Fediverse – So geht gutes Social Media

Quit Facebook auf einer Scheibe

"Stell dir vor, du könntest von Twitter aus auch alle Leute auf Facebook erreichen." Stellen Sie sich vor, ein Account würde reichen, um alle Menschen in den sozialen Netzwerken zu erreichen. Alle Nachrichten landen in einer Timeline und Sie brauchen nicht fünf Timelines beobachten und müssen Ihre Plattform auch nicht abhängig davon wählen, was Ihre Freundinnen und Freunde nutzen. Genau das macht das Fediverse.

Sie haben das mulmige Gefühl, dass Sie etwas Falsches tun, wenn Sie Facebook, Instagram oder Twitter benutzen? Dieses Gefühl täuscht Sie nicht. Es gibt gute Gründe, die Social-Media-Großmächte zu meiden. Sie müssen nicht auf Social Media verzichten, um Ihre Privatsphäre und Selbstbestimmung zu behalten. Es gibt gute Alternativen. Und das Gute ist: Sie sind alle miteinander vernetzt. Wenn Ihnen eine nicht gefällt, können Sie einfach (weitgehend verlustfrei) zur nächsten wechseln, ohne dabei Ihre Kontakte zu verlieren. Denn sie sind alle Teil vom Fediverse.

Die schnelle Lösung für Ungeduldige: Registrieren Sie sich einen Account bei unserem Mastodon-Server.

Inhalt

1. Fedi...was?
2. Warum offene Schnittstellen das „Social-Media-Problem“ lösen können
3. Die vielen Optionen des Fediverse
4. Account einrichten, Server wählen
5.Crossposting: Fediverse und Twitter gleichzeitig befüllen mit der Social-Media-Bridge
6. Folgeempfehlungen
7. Das Fediverse ist auch kein Heilsbringer
8. Aufstieg und Niedergang des WWW
9. Warum man Facebook, Instagram, Twitter, Youtube, Soundcloud etc. lieber nicht verwenden sollten

Fedi... was?

Fediverse kommt von „Federated Universe“ und ist eine Wortkreuzung aus „Föderation“ und „Universum“. Es handelt sich um ein dezentrales Kommunikationsnetz – wie es sich bei der E-Mail bewährt hat, aber ohne Spam. Wie beim E-Mailen spielt es technisch kaum eine Rolle, bei welchem Anbieter man ist – die Nutzer einer Instanz können denen anderer Instanzen folgen. Das ist bei sozialen Netzwerken bisher einzigartig, aber sehr wichtig, denn nur so kann man einen Dienst wechseln, ohne dabei sämtliche Kontakte zu verlieren. Das bedeutet: Nur so haben Nutzende wirklich eine Wahl und nur so wird ein gesamtgellschaftlicher Diskurs über die Regeln unserer Kommunikation möglich.

Durch den Einsatz von Sozialer-Netzwerk-Software, die das Protokoll ActivityPub unterstützt, können sich unabhängige Server mit dem Fediverse verbinden, so dass seine Benutzerinnen kurze Nachrichten von anderen Benutzern auf jedem angeschlossenen Server verfolgen und empfangen können. Das Fediverse basiert auf Freier Software und offenen Schnittstellen. Einige seiner sozialen Netzwerke sind vage twitterartig in Stil, Aktivitäten und Funktion, einige Plattformen bieten mehr Kommunikations- und Transaktionsmöglichkeiten und sind vergleichbar mit Facebook oder Instagram.

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Wie bei der E-Mail wählt man zuerst einen Anbieter aus. Das sind Server, auf denen freie Software läuft. Diese Server nennt man auch Instanzen. Sie werden in der Regel von Enthusiast.innen betrieben, und die Benutzung ist meist kostenlos. Viele haben einen thematischen Schwerpunkt. Eine passende Instanz kann man zum Beispiel über diese Datenbank finden.

