Vernetztes Kinderspielzeug? Alles, nur nicht smart!

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Autorin: Jessica Wawrzyniak
Datum: 05.12.2019

Lauschendes Spielzeug

„Smarte“ Spielzeuge gibt es schon viele Jahre, und sie werden immer weiterentwickelt. Es handelt sich dabei um Spielzeuge, die mit Kameras, Mikrofonen oder Sensoren ausgestattet sind und sich über Bluetooth, WLAN oder andere Schnittstellen mit anderen Geräten und Servern vernetzen. Sprich: „Smart“ bedeutet hier immer: Überwachung.

Bereits 2015 haben wir über die sprechende Barbie-Puppe „Hello Barbie“ aufgeklärt  und Matell mit einem BigBrotherAward ausgezeichnet. Die „Hello Barbie“ konnte von Eltern genutzt werden, um Gespräche im Kinderzimmer abzuhören. Das ist entwürdigend und übergriffig. Auch Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre. Eltern sollten dieses Recht schützen, nicht brechen!

Im Jahr 2017 sorgte die sprechende Puppe „My friend Cayla“ für große Aufmerksamkeit in den Medien, da sie von der Bundesnetzagnetur als unzulässige Wanze/Sendeanlage eingestuft wurde. Jede und jeder im Empfangsbereich der Puppe konnte sich mit dieser verbinden und über sie funken. Ähnliche Produkte des Herstellers, z.B. der i-Que-Roboter, waren ebenfalls betroffen.

Andere „intelligente“ Spielzeuge, die nicht offiziell als Sendeanlage eingestuft worden sind, sind in Bezug auf die Spionage unserer Daten aber nicht harmloser. Je nach Spielzeug werden Tonaufnahmen, Fotos, Videoaufnahmen, Standortdaten, Nutzungsdaten und Geräteinformationen – auf den jeweiligen Servern der Unternehmen – gespeichert. Die entsprechenden Server befinden sich oft in anderen Ländern, z.B. den USA oder China, die nicht ausreichenden Datenschutzbestimmungen unterliegen.

„Wer Kindern Smart Toys schenkt, muss sich darüber im Klaren sein, dass sie mindestens Nutzungsdaten der Kinder weitergeben“

erklärt Jessica Wawrzyniak von Digitalcourage.

Was macht die Daten von Kindern so besonders?

Bislang waren eher Erwachsene von der Datensammelwut von Unternehmen und Großkonzernen betroffen. Das liegt vor allem daran, dass Kinder unter 7 Jahren nicht geschäftsfähig sind und Kinder bis 18 Jahre nur eingeschränkt geschäftsfähig. Bürokratische Prozesse, Verträge, Versicherungen, Käufe und Registrierungen laufen zum größten Teil über die Erziehungsberechtigten. Außerdem unterliegen Kinder besonderen Schutzmaßnahmen, z.B. durch die UN-Kinderrechtskonvention, das Bundeskinderschutzgesetz und die strengeren Regeln für die Daten Minderjähriger in der DSGVO. Kinder geben also weniger Daten als Erwachsene von sich preis, was Unternehmen dazu veranlasst, auf anderen Wegen nach diesen Daten zu fischen.

Durch „smarte“ Spielzeuge und Apps ist ein völlig neuer Markt entstanden. Auf diesem Markt werden zunächst Spielzeuge und im Anschluss die Daten der Kinder, die mit ihnen spielen, verkauft. Sie sind für Unternehmen besonders kostbar, da sie noch präzisiere Analysen des Konsum- und Nutzungsverhaltens ermöglichen – bereits während der frühkindlichen Entwicklung.

Medienpädagogin Jessica Wawrzyniak appelliert:

„Schützt nicht nur eure eigenen Daten, sondern auch die eurer Kinder, damit sie nicht schon im Kleinkindalter zu gläsernen Menschen werden! Je mehr Daten von Kindern analysiert werden, desto angreifbarer und manipulierbarer werden sie für die Zukunft.“

„Ein wesentlicher Punkt ist das verantwortungsvolle Verhalten der Erwachsenen, die Kinder als Bezugsperson im Umgang mit vernetztem Spielzeug begleiten sollten.“ (Klicksafe 2019)

Oder dieses Spielzeug gar nicht erst zu kaufen.

