage.de/digitale-selbstverteidigung/app-kriterien

Die zur Zeit vieldiskutierte Luca-App erfüllt diese Voraussetzungen übrigens nicht. Zu diesem Urteil kommt auch das Zentrum für digitalen Fortschritt, das eine Liste von Forderungen speziell für Check-In-Apps zur Kontaktnachverfolgung aufgestellt hat:
https://d-64.org/check-in-app/

Auch die Journalistin Eva Wolfangel hat gerade einige schwerwiegende Probleme rund um die Luca-App thematisiert:
https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2021-03/luca-app-kontaktverfolgung-infektionsketten-corona-datenschutz/komplettansicht

7.  Shop: Qualityland 2.0 zum Hören

Hör-Tipp: Den zweite Teil von Marc-Uwe Klings dystopischer Erzählung aus einer Big-Data-Welt gibt es auch als Hörbuch. Auch Qualityland 2.0 spielt wieder im „besten aller möglichen Länder“ und ist voller skurriler Figuren und verblüffender Plot-Twists.

Buch und Hörbuch Qualityland 2.0:
https://shop.digitalcourage.de/qualityland20.html

8.  Termine