Stoff für eine Dystopie (20.08.2021)

Digitalcourage-Newsletter vom 20.08.2021 – Themen u.a.: Kein Perso ohne Finger mehr, Netzwerk Freie Schulsoftware, Zusammenarbeit mit dem VBE, ReclaimYourFace, Fediverse

Liebe Leute,

eine Körperwaage, die das Gewicht nicht verrät, wenn nicht vorher eine App installiert und der Übertragung von Daten wohin-auch-immer zugestimmt wurde. Sportgeschäfte, in denen bei einem Einkauf vor Ort ungefragt ein Kundenkonto angelegt wird. Kitas, die wichtige Informationen nur noch über eine App verbreiten, und Behörden, bei denen kein Mensch mehr am Telefon zu erreichen ist.
Das ist nicht die Ideensammlung für einen dystopischen Roman. Sondern ein paar besonders haarsträubende Fälle, von denen uns Menschen über unseren Digitalzwangmelder berichtet haben. Vor einigen Wochen haben wir (inspiriert durch die unsägliche Luca-App) dazu aufgerufen, uns Fälle zu melden, bei denen unser analoges Leben nicht durch Technik verbessert wird. Sondern bei denen ein Zwang zur Nutzung bestimmter Anwendungen Menschen ausschließt, verunsichert, ihre intimsten Informationen bloßstellt oder schlicht: nichts anderem als der Überwachung dient. Gerade sichten und diskutieren wir im Team die zahlreichen Eingänge. Wir werden auf unserem Blog und im Newletter von den Ergebnissen berichten. Weitere Meldungen sind natürlich willkommen!

Mit besten Grüßen aus Bielefeld,
Julia Witte und das Team von Digitalcourage

 

Inhalt

1  Perso ohne Finger – den gibt’s erstmal nicht mehr

2  Senkrechtstart für das Netzwerk Freie Schulsoftware

3  Digitalisierung von Schule: gelungene Zusammenarbeit mit dem Verband Bildung und Erziehung

4  ReclaimYourFace – rege Beteiligung in den sozialen Medien

5  Film: „Alles ist eins. Außer der 0.”

6  Tech-Tipp: Fediverse

7  Empfehlungen aus unserem Shop: True Facts und Anleitung für ein Live-Betriebssystem

  7.1  Auflage der Broschüre „Tails”

  7.2  Die Fortsetzung zu „Fake Facts” von Nocun und Lamberty: „True Facts”

8  Termine

1  Perso ohne Finger – den gibt’s erstmal nicht mehr

Rund 10.000 Menschen haben unterschrieben: Dagegen, dass wir ohne Anlass behandelt werden wie Tatverdächtige. Dagegen, dass wir für einen kleinen, zweifelhaften Vorsprung bei einem Katz- und Maus-Spiel zwischen Behörden und Kriminellen aufkommen sollen: Indem wir als Wetteinsatz die biometrischen Daten von Millionen Menschen in den Ring werfen. Seit dem 2. August gilt in Deutschland die Speicherpflicht für Fingerabdrücke beim Beantragen eines neuen Personalausweises. Wir haben in den letzten Tagen sehr viele Interviews zum Thema gegeben, in denen wir uns gegen diesen staatlichen Übergriff aussprechen. Aber dabei soll es nicht bleiben: Wir planen, bald dagegen Klage einzureichen.

Aktuelles zu unserer Klage immer hier: https://digitalcourage.de/keine-fingerabdruecke-personalausweis
Presseberichte: https://digitalcourage.de/blog/2021/PersoOhneFinger-Presseecho

Wir klagen gegen die Speicherung von Fingerabdrücken auf neuen Personalausweisen! Helfen Sie uns dabei mit einer Spende: https://digitalcourage.de/spenden

2  Senkrechtstart für das Netzwerk Freie Schulsoftware

Was für ein Start: Innerhalb weniger Wochen sind schon mehr als 800 Hilfsangebote in unserem neu ins Leben gerufenen Netzwerk Freie Schulsoftware eingegangen. Dadurch ist eine Übersicht von weit über 100 freien Programmen entstanden, die bereits erfolgreich in Schulen eingesetzt werden, inklusive passender Ansprechpartner.innen. Wow! Vielen Dank an alle, die bereits mitmachen! Der Bedarf an Erfahrungsaustausch ist offensichtlich riesig. Kein Wunder, denn Schulen stecken in einem Dilemma, was die Wahl geeigneter Software betrifft. Ist endlich eine passende gefunden, wird die Begeisterung oft wieder vermiest durch Schulträger, Schulleitung, Bürokratie oder mangelnde technische Kompetenz. Aber es gibt auch viele Schulen, die bereits erfolgreich datenschutzfreundliche, grundrechtewahrende Software einsetzen. Wie haben die das nur gemacht? Wertvolle Erfahrungsberichte und konkrete Tipps gibt es im Netzwerk Freie Schulsoftware!