Exkurs: Kinderdaten im Schulkontext

Alle Kinder in Deutschland haben eins gemeinsam: Sie unterliegen der Schulpflicht. Deshalb versuchen Großkonzerne wie Google oder Microsoft auch im Bildungsbereich Fuß zu fassen und an Daten von Kindern zu kommen. Sie stellen Geräte und Software – verlockend kostengünstig – für Schulen zur Verfügung, entwickeln Lern-Apps und Plattformen, über die Lehrkräfte die Daten von Schülerinnen und Schülern verwalten können. Dadurch werden auch sehr sensible personenbezogene Daten von Schülerinnen und Schülern digital erfasst, z.B. Noten, Fehlzeiten, Medikationen, Entwicklungsstände und Informationen über besondere Förderbedarfe. Schulen müssen im Zuge der Digitalisierung somit ein besonderes Augenmerk auf Datenschutz legen. Auch europäische Konzerne wie zum Beispiel Bertelsmann, treiben die Digitalisierung des Bildungswesens nicht immer aus uneigennützigen Motiven voran.

Weitere Informationen:

 

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Wir möchten Ihnen anhand von ausgewählten Beispielen zeigen, in welche Richtung sich der Spielzeugmarkt entwickelt.

  • Sprechender Dinosaurier
  • Spielzeug-Roboter
  • Interaktives Bilderbuch
  • Kinder-Smartwatches
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„Intelligenter“ Dinosaurier („CogniToys Dino“)

Werbetext:

„Dinosaurs may have gone extinct millions of years ago, but they will always live on in the hearts of kids.This little Wi-Fi connected dino toy claims it is designed to listen to your kids questions, adapt to their age with its responses, and grow with your child over time“ (Mozilla-Foundation 2018).

Rührende Herleitung: Dinosaurier werden immer im Herzen von Kindern leben, begleiten unsere Kinder beim Aufwachsen und wachsen mit ihnen mit...

Was der Dinosaurier wirklich tut:
Daten sammeln. Vor allem Tonaufzeichnungen.

  • Der Dino baut eine Verbindung zu einem Server auf, wo die KI-Software „IBM Watson“ läuft, die Fragen beantworten kann. IBM hat bereits 2016 einen BigBrotherAward von uns für ihr Projekt "Social Dashboard" bekommen.
  • Die „Gespräche“ zwischen Dino und Kind werden aufgezeichnet. Ohne Verbindung mit WLAN funktionieren die Sprachfunktionen nicht. Der Dinosaurier sammelt außerdem Daten über das Spiel-/Nutzungsverhalten.
  • Die zugehörige App ermöglicht es Eltern, die Sprachaufzeichnungen des Dinos abzuhören, z.B. um die Bedürfnisse und das Sprachniveau des Kindes beurteilen zu können, ohne sich selbst mit dem Kind beschäftigen zu müssen.
  • Darüber, ob der Datenaustausch verschlüsselt ist, herrscht Uneinigkeit: „From the company: 'Dino uses encryption for all audio traffic and in fact, each one uses unique keys, which are also cycled per session per device.' But a 2017 security audit says it doesn't use encryption.“ (Mozilla-Foundation 2018).
  • Die App wird mit einem Passwort geschützt, doch die Passwortanforderungen sind gering.
  • Zudem werden Name und Geburtsdatum des Kindes erfasst.
  • Die App setzt Tracker ein und über­trägt die Spielzeug-ID. In der Android-Version werden die Smartphone-ID und der Namen des Mobil­funkanbieters an Dritte übermittelt. Bei der iOS-Variante werden detaillierte Infos über das Smartphone an Drittanbieter übermittelt.

An anderer Stelle wird das Spielzeug folgendermaßen beworben:

„It’s a bit like Amazon Echo, except that the content has been formulated especially for kids.“ (Simon Hill 2016)

Ein Sprachassistent extra für Kinder – da können wir ja gleich mit dem BigBrotherAward 2018 für Amazons Alexa weitermachen, einem Sprachassistenten, der permanent mithört. So etwas wollen wir nicht auch noch explizit für Kinder!

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Spielzeug-Roboter („Anki Cozmo“)

Werbetext:

„Cozmo ist gleich nach dem Auspacken dein cleverster (und kleinster) Begleiter. Wenn du ihn regelmäßig tunst, fütterst und dich mit ihm beschäftigst, kannst du seine Fähigkeiten weiterentwickeln. So wird er zu einem immer schlaueren Spielgefährten.“ (Anki Inc. 2019)


Was der Roboter wirklich tut:
Ja, er möchte gefüttert werden – mit Daten. Am besten schmecken ihm biometrische Daten und Standortdaten.

