Ein Resümee

35 Jahre „Public Domain“

Streng genommen gab es die Public Domain schon bevor der Verein Digitalcourage (als FoeBuD e.V.) gegründet wurde. Ein Interview mit Rena Tangens und padeluun.

An einem Mittwoch im Februar 1987 fand die erste Public Domain überhaupt statt. Zunächst war es ein Treffen für alle, die sich irgendwie für Computer interessierten. Dann entwickelte sich die Reihe zu einem interessanten Kristallisationspunkt. Rena Tangens und padeluun luden ein zu interessanten Vorträgen, teils sehr exprimentellen Vorführungen und spannenden Dikussionen. Anders als zu erwarten stand nicht allein das Themen Technik im Vordergrund. Es war Teil des Spannungsfeldes aus Zukunft, Gesellschaft, Wissenschaft, Kunst und Kultur. Heute, fast 35 Jahre später, bin ich mit den beiden zum Interview verabredet und will erfahren, wie alles begann und wie es weitergehen wird.

„Public Domain“ heißt einerseits „öffentlicher Raum“ – das bedeutet: „jede und jeder kann kommen“ und andererseits heißt es „öffentliche Angelegenheit“ – mit anderen Worten: Da sollten wir uns drum kümmern.

Zitiert aus dem Jahrbuch 2021

Momentaufnahme der allersten Public Domain (1987)

Datum: 04.11.21
Das Interview führte: Melanie Lübbert

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Interview

Frage: Die erste Public Domain fand am 27. Februar 1987 statt. Wie kam es überhaupt zur Idee dieser Veranstaltungsreihe?

padeluun: Stell dir vor, du kaufst ein Gerät und du kannst es einschalten, es blinkt auch etwas, aber mehr weißt du nicht darüber. Dann brauchst du Leute, die dir helfen damit klarzukommen. Und das war tatsächlich einer der Ausgangspunkte, warum junge Menschen, die irgendwie plötzlich Computertechnik ganz spannend fanden, eigentlich miteinander reden mussten. Davor war das so: Die standen immer in den Kaufhäusern an den Computern (lacht) und haben Software getauscht. Wir haben sozusagen die jungen Leute aus den Kaufhäusern geholt. Auf dem Chaos Congress habe ich festgestellt, wie toll das ist, wenn man Leute zusammenbringt. Da habe ich mir gedacht: Sowas wollen wir hier in Bielefeld auch machen.

Rena: Und bevor es die Public Domain gab, gab es eine Kunstveranstaltungsreihe („Interregionale Mehrwertvorstellung“) in der Galerie. Eine der Veranstaltungen wurde vom Chaos Computer Club (CCC) bestritten. Wau Holland, einer der CCC-Gründer, war da und da kamen viele junge Menschen, die später dann auch im Bunker Ulmenwall auftauchten.

„Es kamen dann die ersten Leute, die irgendwie mit Computern zu tun hatten. Die Augen blitzen und man sah, da passiert gerade was. Das ist spannend. Das ist aufregend.“

Rena Tangens

Frage: Was ist an dem Tag alles passiert?

Rena: Tatsächlich standen bei unserer allerersten Veranstaltung schon 100 Leute vor der Bunker-Tür, bevor wir selber ankamen und aufschließen konnten, weil die Bielefelder.innen so pünktlich sind (lacht). Wir selber hatten noch keinen Computer, sondern hatten zwei Personen dazu animiert, etwas mitzubringen. Und alle wollten sehen, was da gemacht wird, wollten sich etwas zeigen lassen. Eine Attraktion war: „Your face on disk“ – einer hatte eine Videokamera angeschlossen, damit konnte man ein Portrait aufnehmen und sich das Bild anschließend auf Diskette speichern lassen.

padeluun: Sah auch spannend auf dem Monitor aus – wo man heute nur bei gähnen würde (beide lachen).

Rena: Und der andere war Reinhard Schrutzki aus Hamburg. Er hat dort seine Clinch-Mailbox aufgebaut und hat den Leuten gezeigt, dass man darüber auch kommunizieren kann, über ein Modem.