Um Digitalcourage im Fediverse zu folgen, geben Sie am besten „https://digitalcourage.social/@digitalcourage“ in das Suchfeld ein, das auf Mastodon-Instanzen links oben zu finden ist. Oder besuchen Sie unser Fediverse-Profil direkt: https://digitalcourage.social/@digitalcourage

Warum offene Schnittstellen das „Social-Media-Problem“ lösen können

Schon 2011 haben wir mit vielen anderen Gruppen gemeinsam Grundregeln formuliert, die eine Social-Media-Plattform unserer Ansicht nach erfüllen muss. Dabei geht es vor allem um Dezentralität und um Wahlfreiheit. Jede.r soll sich die Plattform selbst aussuchen können, und daher braucht es „offene Schnittstellen“. Diese ermöglichen, dass man sich auch dann erreichen kann, wenn man auf verschiedenen Plattformen unterwegs ist.

„Offene Schnittstellen“ klingt technisch, ist aber einer der wichtigsten Gründe, weshalb wir im Fediverse die beste Antwort auf unsere gesamtgesellschaftlichen Probleme in Bezug auf Social Media sehen. Dieses Zauberwort verspricht, dass unsere Massenkommunikation wieder auf einem Weg stattfindet, der den großen Konzernen nicht die ganze Macht darüber einräumt. Diese machen sich den sogenannten „Plattformeffekt“ (siehe auch Netzwerkeffekt und Lock-in-Effekt) zu nutze. Dieser verhindert, dass Sie schon längst von Facebook oder Instagram weggegangen sind. Denn alle Ihre Freundinnen und Freunde sind ja dort. Und den Kontakt wollen Sie nicht verlieren. Ein fieser Trick, mit dem man Sie dazu bewegt, jede Gemeinheit zu schlucken, die sich die Betreiber von Facebook oder Twitter so ausdenken. Mit offenen Schnittstellen ist damit Schluss. Denn damit haben Sie wieder eine Wahl. Wenn Sie die Plattform wechseln werden Sie dafür nicht bestraft. Wenn also Ihr Anbieter Menschenrechtsaktivist.innen blockiert oder Despoten ein Sprachrohr gibt, können Sie sich einen anderen Dienst suchen. Das gibt Ihnen Kontrolle zurück und führt zwangsläufig dazu, dass die Menschen in die Entscheidungen mehr einbezogen werden. Nur so können wir uns den zunehmenden gesellschaftlichen Problemen, die sich aus Social Media ergeben, erfolgreich stellen.

Leider hat das auch gewisse Nachteile. Denn es muss natürlich eine gewisse Kompatibilität geben. Einen Telefonanruf kann man ja auch nicht ohne ihn zuvor irgendwie zu übertragen) an ein E-Mail-Konto schicken. Alle Dienste, die ans Fediverse angeschlossen sind, teilen einen Grundkonsens an Funktionen. Aber wie bildet man eine Funktion ab, die von anderen Diensten gar nicht angeboten wird? Hier kann es passieren, dass spezielle Inhalte (wie z.B. Inhaltswarnungen oder Bildbeschreibungen für Blinde) verloren gehen. Aber daran wird natürlich ständig gearbeitet. Ein weiterer Nachteil besteht darin, dass es keine globalen Benutzernamen gibt. Damit ein Benutzername eindeutig wird, muss man immer auch den Dienst angeben, auf dem dieser liegt. Aber das ist nicht weiter schlimm. Statt unter @digitalcourage (Benutzername) finden Sie uns eben unter digitalcourage.social/@digitalcourage (Dienst & Benutzername).

Die vielen Optionen des Fediverse

Im Fediverse ist für jeden Geschmack etwas dabei. Mögen Sie es lieber im Stil von Facebook oder Twitter? Wollen Sie lieber etwas mit Ähnlichkeit zu Instagram oder YouTube? Sie haben freie Wahl. Und das Beste daran ist: Wenn Sie sich für einen twitterähnlichen Dienst entscheiden, aber Ihre Freund.innen sich wohler fühlen, wenn es wie Instagram aussieht, können Sie einander trotzdem folgen. Der erste Schritt besteht entsprechend darin, sich zu entscheiden, wie die Social-Media-Plattform Ihrer Wahl aussehen soll.

