Lesen Sie alle Artikel unserer Reihe über das Internet der Dinge!

Das Smartphone klingelt. Es hat ein nahendes Nierenversagen erkannt. Über eine Echtzeit-Übertragung bekommt ein Facharzt die Informationen und überprüft sie. Die Smart Health-Anwendung der Krankenkasse schlägt einen OP-Termin gleich nächste Woche vor. Die Krankheit wird schnell erkannt und eine frühe Behandlung ist möglich. Doch wer hört bei der Datenübertragung mit und wer wertet die Daten aus? Ist der Tausch von Privatsphäre gegen Gesundheit ein fairer Handel?

Inhalt

1. Was ist „Smart Health“?
2. Wo stehen wir aktuell?
3. Welche Daten werden gesammelt?
4. Wo liegen die Gefahren?
5. Fazit
Weiterführende Links

1. Was ist „Smart Health“?

Wir setzen uns für Ihre Privatsphäre und Grundrechte ein. Werden Sie Fördermitglied bei Digitalcourage.
„Smart Health“ beschreibt die Digitalisierung des Gesundheitswesens; sowohl Vorsorge, Pflege als auch Betreuung werden durch automatisierte Prozesse erweitert und ersetzt. Es geht um die Entwicklung neuer IT-Methoden, wie zum Beispiel die Nutzung von elektronischen Patientenakten, die Möglichkeit zu Ferndiagnosen via Telemedizin oder den Einsatz von Maschinen, etwa in Form von Assistenzsystemen für ältere Menschen. Die Entwicklung vollzieht sich zunehmend von der traditionellen „Boxenstopp-Medizin“ hin zu einem kontinuierlichen Austausch von Gesundheitsdaten und Diagnosen – so soll beispielsweise zukünftig der Arztbesuch, etwa zur Besprechung eines Laborberichtes, völlig entfallen, um Ressourcen einsparen zu können.

2. Wo stehen wir aktuell?

Fitness-Apps kommen zunehmend zum Einsatz, um zur regelmäßigen sportlichen Tätigkeit zu motivieren und den gesundheitlichen Fortschritt aufzuzeichnen. Über 100.000 Fitness-Apps und sogenannte „Wearables“ wie Armbänder, Uhren oder aber auch Sportgeräte bieten derzeit einen Zugang zu Datenbankservern, die wiederum Rückmeldungen über den gesundheitlichen Zustand ermöglichen. Das eigene Smartphone wird schnell zu einem persönlichen, jederzeit verfügbaren Fitness- und Gesundheitscoach. Der Nachwuchs lässt sich ganz sorgenlos durch einen angebrachten Sensor via Smartphone überwachen, sodass Zeit für anscheinend wichtigere Dinge, wie Übungen auf der smarten Yogamatte, bleibt.

Darüber hinaus werden immer häufiger sogenannte „altersgerechte Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben“ beworben. Dieser Begriff umfasst Technologien, die sich auf das Leben und die Bedürfnisse der Menschen anpassen sollen und nicht umgekehrt. So richten sich, im Sinne des Smart Home-Prinzips, Beleuchtungs-, Raumtemperatur- oder Musiksteuerungen nach den jeweiligen, von einem Programmcode bestimmten, Ansprüchen der Menschen.

Digitalcourage-Newsletter abonnieren und ständig auf dem Laufenden bleiben.
Aber auch das öffentliche Gesundheitssystem greift zunehmend auf Smart Health-Möglichkeiten zurück. Ob digitaler Abgleich von Messwerten oder sogenannte Telediagnosen – die Krankendaten werden immer dichter vernetzt; Befürworter legen dies als eine Chance aus, um schneller Fachleute erreichen zu können, damit erkrankte Menschen möglichst selten das häusliche Umfeld verlassen müssen. Beispielsweise kommunizieren Patientinnen und Ärzte mittlerweile über eine Plattform namens SMAP, um so einen direkten Kontakt zwischen Patienten, Hausärztinnen und Fachärzten zu ermöglichen, sodass weite Anreisewege und doppelte Untersuchungen vermieden werden können.