  • Der Roboter scannt die Gesichter der Kinder, um sie persönlich ansprechen zu können.
  • Diese Daten werden laut Anbieter nur lokal gespeichert, aber sobald sich das Spielzeug mit der zugehörigen App verbindet, findet ein reger Datenaustausch statt. Hier müsste genauer geprüft werden, welche Daten abfließen. Sobald die App ausgeschaltet wird, legt sich der Roboter „schlafen“ – ohne App kein Roboter.
  • Um das WLAN-Netz besser zu finden, greift die App zudem auf den Standort zu.

Das Unternehmen erklärt außerdem in seiner Datenschutzerklärung:


„Die Dienste erheben Spieldaten wie Spielstände, Erfolge und deine Nutzung von Spielfunktionen. Die Dienste verfolgen auch automatisch Informationen wie darin eintretende Ereignisse oder Fehler. Außerdem können wir Fabrikat und Modell deines Geräts, eine von Anki erstellte zufällige Geräte-ID für das Mobilgerät, auf dem deine Apps laufen, Roboter-/Fahrzeug-ID deines Anki-Geräts, Daten in Verbindung mit deiner Postleitzahl (die wir durch deine IP-Adresse erheben), die Version des Betriebssystems und sonstige gerätebezogene Informationen wie beispielsweise den Akkuladezustand erheben (zusammen „Analysedaten“). [...] Wir nutzen Analysedaten zur Bereitstellung und Verbesserung der Dienste und zur Optimierung deines Spielerlebnisses.“ (Anki Inc. 2019)

So oder so ähnlich lesen sich viele Datenschutzerklärungen zu Smart Toys.

Bücher, Gadgets, Infomaterial, Hoodies, …
Im Digitalcourage-Shop gibt es (fast) alles, was das Aktivist.innenherz begehrt.
Hier geht es zum Shop! 

Interaktives Buch („Tigerbooks SuperBuch: Pin Kaiser und Fip Husar“)

Werbetext:

„Für die Verwendung von SuperBuch lädt man sich einfach die kostenlose TigerBooks App herunter. [...] Einfach nur auf den betreffenden Titel klicken und los geht’s. Die Kamera des mobilen Endgeräts startet automatisch, erkennt die einzelnen Buchseiten und eröffnet den Lesern eine überaus ästhetische interaktive 3-D Erlebniswelt. Es ist wirklich kinderleicht.“ (myToys 2019)

In der Geschichte unternehmen Affe und Pinguin eine gemeinsame Reise. Das Buch kann auch ohne zugehörige App gelesen werden, doch durch Nutzung der App und Kamera werden die Bilder via Augmented Reality in 3D dargestellt und vorgelesen.

Was das Buch wirklich tut:
Daten sammeln. Vor allem Nutzungsdaten.

  • Die dazugehörige Android-App nimmt Kontakt zu Werbe- und Marktanalyseunternehmen auf, unter anderem zu Google Analyitcs und Amazon. Hier werden Nutzungsdaten weitergeleitet.
  • Außerdem werden Geräteinformationen und die MAC-Adresse übermittelt, sodass sich das Gerät genau identifizieren lässt.

Weiter wird geworben:

„Sorgfältig ausgewählte Vielfalt mit tollen Lese- und Lernspielen. Höchstmögliche Sicherheit und Kontrolle durch ein Parental Security System. Vollkommen kostenlose und damit risikolose Erweiterung für gedruckte Bilderbücher.“ (myToys 2019)

In der App können kostenlose Erweiterungen und weitere Buchtitel kostenpflichtig erworben werden. Die Kaufoption kann von Eltern mit einem PIN geschützt werden. Die PIN-Vergabe erfolgt jedoch durch die Registrierung über eine Mailadresse. Wer nicht bereit ist, seine E-Mail-Adresse anzugeben, kann das PIN-Verfahren somit nicht nutzen. In der App taucht die entsprechende Buch-Werbung an vielen verschiedenen Stellen auf, sodass Kinder während der Nutzung immer wieder Kaufimpulsen ausgesetzt werden. Von „Sicherheit“ kann hier also keine Rede sein.

Exkurs: E-Book-Reader

Dass Leserinnen und Leser überwacht werden, ist bei E-Book-Readern wie Amazons Kindle gängige Praxis. Dagegen hilft nur eins: die Geräte nicht ins Netz lassen. Statt neue Titel über WLAN einzuspielen, laden Sie sie am besten auf dem Laptop herunter und schieben sie dann über USB-Kabel auf den E-Reader, der sich wie ein Speichermedium verwenden lässt.