So funktioniert das Netzwerk:

  1. Können Sie Schulen beim Umgang mit einer bestimmten Freien Software helfen? Dann bieten Sie Unterstützung über unser Webformular an und laden Sie andere zum gemeinsamen Austausch ein.
  2. Machen Sie Schulen auf die Hilfs- und Informationsangebote aufmerksam. Weiterleitungen an Eltern, Lehrkräfte und andere Personen, die Hilfe anbieten oder suchen, sind explizit erwünscht, damit alle 32.332 Schulen in Deutschland passende Unterstützung finden können.
  3. IhreSchule sucht Starthilfe bei einer bestimmten Freien Software? Vielleicht gibt es schon ein passendes Hilfsangebot im Netzwerk!

Dieses Projekt ist für uns eine notwendige Weiterführung unserer Bemühungen im Bildungsbereich. Bei unserer letzten großen Mitmachaktion haben wir mit Hilfe vieler engagierter Menschen über 800 gedruckte Bildungspakete verbreitet: Das Paket (nach wie vor im Digitalcourage-Shop bestellbar) enthält Anregungen zur Gestaltung Digitaler Bildung für Eltern und Schulen, aber auch die Politik in Form von Broschüren, Flyern und – wir können gar nicht anders – thematisch passenden, bunten Aufklebern.

Hilfe anbieten und Hilfe finden auf unserer Projektseite Netzwerk Freie Schulsoftware: https://digitalcourage.de/netzwerk-freie-schulsoftware
Unsere Pressemitteilung zum Projektstart: https://digitalcourage.de/pressemitteilungen/2021/pm-netzwerk-freie-schulsoftware
Das Bildungspaket mit vielen Broschüren und Informationen in unserem Shop: https://digitalcourage.de/kinder-und-jugendliche/bildungspaket

3  Digitalisierung von Schule: gelungene Zusammenarbeit mit dem Verband Bildung und Erziehung

Wie kann eine gute Digitalisierung an Schulen aussehen? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Verband Bildung und Erziehung (VBE) schon lange und hat sein Positionspapier in engem Austausch mit uns nun überarbeitet. Der VBE ist eine Fachgewerkschaft, die mit Landesverbänden in ganz Deutschland vertreten ist und dient Erzieher.innen und Lehrkräften aller Schulformen als Orientierung in der Bildungslandschaft, z.B. durch die Ausrichtung jährlicher Kongresse für Kita- und Schulleitungen oder den Deutschen Lehrertag. Wir freuen uns sehr, dass viele unserer Anregungen zum Thema aufgenommen wurden und der Verband eine klare Haltung einnimmt: Digitale Bildung muss chancengleich ermöglicht werden – mit datenschutzfreundlicher Software und nachhaltigen Hardwarekonzepten. Die Grundrechte von Schüler.innen und Lehrkräften müssen dabei gewahrt werden – ohne Kompromisse. Digitalisierung von Schulen soll nicht kopflos vorangetrieben werden, „Digitalthemen“ müssen fächerübergreifend zum Unterrichtsgegenstand werden, in der Lehrkräfteausbildung verankert und durch Fortbildungen, sowie multiprofessionelle Teams gestärkt werden. Der VBE stellt klar, dass in den vergangenen Jahren Entwicklungen verschlafen wurden und fordert von den politisch Verantwortlichen in Bund, Länder und Kommunen: Das darf nicht weiter geduldet werden! Eine gelungene Zusammenarbeit, die uns wieder einmal gezeigt hat: Wir können viel erreichen für die Entwicklung von Schulen, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Wir freuen uns schon auf das nächste gemeinsame Projekt!

Das aktualisierte Positionspapier „Digitalisierung von Schule: Was jetzt passieren muss!” vom Verband Bildung und Erziehung: https://www.vbe.de/der-vbe/bundesverband/positionen-des-bundesverbandes/digitalisierung-von-schule-was-jetzt-passieren-muss

Die Vernetzungsarbeit im Schulbereich kostet uns viel Mühe und Zeit. Aber wir finden es entscheidend, Schulen auf einen Weg zu leiten, der digital mündige Bürgerinnen und Bürger hervorbringt. Sie auch? Dann unterstützen Sie uns langfristig mit einer Fördermitgliedschaft: https://digitalcourage.de/mitglied 

4  ReclaimYourFace – rege Beteiligung in den sozialen Medien

Seit einigen Monaten läuft die europäische Bürger.inneninitiative „ReclaimYourFace”, die ein Ende von biometrischer Massenüberwachung fordert. Wir freuen uns sehr darüber, das diese Kampagne viel und sehr kreativ in den sozialen Medien diskutiert wird. Zum Beispiel gibt es schon viele lustige Beispiele dafür, wie wir uns im Alltag hervorragend mit einer Papiertüte auf dem Kopf vor Überwachung schützen können – und wie unpraktikabel das natürlich ist. Eine Sammlung anschaulicher Beispiele gibt es auf Twitter, #PaperBagSociety und #ReclaimYourFace, weitere Posts willkommen! Auch einen Meme-Wettbewerb hat es gegeben. Auch in den kommenden Monaten wollen wir weiter auf die Reclaim-Your-Face-Kampagne hinweisen, denn wir brauchen ein europaweites Verbot biometrischer Massenüberwachung. Helfen Sie uns, die Kampagne bekannt zu machen und Unterschriften zu sammeln, digital in den sozialen Medien oder ganz analog durch Gespräche mit Bekannten.