Vergleichbar mit Facebook

Friendica und Hubzilla

Friendica und Hubzilla sind „Social-Media-Cockpits“: Damit kann man auf vielen Hochzeiten tanzen, also auch Mastodon-und Pleroma-User.innen folgen usw. Beide Lösungen machen es möglich, Beiträge gleichzeitig im Fediverse, auf Twitter und auf Diaspora zu veröffentlichen – also in so ziemlich jedem sozialen Netzwerk außer Facebook (und damit auch Instagram). Das ist natürlich ein unschlagbarer Vorteil. Uns hat die Funktionsvielfalt etwas überwältigt.

Zap

Zap verspricht, eine ethische Alternative zu Facebook zu sein, ist quelloffen und scheint vieles richtig zu machen. Leider gibt es noch nicht viele deutschprachige Instanzen. Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen!

Mobilizon

Mobilizon ist eine vielversprechende freie Alternative zu Facebook-Events. Organisieren Sie Ihre Veranstaltungen nicht auf Facebook, sondern mobilisieren Sie auf Mobilizon!

Diaspora

Diaspora ist eine der ältesten „Facebook-Alternativen“ mit starkem Fokus auf Privatsphäre und Kontrolle. Beim Absenden einer Nachricht kann man auswählen, an welchen Empfängerkreis diese gesendet werden soll. Ursprünglich war Diaspora nicht ans Fediverse angeschlossen. Es kann hier also noch eher zu Kompatibilitätsproblemen mit anderen Anbietern kommen. Da die Betreiber der „Pods“ (Server) sehr viel Einblick nehmen können, wurde Diaspora kritisiert.

Digitalcourage wirkt. Wirken Sie mit!

Vergleichbar mit Twitter

Mastodon

Bei Mastodon verschickt man keine „Tweets“, sondern „Tröts“ und legt in der Regel größeren Wert auf einen freundlichen Umgangston und konstruktive Beiträge. Man kann den Empfänger.innenkreis der Nachrichten einschränken und entscheiden, ob eine Nachricht von anderen geteilt werden darf. Gern gesehen sind Inhaltswarnungen und Bildbeschreibungen (die der Barrierefreiheit dienen). Wie üblich im Fediverse, kann man mit einem Mastodon-Profil auch User.innen auf anderen Fediverse-Diensten folgen, also z.B. auf Pleroma, PeerTube, Pixelfed, Friendica und Hubzilla.

Wir sind von Mastodon so begeistert, dass wir eine eigene Instanz betreiben: digitalcourage.social. Gegen einen Kostenbeitrag von 1€/Monat können Sie dort veröffentlichen. Andere Mastodon-Instanzen haben andere Finanzierungsmodelle oder auch keine.

Pleroma

Pleroma ist sehr ähnlich wie Mastodon. Auf vielen Pleroma-Instanzen kann man Beiträge verfassen, die länger sind als die bei Mastodon üblichen 500 Zeichen. Pleroma-User können anderen Fediverse-Wesen (z.B. Mastodon-Usern) folgen und umgekehrt.

GNU-Social

GNU Social war eine der ersten freien Twitter-Alternativen. Leider ist sie nicht zu allen hier genannten Fediverse-Diensten kompatibel, weil sie das ActivityPub-Protokoll (noch) nicht implementiert. Sollte sich das ändern, bitten wir um Nachricht.

Vergleichbar mit Instagram

Pixelfed

Pixelfeld ist die Antwort des Fediversums auf Instagram. Probieren Sie es aus, wenn Sie ein visueller Typ sind!

Vergleichbar mit Youtube

PeerTube

YouTube gehört bekanntlich Google, und auch Vimeo ist nicht mehr empfehlenswert, seit dort massenhaft Tracker eingebaut wurden. Darum sind wir sehr froh, dass es im Fediverse die Alternative PeerTube gibt. Wir betreiben sogar eine eigene PeerTube-Instanz: digitalcourage.video.

Vergleichbar mit Soundcloud

Funkwhale

Funkwhale ist wie PeerTube, aber für Audio statt Video. Also interessant für Musikbegeisterte, Hörbuchlauschende, Podcaster und andere Audiophile. Wir haben uns damit noch nicht eingehend beschäftigt. Wenn Sie eine App für Funkwhale installieren, dann am besten aus F-Droid!

