Die Stadt Ludwigsburg hält an Kinder-Tracking fest – hier ist unsere Antwort auf eine Einladung zu einem runden Tisch.

Mit einem offenen Brief wollen wir das Kinder-Tracking-Projekt „Schutzranzen“ stoppen. Durch unseren Brief sind Behörden, Verbände und Eltern auf „Schutzranzen“ aufmerksam geworden. In Wolfsburg und ganz Niedersachsen konnte das Projekt bereits gestoppt werden.

Offenen Brief gegen Kinder-Tracking unterschreiben

Die Stadt Ludwigsburg und das Startup Coodriver wollen aber am Kinder-Tracking-Modell festhalten. Die Stadt Ludwigsburg hat uns zu einem runden Tisch eingeladen, „damit wir ggf. gemeinsam nach Lösungen suchen können, das Projekt weiterhin voranzutreiben.“ Hier ist unsere Antwort:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für Ihr Gesprächsangebot und Ihre Einladung, an einem Runden Tisch teilzunehmen. Wir möchten klarstellen, dass wir kein Interesse daran haben, „das Projekt weiterhin voranzutreiben.“ Unsere Kritik an „Schutzranzen“ betrifft den Kern des Projekts.  Wir fordern weiterhin, dass das Projekt auch in Ludwigsburg eingestellt wird und verweisen auf unseren offenen Brief, den mehr als 4.200 Menschen in weniger als zwei Wochen unterzeichnet haben.

Jedes Kind muss im Straßenverkehr sicher sein. Kinder-Tracking darf keine Voraussetzung für Sicherheit von Kindern im Straßenverkehr werden! Digitalcourage fordert die Verantwortlichen der Stadt Ludwigsburg auf, das Projekt „Schutzranzen“ einzustellen. 

Zehn Kritikpunkte an Kinder-Tracking (anklicken zum Aufklappen):

(1) Technisch ist das Modell von „Schutzranzen“ rückschrittlich

Das technische Konzept von Schutzranzen verlangt, dass Kinder als Verkehrsteilnehmer.innen mit GPS-Trackern oder Apps auf Smartphones ausgestattet werden. Nur Kinder, die Trackingsensorik bei sich tragen, werden von Fahrzeugen „gesehen“. Überwachung ist in diesem Modell die Voraussetzung für Sicherheit. Das ist der falsche Weg. In der Konsequenz müssten Millionen Verkehrsteilnehmer.innen mit Trackingsensorik als Objekte im Internet der Dinge vernetzt werden. Die technische Entwicklung wird aber in eine grundlegend andere Richtung gehen. Technisch solides autonomes Fahren wird auf die Sensorik in den Fahrzeugen gestützt sein, damit auch Verkehrsteilnehmer.innen geschützt sind, die keine Trackingsensorik bei sich tragen. Autonome Fahrzeuge werden nicht nur Personen erkennen können müssen, sondern beispielsweise auch Steine auf der Fahrbahn, uneinsehbare Ecken, Wildschweine oder umgestürzte Bäume. Der Versuch, all diese Objekte und Situationen mit Trackingsensorik auszustatten, ist untauglich. Das Modell „Schutzranzen“ wird mittelfristig von Fahrzeugsensorik überholt werden. Investitionen in das Modell sind Aufwände in einen obsoleten Ast der Technikentwicklung. 

(2) Überwachung von Kindern ist unverantwortlich

Für das Projekt „Schutzranzen“ wurden vorab keine Datenschutz-Prüfung, keine Datensicherheits-Prüfung, keine Technikfolgenabschätzung und keine Studien über mögliche Folgen und Gefahren eingeholt. Im Nachhinein hat die Coodriver GmbH das Tracking auf der Seite schutzranzen.com abgestellt, die Datenschutzbestimmungen wurden geändert, und auch bei der Datensicherheit gab es hastige Reparaturversuche. Zu diesem Zeitpunkt war die App aber bereits tausendfach installiert, und Daten wurden bereits im Internet bewegt. Daten von Kindern sind datenschutzrechtlich als hoch sensibel zu bewerten, so dass ein solches Vorgehen als unverantwortlich zu bewerten ist.

