Allein? Überhaupt nicht!

Vorratsdatenspeicherung, Abschaffung des Bargeldes, Fluggastdatenspeicherung, e-Health, NSA-Überwachung, Verschwörungstheorien … Manchmal kann der Blick in die Tagespolitik einem ganz schön die Hoffnung verderben. Da ist es schön, eine gute Nachricht im Gepäck zu haben: Das Interesse am Thema wächst spürbar. Immer mehr Menschen bemerken, dass sie von Datensammlereien massiv betroffen sind und den zunehmenden Überwachungswahn nicht mehr länger hinnehmen möchten.

An 23 Orten im deutschsprachigen Raum wurden am Dienstag, 9. Februar 2016 – zum Safer Internet Day – Lesungen gegen Überwachung veranstaltet. Das ist nicht nur eine herrlich-nerdige Zahl, das sind auch acht Lesungen mehr als beim letzten Safer Internet Day.

Überall das gleiche Bild

Alle Berichte, die uns bisher erreicht haben, kommen in ähnlichem Tenor daher: Es war eine (bisweilen kleine, aber feine) anregende Runde, es gab gute Stimmung, interessante Texte und intensive Unterhaltungen dazu. Viele Leute, die kamen, sind ganz neu in der Szene, entdecken das Thema durch die Lesung neu für sich.

Die Idee, sich zu treffen und gegenseitig vorzulesen, fand großen Anklang. Gerade in Zeiten, wo längere Texte von Kurznachrichtendiensten verdrängt werden und Kommunikation zunehmend nonverbal stattfindet, tut es richtig gut, sich in einer netten Runde gegenseitig Texte vorzulesen.

Wann gibt es so etwas wieder?

Mehrfach wurde die Frage gestellt, wann denn die nächste Lesung gegen Überwachung stattfände. Die gute Nachricht ist: Das bestimmen Sie selbst. Denn das Konzept ist nicht darauf angewiesen, dass gleichzeitig an mehreren Orten gelesen wird. Wann immer es gut passt, kann jede.r eine Lesung (in beliebiger Größe) organisieren, darüber berichten und unter dem Hashtag #LesenGegenUeberwachung twittern. Selbstverständlich wird es auch weiterhin bundesweite Lese-Tage geben. Das sollte aber niemanden davon abhalten, auch in der Zwischenzeit eine Lesung zu organisieren.

Wenn Sie Ihre Lesung bei uns anmelden, können wir in Ihrer Umgebung Werbung für die Veranstaltung machen und die Lokalpresse informieren.

Wir setzen uns für Ihre Privatsphäre und Grundrechte ein. Werden Sie Fördermitglied bei Digitalcourage.

Einzelheiten aus den Städten

Berlin

In Kreuzberg trafen sich zwölf Leute, viele davon neu im Thema, aber auch alte Häsinnen und Hasen und eine Jugendliche waren dabei. Besonders erfreulich und sehr selten für eine „Nerd-Thema“-Veranstaltung: Es waren mehr Frauen als Männer da. Für uns ein Zeichen, dass der Datenschutz seinen Randgruppenstatus als vermeintliches Männer-Nerd-Thema endlich überwindet. Vielleicht auch durch das Konzept, sich gegenseitig Texte vorzulesen. Die Lesung fand halböffentlich statt – alle, die wollten, durften lesen. Andere Gäste der Sarottihöfe kamen auf dem Weg zur Toilette vorbei, eine Frau blieb auf dem Rückweg hängen, verweilte fast eine Stunde und stellte viele Fragen, die aus der Runde sachkundig beantwortet wurden. Nach fast drei Stunden trennten wir uns äußerst zufrieden.

Auch in Reinickendorf fand eine Lesung statt, von der wir aber bisher keinen Bericht erhalten haben.

Bielefeld

Lesen bringt zusammen: Menschen, Geschichten und Erkenntnisse. Im Literaturcafé der Stadtbibliothek Bielefeld versammelten sich 25 Menschen zum Lesen gegen Überwachung, darunter die Digitalcourage-Gründungsmitglieder Rena Tangens und padeluun. Gemeinsam eröffneten die beiden die Lesung mit dem kürzesten Text des Abends: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Gelesen wurde unter anderem aus Christian Bommarius’ Biographie des Grundgesetzes, aber auch aus belletristischen Texten wie Dave Eggers’ „Der Circle“. Auch eine Negativ-Laudatio auf Google wurde vorgetragen, die ursprünglich im Rahmen der Big Brother Awards 2013 gehalten wurde. Sie erinnert daran, dass globale Geschäftskonzepte von datenschnüffelnden Unternehmen ein ebenso großes Problem für die Zivilgesellschaft sind wie die kleinen Apps, an denen wir unverhältnismäßige Eingriffe in die Privatsphäre alltäglich erleben. Besonders schön war der spontane Textvortrag eines Bielefelders, der sich in seinem Blog unter anderem mit dem Thema „Grundrechte“ auseinandersetzt.