Mehr über die Reclaim-Your-Face-Kampagne und die Möglichkeit zu unterschreiben gibt es auf der Website der Initiative: https://reclaimyourface.eu/de
Das Gewinner-Meme des Wettbewerbs: (englisch) https://twitter.com/ReclaimYourFace/status/1423214293584072705?s=20

5  Film: „Alles ist eins. Außer der 0.”

Geschichten aus den Gründungsjahren des Chaos Computer Clubs und der ihn umgebenden Hacker-Community gibt es in dem neuen Film „Alles ist eins. Außer der 0.” Der Dokumentarfilm von Klaus Maeck und Tanja Schwerdorf über Wau Holland und die Geschichte der deutschen Hacker zeigt einige Sequenzen aus der Frühzeit des CCCs, die aus unseren Digitalcourage-Archiven stammen, und lässt auch padeluun zu Wort kommen. Falls das Lieblingskino den Film noch nicht im Programm hat: Fragen Sie doch einfach mal freundlich nach!

Filmtrailer auf unserer Peertube-Instanz: https://digitalcourage.video/videos/watch/94b73806-76f0-4d92-a1e1-0eebf439dcc8

6  Tech-Tipp: Fediverse

Soziale Medien, die nicht Ausspähen und Manipulieren, weil es kein Geschäftsinteresse daran gibt. Weil sie als dezentrales Kommunikationsnetz angelegt sind – wie es sich bei der E-Mail bewährt hat. Ein Netz vieler Gemeinschaften, die sich jeweils selbst moderieren. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Das Fediverse (kommt von „Federated Universe“ und ist eine Wortkreuzung aus „Föderation“ und „Universum“) ist genau das: Eine Alternative zu den kommerziellen Social-Media-Anbietern. Je nach Vorliebe gibt es Varianten für den Austausch von Microblogs, Fotos oder Videos. Und das Beste daran ist: Wer sich für einen twitterähnlichen Dienst entscheidet, aber Freundinnen und Bekannte hat, die sich wohler fühlen, wenn es wie Instagram aussieht: Kein Problem – im Fediverse können Menschen sich plattformübergreifend folgen. Digitalcourage betreibt eine eigene Instanz der twitterähnlichen Software Mastodon: digitalcourage.social. Ein Unterschied: Bei uns dürfen Beiträge nicht nur 280 Zeichen (wie bei Twitter), nicht 500 Zeichen (wie auf den meisten Mastodon-Instanzen), sondern bis zu 1024 Zeichen lang sein. Einen Account bei unserer Instanz gibt es für 1€/Monat. So sorgen wir dafür, dass unser Mastodon-Server langfristig erhalten bleibt und bei Bedarf mit den Anforderungen wachsen kann.

Eine aktualisierte Erklärung für den Einstieg ins Fediverse gibt es auf den Seiten unserer „Digitalen Selbstverteidigung”: https://digitalcourage.de/digitale-selbstverteidigung/fediverse
Wer lieber gleich alles selbst ausprobieren will, kann hier einen Account bei unserer Mastodon-Instanz bestellen: https://digitalcourage.social

7  Empfehlungen aus unserem Shop: True Facts und Anleitung für ein Live-Betriebssystem

7.1  Auflage der Broschüre „Tails”

Das Live-Betriebssystem „Tails” ist ein eigenständiges Betriebssystem, das von einer DVD oder einem USB-Stick gestartet werden kann, ohne es zu installieren. Das vorhandene Betriebssystem auf der Festplatte wird dabei nicht verändert. Tails hilft bei der Bearbeitung von sensiblen Text-, Grafik- und Tondokumenten, ohne Spuren auf dem benutzten Gerät zu hinterlassen. Das Betriebssystem verwendet beim Surfen, Mailen und Chatten automatisch die Anonymisierungssoftware Tor und verändert zusätzlich die MAC-Adresse der Netzwerkkarte. Die Anleitung zur Nutzung des Tails-Live-Betriebssystems für sichere Kommunikation, Recherche, Bearbeitung und Veröffentlichung sensibler Dokumente: https://shop.digitalcourage.de/broschuere-anleitung-tails-7-auflage.html

7.2  Die Fortsetzung zu „Fake Facts” von Nocun und Lamberty: „True Facts”

Was tun, wenn Freundinnen oder Familienangehörige plötzlich an eine große Verschwörung glauben? Welche Gesprächsstrategien helfen wirklich weiter? Und warum ist die emotionale Ebene manchmal wichtiger als Fakten? In ihrem Buch geben Katharina Nocun und Pia Lamberty Tipps zum Umgang mit Verschwörungsgläubigen: https://shop.digitalcourage.de/buch-true-facts.html

 

Empfehlen Sie unseren Newsletter Bekannten, Freund.innen und Kolleg.innen: https://digitalcourage.de/newsletter

8  Termine

04.09.2021 (Sa): Großdemonstration #Unteilbar in Berlin: https://www.unteilbar.org/berlin-demo-2021/