(3) „Schutzranzen“ schafft Gefahren

Es ist unverantwortlich, das Projekt „Schutzranzen“ im realen Straßenverkehr zu testen. Die Coodriver GmbH geht einseitig von positiven Effekten von „Schutzranzen“ für die Sicherheit  von Kindern aus. Aber auch negative Effekte von „Schutzranzen“ für die Kinder sind möglich. Es ist möglich, dass sich Kinder besonders unvorsichtig im Straßenverkehr bewegen, wenn ihnen gesagt wird, dass sie im Rucksack einen Sensor haben, der Fahrzeuge vor ihnen warnt – die Gefahr für Kinder würde steigen. Es ist ebenso möglich, dass Autofahrer.innen unvorsichtiger fahren, wenn keine Warnmeldung auf ihrem Smartphone  angezeigt wird – die Gefahr für Kinder würde steigen. Hinzu kommt die Ablenkung, wenn man statt auf die Straße auf einen Bildschirm schaut. Die Klärung dieser Fragen wäre die Voraussetzung für Praxistests. Es ist unverantwortlich, Kinder als Versuchskaninchen zu behandeln und Effekte einer App im echten Straßenverkehr zu testen.

(4) „Schutzranzen“ behebt nicht die Ursachen für Gefahren im Straßenverkehr

Die  Firma Coodriver sagt im Artikel von Spiegel Online: „Es ist nicht  unsere Absicht, Kinder zu tracken, sondern lediglich vor ihnen warnen zu  können.“ Unabhängig davon, ob Coodriver die Absicht hat, Kinder zu überwachen oder nicht – die Firma trackt Kinder. Im Verständnis der Firma sind Kinder die Gefahren, vor denen gewarnt werden muss. In der Realität sind jedoch nicht die Kinder die Gefahren. Gefährlich sind Fahrzeuge, unachtsame Fahrer.innen, Handys am Steuer, unübersichtliche Schulwege, zu schmale Radwege, fehlende Straßenbeleuchtung oder fehlende Spielstraßen und unsichere Fußgängerüberwege. Für all diese Ursachen gefährlicher Schulwege bietet das „Schutzranzen“-Modell keine Lösung.

(5) Digitale Überwachung ist keine Lösung, sondern ein Problem

Kinder sind keine Objekte im Internet der Dinge. Dienstleister erhalten im Modell „Schutzranzen“ die Kontrolle über Daten, Datenverarbeitung, Datenweitergabe und die Hoheit über die Zugänge zu den Daten von Eltern und Kindern. Ist eine solche Dienstleistung einmal etabliert, leben Kinder und Eltern in Abhängigkeit von Datenschutz- und Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die jederzeit geändert werden können. Die Apps von „Schutzranzen“ kontaktieren unter anderem Server von Facebook, Google und Amazon. Welche Daten übermittelt werden, können Eltern und Kinder nicht einsehen. Facebook, Google und Amazon gehören zu den größten Datenhändlern, ihr Geschäftsmodell ist die Erstellung, Aufarbeitung und Vermarktung von Profilen. Facebook erstellt über Nutzer.innen, aber auch, über Nicht-Nutzer.innen unter anderem psychologische, ökonomische und soziale Profile. (Siehe Studien von Wolfie Christl über kommerzielle Überwachung.) Welche Konsequenzen diese Profile in der Zukunft für das Leben einer Person haben können, ist nicht absehbar. Facebook-Analysen könnten eine Korrelation ergeben zwischen der Information „Wurde als Kind überwacht / oder nicht“ und der statistischen Wahrscheinlichkeit einer Angststörung, wenig ausgeprägtem Selbstbewusstsein oder ähnlichem. Diese Informationen können dann Konsequenzen für Arbeitsverhältnisse oder Krankenversicherungen haben. Exakt diese Art von Datenanalyse ist bereits Realität, wie beispielsweise an den BigBrotherAwards an die Generali-Versicherung oder an IBM für das Produkt „Social Dashboard" zu sehen ist. Google kann durch die Vielzahl seiner Internet-Dienste fast alle Vorgänge im Internet aufzeichnen, verknüpfen und so die von den Schutzranzen-Apps hinterlassenen IP-Adressen mit anderen personenbezogenen Daten anreichern, die eine Identifizierung der Kinder oder ihrer Eltern ermöglichen.

(6) „Schutzranzen“ schafft Abhängigkeiten

Für das Funktionieren der Warnkette beim Projekt „Schutzranzen“ müssten sehr viele Bedingungen erfüllt sein. Das Kind muss die Tracking-Sensorik bei sich tragen. Liegt das Handy zu Hause oder der Rucksack in der Straßenbahnhaltestelle ist „Schutzranzen“ funktionslos. Die Tracking-Sensorik muss funktionieren, das heißt, die Internetverbindung muss stehen, die Apps müssen funktionieren, die Server und die Geräte müssen funktionieren. Das Kind muss zudem einem Fahrzeug begegnen, in dem auf einem Handy die Autofahrer-App installiert ist, und die Warnung muss wahrgenommen werden. Eine einzige Fehlfunktion an einem dieser Punkte, und der „Schutzranzen“ ist funktionslos. Anders als „Schutzranzen“ trägt gute Verkehrserziehung zur Sicherheit bei, ohne Abhängigkeiten – sie schützt Kinder, auch wenn sie kein GPS-Gerät oder Handy bei sich tragen.