Kinder-Smartwatches (diverse Hersteller)

„Smartwatches“ für Kinder sind natürlich kein Spielzeug, sondern eher Wearables oder Gadgets. Die Hersteller spielen auf perfide Art und Weise mit den Ängsten von Eltern, während sie fleißig Nutzungsdaten von Kindern sammeln. Sie integrieren GPS-Tracker und verkaufen die Uhren als Schutzmaßnahme. Meistens finden sich Werbetexte wie „Der Schutzengel am Handgelenk“, „Keine Chance für Entführer“ oder „Vertrauen ist gut – Gewissheit ist besser.“.

  • Überwachung bringt keine Sicherheit! Abgesehen davon, dass bei vielen Produkten in Frage gestellt werden muss, ob die Überwachungstechnik zuverlässig das hält, was sie verspricht, kann die Überwachung von Kindern keine Angriffe, Unfälle oder sonstige gefährliche Situationen vermeiden! Ganz getreu dem Spruch „Mutig warf sich die kleine Kamera zwischen den Angreifer und das Opfer. – Niemand, jemals.“ (Digitalcourage). Keine Überwachungskamera greift ein, wenn es zu einer Straf- oder Gewalttat kommt – und genauso ist es auch bei Trackern.
  • Überwachung schürt Ängste! Wer die Möglichkeit hat, ständig zu kontrollieren, wo sich das Kind aufhält, gerät schnell in eine Kontrollsucht. Jede Abweichung der Norm, z.B. wenn das Kind einen anderen Nachhauseweg wählt oder sich schneller fortbewegt, führt zu Sorgen. Statt im Auto eines Entführers, sitzt das Kind vermutlich nur auf dem Gepäckträger eines Freundes.
  • Überwachung entmündigt Kinder! Dem Kind wird vermittelt „Ich vertraue dir nicht.“, oder „Du bist schwach und schutzbedürftig“. Außerdem passen Kinder ihr Verhalten an, wenn sie wissen, dass sie überwacht werden oder einen SOS-Knopf am Handgelenk tragen. Wie diese Verhaltensänderung aussehen kann, ist unterschiedlich. Die einen werden nachlässiger, weil sie sich in Sicherheit wägen. Die anderen werden ängstlich, weil ihnen eine unsichere Umwelt vermittelt wird, oder auch ängstlich in Bezug auf mögliche Sanktionen, wenn sie sich nicht korrekt verhalten. In jedem Fall macht es etwas – schlechtes – mit dem Charakter des Kindes.
  • Vertrauen ist die Lösung! Eltern sollten ein Vertrauensverhältnis zu ihren Kindern aufbauen, statt Überwachungsmaßnahmen einzuleiten. Vertrauen ist ein Gewinn für beide Seiten: Das Kind wird selbstbewusst und Eltern entspannter. Vertrauen ist gut. Punkt.
Grid imageSiez18 via Pixabay

P r o d u k t w a r n u n g

Hier finden Sie eine ausführliche Analyse und Produktwarnung zu der Kinder-Smartwatch „SMA Watch-M2“ eines chinesischen Herstellers.

Auf dem Server des Anbieters liegen folgende Daten von ca. 5000 Kindern unverschlüsselt:

  • Name, Adresse, Alter
  • Sprachnachrichten
  • Rufnummern
  • Echtzeit-GPS-Daten

Außerdem: Die zugehörige Eltern-App ist technisch gesehen ein offenes Tor. Wer sich Zugang verschaffen möchte, kann das ganz einfach tun. Dennoch wird die Uhr weiter verkauft. Durch die Nutzung dieser Smartwatch, bringen Sie ihr Kind somit in eine reele Gefahr! Lesen Sie selbst.

Fazit

Informieren Sie sich vor dem Kauf von Smart Toys darüber, welche Daten das Spielzeug generiert, wo diese gespeichert werden und wofür sie verwendet werden. Achten Sie die Rechte Ihrer Kinder. Entscheiden Sie sich immer für das Prinzip der Datensparsamkeit – besonders, wenn es um Ihre Kinder geht. Klären Sie Ihre Kinder außerdem darüber auf, wie wertvoll ihre persönlichen Daten sind.

Über uns

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Veröffentlicht am 06.12.2019

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