Vergleichbar mit Reddit

Lemmy

News-Junkies, die Reddit oder HackerNews nutzen, werden Lemmy lieben. Hier kann man Links mit anderen teilen und darüber diskutieren. Dieser gemeinschaftliche Nachrichtenkonsum macht Lemmy zu einem sogenannten Social-News-Aggregator.

Account einrichten, Server wählen

Haben Sie sich für eine Plattform entschieden, müssen Sie im zweiten Schritt für eine Instanz entscheiden. Also einen der vielen Server, der Accounts auf dieser Plattform anbietet. Die Auswahl ist hier mitunter groß. Lassen Sie sich nicht entmutigen. Ihre Entscheidung ist nicht unumstößlich. Sie können später einfach wechseln, wenn Sie sich schon etwas besser auskennen.

Bei Digitalcourage haben wir uns für Mastodon entschieden. Deshalb kennen wir uns hier am besten aus und fokussieren unsere Anleitung fortan darauf.

Eine Mastodon-Instanz finden

Sie möchten jetzt endlich loslegen? Gut! Wer sich für Mastodon entschieden hat, findet auf der offiziellen Projektwebsite joinmastodon.org leicht eine Instanz in der passenden Sprache und inhaltlichen Ausrichtung. Alternativ kann man auch auf https://instances.social durch die Beantwortung einiger weniger Fragen eine Instanz finden.

Während Twitter und andere Social-Media-Kanäle gewöhnlich über eine zentrale Website gesteuert werden, besteht der Witz von Mastodon gerade darin, dass das Netz über viele verschiedene und voneinander unabhängige Server gebildet wird. Diese Server oder „Instanzen“, wie sie in der Mastodon-Welt genannt werden, haben je einen eigenen Namen der Art „@name“ und bilden den „Heimathafen“ ihrer jeweiligen Nutzer.innen. Obwohl alle Fediverse-Instanzen grundsätzlich mit allen anderen Nachrichten austauschen können, ist es wichtig, die Heimat-Instanz, bei der man sein Konto anlegt, gut zu wählen. Zum einen, damit die lokale Zeitleiste relevante Inhalte enthält, zum anderen, weil die Instanz bestimmte Regeln festlegt und diese zu Ihnen passen sollten. Im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben findet jede Fediverse-Instanz ihre eigenen Methoden, um das richtige Gleichgewicht zwischen Redefreiheit und Schutz vor Hassrede zu finden. Dafür sollte jede Instanz ein Moderationsteam haben, aber es kommt vor allem auf die User.innen selbst an.

Hinweis: Manchmal lassen Instanzen keine neuen Registrierungen mehr zu. Das liegt dann meist daran, dass sie bereits ausgelastet sind, oder es gerade einen großen Ansturm gibt, der erst mal aufgefangen werden muss. (Z.B. weil Facebook mal wieder seine AGB verschärft hat.) In dem Fall suchen Sie sich eine andere Instanz aus. Es gibt ja mehr als genug.

Mastodon-Account anlegen und im Smartphone einrichten

Zur Registrierung auf der so ermittelten Wunsch-Instanz wird gewöhnlich die Angabe eines Usernamens, einer Email-Adresse und eines selbst gewählten Passworts verlangt. Usernamen sind immer an die „Heimatinstanz“ gebunden, weswegen man es auch einfach auf einer anderen Instanz probieren kann, wenn ein Username auf einer bestimmten Instanz bereits vergeben ist.

Es gibt verschiedene Apps fürs Smartphone (Android oder iOS): Für Android sind die freien und quelloffenen Apps Tusky, Fedilab und Twidere einen Blick wert. Letztere funktioniert auch mit Twitter. Auf einem „normalen“ Rechner wird Mastodon über den Webbrowser gesteuert.

Tröten, Folgen, Boosten … der Rest sollte für Twitter-erfahrene Nutzer.innen ein Klacks sein.