Breuberg im Odenwald

Kurzfristig noch organisiert wurde eine Lesung im ländlichen Odenwald. Es trafen sich fünf Leute im privaten Wohnzimmer eines Kreistagsabgeordneten der Linken. Sie lasen Texte aus unserem Reader und Geschichten von Herrn Keuner (Wikipedia) vor. Außerdem kam unser „Schwarzbuch Datenschutz“ zum Einsatz. Beim nächsten Mal soll es mehr Vorlauf geben. Die Idee, eine Lesung im kleinen Kreis zu machen, kam jedoch gut an. Auch unsere lokale Pressearbeit zahlte sich aus. Die Lesung wurde im Odenwälder Echo angekündigt.

Bochum

Mit Thomas Nückel MdL (FDP) sowie Simon Hartmann (LHG NRW) las in Bochum politische Prominenz. Auch von hier gab es die Rückmeldung, dass durch die Lesung Leute auf das Thema aufmerksam wurden, die sich damit bisher noch nicht so viel beschäftigt hatten. Teresa Widlok koordinierte die Lesung von Zeitungsartikeln unterschiedlichen Datums, die nachdenklich stimmten und rege Diskussionen auslösten.

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Braunschweig

Während in Breuberg und Bochum Linke und Liberale eine Lesung organisierten, waren in Braunschweig die Sozialdemokraten bzw. deren Jugendorganisation „Jusos“, aber auch die Buchhandlung „Bücherwurm“ die Gastgeber. Insgesamt elf Leute lasen und diskutierten über zwei Stunden lang bei Wasser und Keksen „Roboter-Utopie“, „The Circle“ sowie „Angriff auf die Freiheit“ von Ilija Trojanow und Juli Zeh. Die Diskussion erstreckte sich über viele Themenfelder wie die Abschaffung von Bargeld, implantierte Chips, Fitnesstracker und vergünstigte Krankenkassenbeiträge, Vorratsdatenspeicherung, die nur noch vor dem Smartphone sitzende Gesellschaft, kommunale statt globale Lösungen und deren Umsetzbarkeit – um nur einige der Themen zu nennen. Auch in Braunschweig wurde die Lesung als voller Erfolg wahrgenommen. Das Thema erhielt Aufmerksamkeit in neuen Kreisen, Kontaktadressen wurden getauscht und erste Ideen kamen auf, die noch reifen wollen, aber durchaus Potential haben.

Bremen

Zahlenmäßig klare Siegerin ist Bremen. Hier haben auf zwei Veranstaltungen insgesamt ca. 50 Menschen gegen Überwachung gelesen. In der Buchhandlung Geist hörten 25 Menschen zu, wie Christian Bergmann, Schauspieler der shakespeare company, aus dem Buch „Angriff auf die Freiheit“ von Zeh/Trojanow und einen kurzen Passus auch aus dem „Circle“ vorlas. Auf dem kleinen Podium saßen zwei Leute vom CCC und ein IT-Sicherheitsexperte. Anschließend gab es eine über einstündige Diskussion. Ein Teilnehmer berichtete von seiner Verweigerung, die elektronische Gesundheitskarte einzusetzen, und was das jetzt für einen Aufwand bei jedem einzelnen Arztbesuch für ihn bedeutet. Fazit war: Ein gelungener Abend und die Erkenntnis, dass wir mehr informieren könnten und alle sich mehr dagegen wehren sollten, ihre Daten preiszugeben.

Organisiert vom FIfF waren ebenfalls gut 25 Menschen in der Universität Bremen, die drei Vorträgen lauschten und sich rege an der Diskussion beteiligten. Im ersten Vortrag ging es um technische Verschlüsselungsmethoden mit Jabber/XMPP und Verschlüsselung für Meta- und Nutzdaten mit OTR (off-the-record). Der zweite Vortrag umriss die Möglichkeiten, mit „Tor“ Kommunikation zu anonymisieren und die Kommunikationswege dabei zu verschleiern. In beiden Vorträgen wurden die technischen Verfahren erörtert zum Erreichen dieser Zwecke und zur Beantwortung der Frage, ob der Austausch auch tatsächlich mit dem gewünschten Gesprächspartner stattfindet. Der dritte Vortrag behandelte unter dem Stichwort „CyberPeace“ Forderungen für ein sicheres Internet aus politischer Sicht. Hier wurden auch die 14 Forderungen des FIfF an ein demokratisches und ziviles Internet verdeutlicht.

