Update 3. März 2016: #appfail
Die norwegische Verbraucherschutzgruppe Forbrukerrådet verklagt Tinder für Verstöße gegen norwegisches und europäisches Recht.

Daten statt Dating: Schon durch die Einwilligung in die Nutzungsbedingungen veräußern Menschen ihre Privatsphäre an Tinder. Private Daten werden zwar nicht direkt an andere Nutzer.innen weitergegeben – wohl aber an die Unternehmensgruppe, und somit in die USA. Wir machen sichtbar, wie viele Rechte und Daten Sie abtreten, wenn Sie Apps wie Tinder nutzen.

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50 Millionen Menschen treten Daten ab

Vom One Night Stand bis zur Liebe fürs Leben – mit der Dating-App Tinder soll alles nur noch einen Smartphone-Wisch weit entfernt sein. Das Prinzip der App ist simpel: Nutzer.innen sehen die Fotos anderer Nutzer.innen in ihrer Umgebung. Wird das Foto nach links gewischt, heißt das „Nein, danke.“ Wird das Foto nach rechts gewischt, bedeutet das Interesse. Nur bei gegenseitigem Interesse wird Kontakt hergestellt. Weltweit nutzen 50 Millionen Menschen die App – und gewähren Tinder damit fast grenzenlosen Zugriff auf zahlreiche private Daten.

AGB: ein Satz, der alles sagt

Wer sich sagt „Dann hat Tinder eben meine Daten, na und?“, übersieht, dass die App nur die Spitze eines Eisbergs ist. Tinder ist ein Tochterunternehmen der Match Group, eines börsennotierten Großunternehmens, das unter anderem mehrere Partner.innenbörsen umfasst. Da Tinder auf seiner Homepage von sich aus keine deutsche Version der Nutzungsbedingungen bereistellt, haben wir den zentralen Abschnitt 9c selbst übersetzt:

Indem Sie in unserem Dienst Inhalte einstellen, übertragen Sie dem Unternehmen, seinen verbundenen Unternehmen, Lizenznehmern und Nachfolgern automatisch das unwiderrufliche, unbefristete, nicht-exklusive, übertragbare, unter-lizensierbare, vollständig abgegoltene, weltweite Lizenzrecht, Inhalte (i) zu benutzen, zu kopieren, zu speichern, aufzuführen, auszustellen, wiederzugeben, aufzuzeichnen, abzuspielen, anzupassen, zu modifizieren und zu verbreiten, (ii) Derivate der Inhalte zu erstellen oder die Inhalte in anderen Werken zu verwenden und (iii) Unterlizenzen des Vorgenannten für bisher bekannte oder in Zukunft erstellte Medien zu erteilen und zu gestatten. Sie erklären und garantieren, dass das jedes Einstellen Ihrer Inhalte und deren Gebrauch durch das Unternehmen nicht die Rechte einer dritten Partei verletzen wird.
(Abschnitt 9c der Nutzungsbedingungen)

Dass Tinder sich das Recht vorbehält, Nutzer.innendaten an Werbefirmen weiterzugeben, ist danach schon fast selbstverständlich. Weniger selbstverständlich ist, dass Tinder selbstbewusst sagt, dass es Tracking nicht unterbinde. Es gebe keinerlei Standards für Anti-Tracking-Software und darum auch keine Notwendigkeit, sie zu nutzen.

Graffiti: I saw you on Tinder

Tinder und Facebook – ein Traumpaar

Bei Tinder kann sich nur anmelden, wer einen Facebook-Account hat. Das soll Fake-Profile verhindern (als ob man sich nicht auch ein Fake-Profil bei Facebook erstellen könnte...), bietet aber vor allem dem Unternehmen zahlreiche Vorteile. Durch die Verbindung des Facebook-Profils mit Tinder werden zahlreiche Daten von Facebook an Tinder übertragen: Geschlecht, Freund.innenlisten, Interessen, Wohnort, Fotos, Geburtstag, Email-Adresse, Bildungsweg, Religion, politische Überzeugungen. Anhand dieser Daten will die App Menschen zusammenbringen, die nicht fern voneinander sind und ähnliche Interessen haben. Nur bei den Fotos können Nutzer.innen selbst bestimmen, welche verwendet werden sollen und welche nicht. Doch auch hier ist Vorsicht geboten, denn schon allein anhand eines Namens oder Fotos ist eine Person schnell bei Facebook zu finden. Wer ein Tinder-Foto von einer anderen Person hat, kann beispielsweise mit der Rückwärts-Bilder-Suchmaschine TinEye leicht herausfinden, auf welchen Seiten das Foto eingebunden ist. Wenn dort ein Name oder ein Kontakt steht, ist die scheinbare Anonymität passé.

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Every breath you take...

...and every move you make, every bond you break, every step you take I'll be watching you. Im Kontext „Datenschutz“ klingen viele Liebeslieder beängstigend. „The safety of our users is very important to us.“, so heißt es in den (übrigens ebenfalls nicht auf deutsch verfügbaren) Sicherheitsinformationen auf der Tinder-Homepage. Doch auch Tinders Wissen über seine Nutzer.innen ist beängstigend. Ausgerechnet die App, die über Facebook Zugriff auf zahlreiche private Informationen hat, rät in ihrer Datenschutzerklärung:

You are in control of your Tinder experience at all times – remain anonymous until you feel ready. Be careful about sharing personal information, such as your full name, phone number, email and address. Protect your identity until you are comfortable enough with someone to share it.

Mädchen chatten via Smartphone und wünschen sich Liebe auf den ersten Blick, wenn sie ihre erstmals Chatpartner.innen treffen

Ein ewiger Bund

„Tinder“ möchte auf Ihre Fotos, Profilinfos, Beziehungsinteressen und „Gefällt mir“ zugreifen.

Dieser simple Satz erscheint, wenn die App nach der Installation zum ersten Mal gestartet wird. Klingt eigentlich gar nicht so bedrohlich, oder? Doch wer hier akzeptiert, tritt massenweise Daten und Rechte an Tinder ab. Die Daten, die Tinder einmal erhalten hat, darf es behalten. Daran ändert auch eine Löschung des Benutzerkontos nichts. Wer Tinder nutzt, geht einen ewigen Bund mit der App ein und verliert dabei Freiheit, Selbstbestimmung und Privatsphäre. Love me Tinder, love me sweet – never let me go.

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Tinder vor Gericht

Die norwegische Verbraucherschutzgruppe Forbrukerrådet verklagt Tinder nun für Verstöße gegen norwegisches und europäisches Recht. Weitere Informationen zur Klage finden sich auf ihrer Homepage.

Freie Liebe

Niemand wird zum „Tindern“ gezwungen, und auch innerhalb der App entstehen Kontakte nur auf Basis von Einwilligung. Wer seine Daten schützen möchte und lieber in trauter Zweisamkeit flirtet, sollte aber besser im realen Alltag nach der großen Liebe suchen, denn wie heißt es so schön: Love is all around.

Weiterführende Links


Bilder
couple: Wyatt Fisher auf flickr CC BY-SA 2.0
Tinder: Global Panorama auf flickr CC BY-SA 2.0
Dated: brett jordan auf flickr CC BY 2.0

Autor
Maximilian Köster

Veröffentlicht am 03.03.2016

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