Digitalcourage-Instanzen

Mastodon

Auch Digitalcourage betreibt eine Mastodon-Instanz. Wir möchten hier den Dialog führen, wie digitale Kommunikation gelingen kann. Deshalb ist diese Instanz bewusst nicht kostenlos. Denn wir finden es wichtig, dass Menschen bereit sind, für digitale Dienste auch mal etwas zu bezahlen. Nur so kommen wir von dem Kommerzialisierung-durch-Werbung-und-Überwachung-Elend weg, das sich leider im gesamten Internet breit gemacht hat. Wir berechnen für jeden Account 1€/Monat uns sorgen so dafür, dass unser Mastodon-Server langfristig erhalten bleibt und bei Bedarf mit den Anforderungen wachsen (skalieren) kann.

Unsere Mastodon-Instanz finden Sie hier: digitalcourage.social

Sie hat einige besondere Eigenschaften: - Sie wird von einem Verein betrieben, der sich seit 1987 für eine lebenswerte Welt im Informationszeitalter einsetzt, schon 1989 die BIONIC-Mailbox betrieb und dabei besonderen Wert auf Privatsphäre und einen guten Umgang miteinander legte. - Sie gibt Raum für ausführlich formulierte Gedanken, weil wir die maximale Zeichenlänge pro Nachricht („Tröt“) von 500 auf 1024 Zeichen erhöht haben. - Mastodon macht schon vieles richtig im Sinne von Privacy-by-Design. Trotzdem speichert es IP-Adressen von Nutzenden. Das haben wir in unserer Instanz unterbunden. - Wir wollen nicht nur irgendeine weitere Mastodon-Instanz sein, sondern bewusst eine andere Art Rahmenbau anbieten und ausprobieren. Wir als Betreibende werden auf eine angenehme geistige Atmosphäre achten. Menschen, die sich unsicher in der öffentlichen Kommunikation fühlen, sollen darauf vertrauen können, dass wir einen freundlichen Umgangston pflegen und wir keinen rassistischen, sexistischen, homo- oder transphoben etc. Beiträgen Raum geben. Darauf sind wir immer ansprechbar. - Sie zahlen 1 Euro pro Monat. Damit können wir die Instanz nachhaltig betreiben und ihre Infrastruktur der Zahl der Nutzenden anpassen.

PeerTube

Im Januar 2021 haben wir einen zweiten Fediverse-Dienst in Betrieb genommen: die PeerTube-Instanz digitalcourage.video, auf der wir zunächst Video-Aufzeichnungen der BigBrotherAwards bereitstellen werden.

Crossposting: Fediverse und Twitter gleichzeitig befüllen mit der Social-Media-Bridge

Sie wollen die Sache erst Mal in Ruhe ausprobieren? Kein Problem. Sie müssen ja nicht gleich ihre alten Accounts bei Facebook, Twitter und co kündigen. Wichtig ist, dass Sie die Alternativen fördern, in dem Sie Ihre Inhalte auch hier zugänglich machen. So können Ihnen auch Menschen folgen, die keine Twitter-AGB akzeptieren möchten.

Niemand erledigt eine Aufgabe gern doppelt, und das gilt auch für das Schreiben von Status-Updates. Eine Weiterleitung von Twitter zu Mastodon lässt sich recht einfach einrichten. Zitate, Retweets und Antworten bleiben aber normalerweise auf die jeweilige Plattform beschränkt. Und auch Antworten gehen natürlich nur auf einer Plattform ein. Social Media ist keine Einbahnstraße und lebt vom Diskurs. Es ist deshalb wichtig, sich auch regelmäßig auf Mastodon einzuwählen. Sonst entsteht ein unattraktiver Zombieaccount, der zwar dauernd plappert, aber nicht für Antworten, Rückfragen oder Kritik erreichbar ist.

Für den Anfang am einfachsten finden wir den Twitter-Mastodon-Crossposter. Das ist ein quelloffener Bot, der Ihre Tweets zu ihrer Fediverse-Instanz spiegelt oder wahlweise auch umgekehrt. Um ihn einzurichten, muss man einmalig folgende Schritte durchgehen:

  1. In einem Reiter auf Twitter einloggen.
  2. In einem anderen Reiter auf einer Mastodon-Instanz einloggen.
  3. Entweder auf https://crossposter.masto.donte.com.br oder auf https://moa.party/ die beiden Buttons „Twitter“ und „Mastodon“ anklicken und die erbetenen Rechte gewähren.
  4. In den Options mindestens den Schalter unter „Post my tweets on Mastodon“ umlegen. Jetzt noch unten auf „Update User“ klicken und fertig.