Frage: Wie sind Interessierte auf die Public Domain aufmerksam geworden?

Rena: Wir haben die Einladungskarten zum Teil verschickt, innerhalb der ganzen Republik. Leute sind dann tatsächlich aus München, Hamburg, Berlin und sogar Amsterdam angereist. Es stand damals auch in den Tageszeitungen. Es kann sein, dass wir bei Karstadt auch schon Kärtchen ausgelegt haben, weil wir wussten, wie die Szene so funktioniert. Auch wenn wir selbst noch gar keinen Computer hatten, …

padeluun: ... die richtigen Orte gekannt. Wir sind auch plakatieren gewesen. Wir hatten ein Fahrrad mit einem Anhänger, wo man nämlich super den Kleister und die Plakate reinstellen konnte. Und dann haben wir plakatiert. Und wir waren halt – fleißig (beide lachen). Wir wussten, wir müssen Leute finden. Wir hatten eine sehr klare Vorstellung davon, dass wir selber nicht programmieren lernen wollten. Wir wussten aber, dass es wichtig ist, den anderen, die das gerne machen und können, denen zu helfen. Wir fanden es immer wichtig, die Mitte der Gesellschaft zu erreichen und Menschen auch zu empowern und zu befreien.

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Frage: Wie habt ihr es geschafft, die Public Domains zu organisieren?

padeluun: Man muss das mal vor dem Hintergrund sehen: Wir waren bettelarm. Ich muss das einfach mal so klar sagen. Mit extrem wenig Kapazitäten haben wir versucht Leute einzubinden. Die Public Domain gab es zunächst erst mal so. Dann kam die Idee von jemandem bei einer der Veranstaltungen, doch einen Verein zu gründen, sodass man ein Konto eröffnen könne, um sich auch mal ein Gerät auszuleihen.

So erblickte der FoeBuD e.V. (Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs) am 23. Mai 1987 das Licht der Welt. Dann im Jahr 2012 wurde der Verein umbenannt in Digitalcourage e.V.

Rena: Man muss dazu wissen, wenn wir im Bunker Ulmenwall eine Veranstaltung hatten, dann waren da so viele Leute wie sonst nie. Wir brauchten halt auch Tische, aber Tische gab es im Bunker nicht. Dann mussten wir jedes Mal zum Freizeitzentrum Baumheide fahren, um dort Bierzelttische abzuholen. Anschließend sind wir noch zu einem Laden in Bielefeld, um Displays abzuholen, die wir auf den Tageslichtprojektor legen konnten, damit alle sehen können, was da gerade jemand macht. Das mussten wir natürlich bezahlen und dann sagte jemand: „Hey, lasst uns mal Eintrittsgeld nehmen, damit wir das finanzieren können“ (beide lachen). Wir selbst waren gar nicht auf die Idee gekommen. Wir waren einfach nur froh, dass uns der Bunker die Räumlichkeiten anbietet, und irgendwie bekommen wir das Geld schon zusammen. Aber dann haben wir gesagt: „Komm, die Leute, die Aufwand betreiben und ihren eigenen Rechner mitbringen, kommen gratis rein und für alle anderen kostet es 5 DM“. Oftmals hatten wir dann 50 Rechner und über 100 Leute dort – der Bunker war pickepackevoll.

Frage: Und jetzt wird's kniffelig – welche der zahlreichen Public Domains sind euch besonders in Erinnerung geblieben?

Rena: Viele auf ihre Art! Wir hatten schräge Vorträge wie „Wie kommunizieren Delfine?“ (PD37: „...und danke für den Fisch“). Ich kann das jetzt nicht mehr erklären, wie die das machen, aber es war witzig, weil Kai von Tettenborn sich intensiv damit beschäftigt hat und tolle Fotos gezeigt hat.

padeluun: Und vor allem war es ein Diavortrag, wie er getaucht ist und davon Delfinbilder gezeigt hat. Und – es war uuunglaublich voll.

