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Eltern möchten um jeden Preis verhindern, dass ihrem Kind etwas zustößt. Was liegt da näher als der Wunsch, das Kind auf Schritt und Tritt zu beobachten? Der Markt hat sich auf diesen Wunsch eingestellt. Mit Tracking-Apps, die auf einer Webseite zeigen, wo sich das Smartphone und damit hoffentlich auch das Kind befindet. Mit Web-Nannys auf dem PC, die den Onlinezugang regeln, Inhalte sperren oder freigeben, den Weg des Kindes durchs Netz protokollieren. Die sogar zulassen, dass Eltern sich von fern auf den Rechner schalten, um zu sehen, was auf dem Bildschirm passiert. Spielzeug mit Abhörfunktion sendet direkt aus dem Kinderzimmer. Ein Schritt auf verbotenes Gelände, eine falsche Seite im Internet – schon wissen die Eltern Bescheid. Das ist eine Welt mit Rundum-Überwachung. Orwell lässt grüßen.

Trügerische Sicherheit

Selbstverständlich müssen Eltern ihr Kind beschützen. Doch hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben. Gefahren gehören zum Großwerden, Eltern können niemals alle aus dem Weg räumen und täten ihrem Kind damit auch keinen Gefallen. Außerdem ist nicht alles, was Sicherheit verspricht, tatsächlich sicher. Sicherheitsprogramme und einschlägige Onlinedienste tun keineswegs immer das, was sie zu tun behaupten. Hier sollten Eltern sich fachkundigen Rat holen. Und schließlich kann zu viel Schutz sogar das Gegenteil bewirken: Wer sich sicher glaubt, ist weniger aufmerksam und dadurch erst recht gefährdet.

Kinder-Tracking mit "Schutzranzen"

Grid imageDigitalcourage, CC BY 2.0

Die Macht der Gewohnheit

Wer von klein auf gewöhnt ist, überwacht zu werden, nimmt womöglich auch als Erwachsener ständige Überwachung einfach hin und verhält sich entsprechend. Also unauffällig. Vom Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit bleibt da nicht viel übrig. Kinder müssen Geheimnisse haben, müssen Grenzen testen und Regeln hinterfragen. Zum Erwachsenwerden gehört, sich als eigenständiges Wesen zu begreifen, das durchaus einmal mit dem Elternwillen in Konflikt gerät. Ein Kind, das diese elementare Erfahrung nicht macht, wird seine Persönlichkeit schwerlich entfalten können.

Auch Kinder haben Rechte

Kinder werden nicht gefragt, ob sie überwacht werden und ihre Daten an Internetkonzerne weitergeben wollen. Das verstößt gegen die UN-Kinderrechtskonvention. In Artikel 16 heißt es: „Kein Kind darf willkürlichen oder rechtswidrigen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung oder seinen Schriftverkehr oder rechtswidrigen Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden.“ Ständige Überwachung entmündigt und muss damit wohl als willkürlicher Eingriff ins Privatleben verstanden werden Gefährliches Spielzeug.

"Hello Barbie" gehackt

Mike Licht, CC BY 2.0

Überwachung ist kein Spiel

Geradezu perfide ist es, Überwachungswerkzeuge als Spielzeug zu verkleiden. Da spricht ein Kind mit seiner Puppe, aber dass die Unterhaltung dafür zum Puppenhersteller geschickt werden muss, fällt gar nicht weiter auf. Der Hersteller erfährt Vorlieben, Gefühle und Gedanken des Kindes und kann mit den Daten tun, was er möchte. Zum Beispiel ein Persönlichkeitsprofil anlegen - damit können Unternehmen viel Geld machen.

Eltern stehen unter Druck

Der Druck auf Eltern ist enorm. Die Gesellschaft erwartet das perfekt erzogene und bestens geförderte Kind – und nicht wenige Eltern beugen sich dieser Erwartung. Für Eltern, die ihrem Kind mehr Freiheit lassen wollen, sind die kritischen Blicke anderer Eltern nicht leicht zu ertragen. Doch wer seinem Kind auf Schritt und Tritt über die Schulter schaut, sagt damit: „Ich misstraue dir. Ich bezweifle, dass du dich an unsere Regeln hältst. Deshalb musst du über jede Sekunde deines Lebens Rechenschaft ablegen. Ich weiß alles, und zwar sofort. Leugnen hat keinen Zweck, auf dem Computer ist das Protokoll.“ Was mit Überwachungsgeräten als Schutz verkauft wird, ist nichts anderes als eine teure Misstrauenserklärung an das Kind.

Sicherheit durch Vertrauen

Der beste Schutz ist eine sichere Bindung zwischen Eltern und Kind. Das macht Kinder stark, so dass sie sich selbst schützen können. Technik ist da kaum eine Hilfe. Weil fast immer Daten erfasst werden, ist Technik oft sogar schädlich, denn niemand weiß, an wen und wozu diese Daten weitergegeben werden. Eine mündige Persönlichkeit entwickelt sich nicht durch Überwachung, sondern durch Vertrauen.

Datum: 27.02.2018

Text: Arbeitsgruppe Pädagogik

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Veröffentlicht am 27.02.2018

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