Nun wird alles, was Sie im einen Dienst schreiben an den anderen geschickt. Von wo nach wo gesendet wird, können Sie selbst wählen. Wir empfehlen, Mastodon als Hauptinstanz zu betrachten und die Nachrichten von dort nach Twitter zu senden. Denn dort soll ja langfristig die Musik spielen und so schaffen Sie die Voraussetzung dafür, dass Sie nicht ungewollt in alte Gewohnheiten verfallen und Mastodon aus den Augen verlieren. Irgendwann halten Sie sich vielleicht die meiste Zeit im Fediverse auf und loggen sich nur noch ab und zu auf Twitter ein, um Fragen zu beantworten.

Wenn Sie ausschließlich über ihr Smartphone Tooten bzw. Twittern, können Sie statt einer Weiterleitung auch eine App nutzen, die immer gleich beide Kanäle mit einem Schlag befüttert. Die freie App Twidere, die auch im F-Droid angeboten wird, kann das zum Beispiel. Das hat den Vorteil, dass Sie beide Plattformen gleichermaßen im Blick haben. Nachteil ist allerdings, dass Twitter regelmäßig Schritte unternimmt, um es solchen Drittanbieter-Apps schwer zu machen. Es kommt dadurch hin und wieder zu Komplikationen, die sich manchmal nicht so schnell lösen lassen.

Folgeempfehlungen

Aller Anfang ist schwer. Gerade bei Social Media stellt sich zu Beginn die Frage „Wem folgen?“. Nachdem man die ersten interessanten Accounts gefunden hat, geht es meist recht schnell, dass man andere findet. Dazu beobachtet man entweder in Ruhe die eigene Timeline oder man sieht sich an, wem die anderen so folgen, mit wem sie interessante Dialoge geführt haben und so weiter. Kommerzielle Anbieter machen Ihnen zur Erleichterung am Anfang Vorschläge. Das fällt hier nun weg. Ein thematisch geordnetes Verzeichnis einiger persönlicher Fediverse-Accounts ist Trunk. Wir listen hier ein paar Accounts zur Inspiration, wem man für den Anfang mal folgen könnte.

Liste der von Digitalcourage offiziell betriebenen Accounts:

https://digitalcourage.social/@digitalcourage
https://chaos.social/@DigitalcourageBS Ortsgruppe Braunschweig
https://digitalcourage.social/@dc_og_HB Ortsgruppe Bremen
https://digitalcourage.social/@dchsg Hochschulgruppe Bielefeld
https://digitalcourage.social/@Kidsdigitalgenial
https://digitalcourage.social/@fnf Freedom Not Fear

Accounts aus dem Digitalcourage-Umfeld

https://nerdculture.de/@kirschwipfel
https://digitalcourage.social/@chpietsch
https://digitalcourage.social/@cryptgoat
https://digitalcourage.social/@padeluun
https://chaos.social/@reticuleena
https://digitalcourage.social/@d4m13n

(Zählst du dich zum Digitalclourage-Umfeld und möchtest auf diese Liste? Dann melde dich bei uns)

Medien

https://chaos.social/@netzpolitik_feed (inoffiziell)
https://squeet.me/profile/deutschlandfunk (inoffiziell)
https://squeet.me/profile/golem (inoffiziell)
https://squeet.me/profile/heiseonline (inoffiziell)
https://squeet.me/profile/tagesschau (inoffiziell)
https://newsbots.eu/@tazgetroete
https://mastodon.social/@ComputerBase

Besonders lesenswert

https://chaos.social/@echo_pbreyer
https://social.tchncs.de/@kuketzblog
https://chaos.social/@thecount
https://chaos.social/@fly_it
https://mastodon.social/@Gargron
https://bonn.social/@ulrichkelber