Rena: Menschen lieben Tiere (alle lachen). Wir hatten außerdem eine Veranstaltung zu 9/11, rund um die verschiedenen Verschwörungsmythen (PD120: „WTC-Conspiracy“). Da war es so voll, dass wir den Vortrag bis in den Vorraum übertragen mussten. Irgendwann mussten wir den Bunker dann abschließen, weil einfach nicht mehr Leute rein durften.
Eine weitere Public Domain hat ein Archäologe gemacht (PD118: „Archäologie als Denksportaufgabe“). Der hat uns dann verschiedene Krüge und Keramiken gezeigt und gefragt: „Welche gefällt euch am besten? Wie war diese Zeit wohl?“ – es war einfach etwas Kriminalistisches, sich hineinzudenken, sich zu fragen, was da passiert ist. Michael Gebühr hat da einen Denkraum aufgemacht, ganz anderes über weit zurückliegende Zeiten nachzudenken. Am nächsten Tag sind wir mit ihm und allen, die noch Lust hatten, noch ins Freilichtmuseum nach Oerlinghausen gefahren.
Dann hatten wir noch einen Namensforscher, nämlich Konrad Kunze aus Freiburg im Breisgrau. Der hat einen unglaublich engagierten Vortrag gehalten (PD13: „Hinz und Kunz“). Aus Telefon-CDs hatte er sich die Nachnamen rausgesucht und Verteilungskarten angefertigt. Wo gibt's mehr Meier? Und wo gibt's mehr Schulze? – beide Namen bedeuten nämlich das gleiche: Das ist der Verwalter. Konrad Kunze hat dann quizmäßig gefragt: „Was kann man wohl aus diesem Namen herauslesen?“ oder „Woher kommt wohl dieser Name?“ – das war einfach super spannend. Unter anderem haben wir gelernt, wo die Redewendung „Hinz und Kunz“ herkommmt: Es sind Verballhornungen von Heinrich und Konrad, was damals offenbar die häufigsten Vornamen waren. Und so hieße er de facto „Konrad Konrad“ – weil seine Eltern zum Zeit der Kindtaufe sein Buch noch nicht gelesen hätten :)
Und wir hatten noch ein Live-Experiment, das war in sehr frühen Zeiten, mit einem C64 – ein Computer, der von Jugendlichen viel genutzt wurde. Da haben Bernd von den Brincken und Mike Weber mit Elektroden die Hirnströme aufgenommen (PD20: „Simstim für Einsteiger“). Mit einem selbstgeschriebenen Programm wurde dann Biofeedback gemessen und damit konnte man per Gedankenkraft und Konzentration den Cursor. Wenn man sich eingegroovt hatte, dann konnte man damit ein Malprogramm bedienen. Das war quasi 10 Jahre bevor es in der Wissenschaft angegangen wurde – do it yourself.

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Frage: So spannend wie das alles klingt, nun die abschließende Frage: Könnt ihr euch für die Zukunft weitere Public Domains vorstellen?

Rena: Ich denke, wir werden ein neues Konzept machen und uns überlegen, wie wir es aufziehen wollen, aber eine Veranstaltung in Bielefeld vor Ort wäre toll. Wir haben aktuell als Anlaufpunkt nur das Dienstagstreffen im Café Nio, aber das ist eine andere Geschichte. Da müssen die Leute entweder ein konkretes Anliegen haben, worüber sie mit uns sprechen wollen, oder uns gezielt kennenlernen wollen. Eine Veranstaltung zu einem bestimmten Thema bietet aber immer einen Anlass, um einfach so vorbei zu kommen, und alle anderen Sachen entwicklen sich dann im Nebenbei – oder eben nicht, aber die Veranstaltung kann einfach so für sich stehen.

padeluun: Und ganz wichtig ist natürlich: Wir befinden uns in einer anderen Zeit. Wir dürfen nicht die Sachen von damals promoten, wir müssen schon im Kopf mitgehen: Was ist heute angesagt? Historisch können wir daran anknüpfen, aber wir müssen das alles komplett hinterfragen und neu konzipieren.

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