(7) Pädagogik- und Kinderhilfe-Verbände warnen vor „Schutzranzen“

Erziehung braucht Vertrauen und Freiheit – kein Misstrauen und Überwachung. Pädagogik-, Kinderhilfe- und Elternverbände haben sich sehr kritisch zu „Schutzranzen“ geäußert. Die Verbände betonen, dass die Eltern-Kind-Beziehung keine Überwachungsbeziehung werden darf. 
Verband Bildung und Erziehung e.V. gegen Schutzranzen:
https://verbaende.com/news.php/Schutzranzen-Europaeischer-Datenschutztag-28012018-Ueberwachung-provoziert-Unmuendigkeit?m=120052
Deutsche Kinderhilfe e.V. gegen Schutzranzen:
http://www.kindervertreter.de/de/news_presse/pressemitteilung/gps_sender_im_schulranzen_nicht_alles_was_geht_ist_auch_sinnvoll/2018-01-24/130
Landeselternrat der Gymnasien in NRW gegen Schutzranzen:
https://www.news4teachers.de/2018/01/nrw-landeselternrat-kritisiert-warn-app-als-schueler-ueberwachung/

(8) Die Marke „Scout“, Wolfsburg und Volkswagen haben sich von „Schutzranzen“ distanziert

Volkswagen erklärt im Spiegel-Artikel vom 25.01.2018: „Die interne Bewertung der App Schutzranzen hat ergeben, dass eine Integration bei  Volkswagen nicht vorgenommen wird.“ Die Marke „Scout“ hat laut Angabe der Steinmann Lederwarenfabrik GmbH & Co. KG die Kooperation mit „Schutzranzen“ / Coodriver bereits zum 31.8.2017 beendet. Digitalcourage hat das am 23. Januar 2018 von der Firma Steinmann erfahren. Dennoch hat Coodriver darüber hinaus mit der Marke Scout für das Projekt „Schutzranzen“ geworben. Die Landesschulbehörde Niedersachsen hat nach Kritik der  Datenschutzbeauftragten des Landes Niedersachsen das Projekt in der Stadt Wolfsburg beendet.

(9) Sicherheit im Straßenverkehr muss für alle gelten

Die Ablenkung durch Smartphones ist  Unfallursache Nummer eins in Deutschland. Dabei ist es egal, ob die  Ablenkung durch optische oder akustische Signale erfolgt. Wie die Zahlen des statistischen Bundesamtes belegen, steigt seit Jahren die Sicherheit im Straßenverkehr auch ohne Tracking von Personen. Die meisten Kinder verunglücken im Straßenverkehr in Fahrzeugen. Kinder-, fußgänger- und radfahrer.innenfreundliche Stadtgestaltung ist sinnvoller als risikoreiches und mit dem Recht auf Privatsphäre unvereinbares Kinder-Tracking. Dazu können verkehrsfreie oder verkehrsberuhigte Innenstädte, verbesserter öffentlicher Nahverkehr und verbesserte Fahrbahngestaltung beitragen.

(10) IT-Sicherheit und sensible Daten im Internet der Dinge

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) erklärt im Bericht zur Lage der IT-Sicherheit in Deutschland 2017 [1]: „Die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung durch Entwicklungen wie  dem Internet der Dinge, Industrie 4.0 oder Smart Everything bieten Cyber-Angreifern fast täglich neue Angriffsflächen und weitreichende Möglichkeiten, Informationen auszuspähen, Geschäfts- und  Verwaltungsprozesse zu sabotieren oder sich anderweitig auf Kosten Dritter kriminell zu bereichern. (…) Die Cyber-Angriffe mit Erpressungs-Software (Ransomware) oder gezielte  Angriffe auf den "Faktor Mensch" (CEO-Fraud) haben deutlich gemacht,  welche Konsequenzen diese Entwicklungen haben und wie verwundbar eine  digitalisierte Gesellschaft ist.“ Weiter heißt es: „Von Januar bis Mai 2017 wurden rund 280.000 neue Schadprogrammvarianten pro Tag beobachtet“. Die Angriffe auf Krankenhäuser, die Deutsche Bahn und andere kritische Infrastrukturen durch die Ransomwares Petya und WannaCry sind alarmierend. Vor diesem Hintergrund ist es unverantwortlich, Kinder und ihre besonders sensiblen Positionsdaten mit dem Internet der Dinge zu vernetzten. 

Digitalcourage / schutzranzen.com, CC BY SA 2.0

Datum: 02.02.2018

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Veröffentlicht am 02.02.2018

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