Organisationen

https://bawü.social/@lfdi LfDI BaWü
https://chaos.social/@digiges Digitale Gesellschaft e.V.
https://mastodon.social/@digiges Digitale Gesellschaft Schweiz
https://chaos.social/@epicenter_works Epicenter Works
https://newsbots.eu/@freiheitsfoo (inoffiziell)
https://mastodon.earth/@cryptoparty CryptoParty
https://mastodon.social/@fsfe Free Software Foundation Europe
https://aleph.land/@cryptoparty_berlin
https://bonn.social/@cryptoparty
https://chaos.social/@fff Fridays for Future Germany)
https://social.rebellion.global/@xrgermany
https://todon.nl/@XRBerlin
https://social.rebellion.global/@xr_bielefeld
https://mastodonten.de/@OttoBrennerStiftung
https://chaos.social/@senfcall
https://mastodon.social/@RegierungBW

Comics

https://mastodon.social/@islieb

Das Fediverse ist auch kein Heilsbringer

Offene Schnittstellen sind kein Garant dafür, dass Hass und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nicht stattfinden. Auch im Fediverse nisten sich Accounts (oder ganze Instanzen) ein, die inakzeptable Inhalte verbreiten. Dieses Problem verschwindet nicht einfach, indem die Plattformen freier sind. Im Gegenteil können sie mitunter sogar davon profitieren. Das Fediverse ist nicht die einfache Antwort auf all unsere Probleme. Doch es gibt uns überhaupt die Befähigung, diese Probleme endlich sinnvoll anzugehen und zu diskutieren. In vielen kleinen Diskussionen auf Augenhöhe finden die Instanzen zunächst im Kleinen eine Haltung zu verschiedenen Fragen. Da alle in ihrer Instanzwahl frei sind, können sie entsprechend den Ort wählen, der ihnen am meisten entspricht. Erst durch diese Ermöglichung des gesellschaftlichen Diskurses, entsteht überhaupt die Möglichkeit, dass wir gemeinsam Antworten finden.

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Aufstieg und Niedergang des WWW

So hatten sich Tim Berners-Lee und Robert Cailliau das nicht vorgestellt. Nachdem sie 1989 das World Wide Web entwickelt hatten, konnten auch Laien das Internet für mehr als nur E-Mail nutzen. Aber dass es wie beim Fernsehen weiterhin auf der einen Seite die Sender und auf der anderen die Empfänger gab, hatten sie nicht gewollt. Ihr Konzeptpapier für das WWW sah eigentlich vor, dass Web-Browser Websites nicht nur anzeigen, sondern auch ändern können. Richtige Zwei-Wege-Kommunikation eben. Diese wurde erst möglich, als fünf Jahre später Wikis und zirka fünf weitere Jahre später das Web 2.0 entstanden. 1999 war auch das Geburtsjahr von RSS, einer Technologie, die ein weiteres Versprechen des ursprünglichen WWW-Konzepts einlöste, nämlich dass interessierte Leser.innen über neue Inhalte benachrichtigt werden.

Ab dann hätte sich das WWW zu dem entwickeln können, was viele hofften: zu einer Technologie, die Menschen näher zusammenbringt, die besten Ideen fördert, durch Bildung für alle Chancengleich heit, Frieden und Wohlstand bringt. Statt dessen kam 2004 Facebook, ein mit einer Mauer umgebener Garten, in dem ein skrupelloser Mensch mit Anschubfinanzierung von Rechtsextremen und der CIA die Regeln macht – so charakterisierte Rena Tangens Facebook in ihrer Laudatio anlässlich des BigBrotherAwards 2011. Falls Sie sich fragen, wie sich Facebook seither entwickelt hat: Die Website DaysSinceLastFacebookScandal.com dokumentiert seit 2015 Facebook-Skandale.