Kiel

In der Stadtteilkneipe „Unrat“ hatten sich um 20.15 Uhr vier Vorlesende sowie zehn Zuhörende eingefunden. Über den Abend erhöhte sich die Zuhörendenzahl auf ca. 25. Die anfängliche Zurückhaltung des Publikums wich schnell einer ausgeprägten Diskussionsbereitschaft, so dass die Veranstaltung (bzw. deren „offizieller Teil“) dann doch über zweieinhalb Stunden dauerte.

Leipzig

Auch hier gab es zwei Lesungen. Das Bündnis für Privatsphäre Leipzig vermeldete in der Kulturwerkstatt KAOS zwölf Personen, davon sechs Neuzugänge. Die Lesung war gut, es folgte eine schöne Diskussion, zu der alle Anwesenden geblieben sind. Das Format fand Anklang und die Leipziger Gruppe liebäugelt damit, weitere Lesungen gegen Überwachung zu „bespielen“.

Im Haus Steinstraße e.V. organisierte die leipziger Ortsgruppe des AKV eine überparteilichen Lesung mit 13 Menschen und las Texte von Gleen Greenwald, Anonymous, aber auch historische Texte mit Themenbezug Überwachung. Es gab viele Fragen, erfreulicherweise auch von Jugendlichen im Publikum. Auch hier wurden in den Diskussionen unzählige Themen angeschnitten von Mailverschlüsselung bis zu Gesundheitskarte.

Mainz

Klein, aber oho war die Lesung in Mainz in der Fußgängerzone: Zu dritt standen die Lesenden tapfer im Regenschutz und konnten trotz strömenden Regens den einen oder die andere Passant.in erreichen.

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München

Zwölf Menschen (hauptsächlich FIfF-Mitglieder) haben sich in München getroffen. Viele hatten selbst Bücher mitgebracht. Gemeinsam wurde über die Bücher und die Ausschnitte gesprochen, die sie gerne lesen (lassen) wollten. Auch hier war die Frage zentral, wie man die Menschen ansprechen kann, die sich bisher noch nicht so viel mit dem Thema beschäftigt haben. Und wie man nach der geplanten Lesung mögliche Auswege und Handlungsoptionen anbieten kann, um den Menschen auch eine „gute Nachricht“ mitgeben zu können. „Ihr müsst euch das nicht gefallen lassen, es gibt auch Wege, sich etwas weniger transparent im Internet zu bewegen.“ Cryptoparties und Digitale Selbstverteidigung sind da gute Stichworte. Und so wurde auch gleich entschieden, bald wieder eine Lesung abzuhalten. Sie soll spätestens im Mai stattfinden und ein konkretes Motto haben, zu dem die Texte passen.

Wesel

Wesel meldete eine Runde von sechs Menschen, die sich zum Lesen getroffen haben.

Vieles losgetreten

In vielen anderen Städten gab es auch Lesungen, von denen uns noch keine Berichte erreicht haben. Wir waren jedoch überrascht, wie viele Berichte sehr schnell nach der Lesung bei uns ankamen. Auch das werten wir als Zeichen des Erfolgs. Außerdem haben uns schon mehrere E-Mails erreicht, die deutlich machen, dass wir über die Lesungen neue Leute erreicht und viele neue Gedanken angestoßen haben. Auch in der Lokalpresse (z.B. im Odenwälder Echo) waren Lesungen angekündigt worden. So rückte die Veranstaltung das Thema Überwachung an vielen kleinen Stellen ins Blickfeld vieler Menschen.

Dieses Konzept wird uns im Jahr 2016 begleiten. Deshalb freuen wir uns über jede Lesung, die veranstaltet wird, und sind dankbar für Berichte. Sei es an einem gemeinsamen Aktionstag oder einfach mal irgendwann zwischendrin.

Update 16.02. 13:20 Uhr: Bericht und Foto von Leipzig Haus Steinstraße e.V. hinzugefügt, Bild von Berlin Kreuzberg hinzugefügt.

Bild: Friedemann Ebelt, CC BY SA 4.0

Veröffentlicht am 11.02.2016

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