Ab 2008 gab es Alternativen wie GNU social und bald darauf Diaspora, Friendica und Hubzilla. Aber nicht viele erfuhren davon, und noch weniger Menschen benutzten sie gern. Das änderte sich nach unserem Eindruck erst ab 2016, als ein Jenaer Student namens Eugen „Gargron“ Rochko die erste Version von Mastodon veröffentlichte, einer freien Software, die oberflächlich Twitter und TweetDeck nachempfunden war, einer leistungsstarken WebOberfläche für Twitter. Aber im Hintergrund läuft der Austausch der Status-Updates nicht via Twitter, sondern durch das Fediverse, ein Netzwerk von Servern (auch „Instanzen“ oder „Knoten“ genannt), die von jedermensch betrieben werden können. Auf ihnen muss nicht Mastodon laufen; es kann auch andere Software sein, die das Fediverse-Protokoll (ActivityPub) spricht. Damit legt das Fediverse den Grundstein für eine Social-Media-Lösung, die die Macht über unsere digitale Kommunikation in die Hände der gesamten Gemeinschaft legt. Heute ist das Fediverse kein Nischenphänomen mehr – Millionen Menschen nutzen es.

Warum man Facebook, Instagram, Twitter, Youtube, Soundcloud etc. lieber nicht verwenden sollten

All diese Anbieter kranken an dem selben Problem. Sie haben keine offenen Schnittstellen und bilden damit jeweils ein eigenes Universum, in dem Sie als einzige Plattform konkurrenzlose Monopolisten sind. Sollte eine dieser Plattform etwas tun, das Ihnen nicht schmeckt, haben Sie nur zwei Optionen: den Frosch schlucken, oder die Plattform verlassen und damit den Kontakt zu allen verlieren, mit denen Sie dort in Kontakt stehen. Das ist ein hoher Preis und tut Ihnen viel mehr weh, als Ihre Kündigung dem Plattformbetreiber. Deshalb schluckt man in der Regel lieber den Frosch. Und den nächsten auch. Und den nächsten dann auch noch. Und irgendwann hat man sich ans Frösche schlucken gewöhnt. Das nennt man Plattformeffekt. Was bringt es Ihnen auch, zu einem Anbieter zu wechseln, auf dem Sie niemanden für Sie relevantes erreichen?

Auf diesen Plattformen sitzen Sie also ständig am kürzeren Hebel. Entsprechend wenig interessieren sich diese Dienste für Ihre Anliegen.

Das hat zur Folge, dass es hier nur ein Hauptanliegen gibt: Monetarisierung. Es geht den Plattformbetreibern nicht darum, Ihnen ein gutes Angebot zu machen. Es geht ihnen darum, Sie möglichst oft und effektiv mit Werbung in Kontakt zu bringen. Dass sie es Ihnen dafür ein wenig schön machen müssen, ist eher ein Abfallprodukt dieses Ziels. Besonders viele Werbeeinnahmen lassen sich auch auf anderen Wegen erziehlen. Z.B. indem Nachrichten besonders häufig angezeigt werden, die viel Interaktion (= intensiver Werbekontakt) auslösen: - Süße und witzige Inhalte, wie Katzenfotos (lösen Favs und Shares aus) - Falschaussagen (lösen falschen Beifall und Korrekturen aus) - Hassnachrichten (lösen Zustimmung und Solidarisierung mit den Angegriffenen aus)

Differenzierte Inhalte, die inhaltlich in die Tiefe gehen, werden meist lesend zur Kenntnis genommen, aber führen erheblich seltener zu Interaktion. Deshalb werden diese algorithmisch diskriminiert. Während Falschaussagen und Hassnachrichten also besonders häufig angezeigt werden, wird man von tiefgründigen Botschaften eher verschont. Und damit haben wir die Erklärung, weshalb die Trumps dieser Welt so viel davon profitieren.


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Letzte Änderungen:

  • Artikel wurde aus verschiedenen älteren Blogartikeln komplett neu erstellt (April 2021)

Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, auch nicht durch unsere Empfehlungen. Programme können unentdeckte Fehler haben, und Datenschnüffeltechniken entwickeln sich weiter. Bleiben Sie wachsam!
Der Artikel ist auf dem Stand vom 17.04.2021. Sollten Sie Fehler finden, Ergänzungen haben oder Empfehlungen bei Ihnen nicht funktionieren, geben Sie uns bitte Bescheid.

Veröffentlicht am 17.04.2021

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