In Deutschland wurde ein großer Schritt mit der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte in diese Richtung gemacht. Am 1. Januar 2014 löste die eGk offiziell die alte Krankenkassenkarte ab, wobei die Versicherungspflichtigen freiwillig über die zentrale Speicherung von Patientenakten in der sogenannten „elektronischen Patientenakte“ entscheiden konnten. Mit dieser sind einige Risiken verbunden.

In anderen Industrienationen werden bereits zunehmend Roboter innerhalb von Pflegeberufen eingesetzt, sowohl unterstützend in der Pflege (das Umbetten von Patient.innen), als auch ersetzend als Unterhaltungsquelle und Anti-Depressionsschutz; beispielsweise stellte der Konzern Toyota 2007 den Roboter Robina vor, der künftig in der Krankenpflege assistieren und Patient.innen betreuen soll.

Health 2.0Auch das Gesundheitswesen hat die Möglichkeiten der Vernetzung für sich entdeckt.

3. Welche Daten werden gesammelt?

Im Rahmen von Smart Health werden Daten über den gesundheitlichen Zustand erhoben, also das elektronische Sammeln, Auswerten und Vernetzen von medizinischen Daten, wie Röntgenbildern, Medikamentenlisten, psychologischen Gutachten, Behandlungsnotizen und so weiter. Diese Daten können dann entweder direkt genutzt werden, um beispielsweise eine Diagnose treffen zu können. Darüber hinaus können diese Daten aber auch langfristig gesammelt und aufbewahrt werden, etwa in Form einer Gesundheitskarte oder mithilfe einer Datenbank.

4. Wo liegen die Gefahren?

Big Data ist kritisch zu betrachten. Zwar versprechen die meisten Anbieter in Form von wohlklingenden Datenschutzerklärungen, dass man auf Datenschutz achte, dennoch stellt sich die Frage, was langfristig mit den gesammelten Gesundheits-Biographien geschehen wird. Ebenfalls erscheint fraglich, wie sich derzeitige Sparmaßnahmen und die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens auf die Datenmassen auswirken werden.

Es muss uns klar sein, dass Big Data, wie jedes andere Werkzeug, für gute und schlechte Zwecke eingesetzt werden kann. (Spektrum Digital-Manifest S. 34)

Die Beziehung zwischen Patient und Ärztin könnte sich durch Smart Health gravierend verändern. Der persönliche Kontakt während einer Behandlung lässt sich nicht mit Robotern und Datenbanken ersetzen, weil Gesundheit mehr ist als nur Messergebnisse und Behandlungsvorschläge.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob nicht überall dort, wo Personen eindeutige Identifikations-Nummern zugewiesen werden, die Gefahr einer systematischen Diskriminierung Einzug hält. Hacker.innen, Versicherungen, Arbeitgeber.innen und Geheimdienste besitzen ein hohes Interesse, Zugriff auf diese Daten zu erlangen. Die ärztliche Verschwiegenheitspflicht würde so langfristig faktisch ausgehöhlt werden.

Digitalcourage wirkt. Wirken Sie mit!
Fraglich erscheint ebenfalls, welcher körperliche Zustand eigentlich als gesund gilt und ab wann die Erkrankung beginnt. Ist es eine Ausprägung von Autonomie, darüber entscheiden zu können, ein Wearable zu benutzen, um die Kontrolle über den eigenen Körper zu erlangen, oder besteht nicht sogar eine Form von Fremdbestimmtheit? Beispielsweise zeigten verschiedene Versicherungskonzerne Interesse daran, Boni und günstigere Versicherungsprämien an das kontinuierliche Sammeln und Kontrollieren von Daten zu koppeln. Da Krankenkassen bislang vorrangig auf dem Solidaritätsprinzip beruhten, könnte dieses mit der Koppelung von Leistungen an Tracking unterlaufen und schließlich ganz abgeschafft werden. Im Ergebnis könnte daraus also eine fundamentale Entsolidarisierung resultieren.

5. Fazit

Das Konzept von Smart Health ermöglicht es, die Lebensqualität von Menschen mit Behinderung oder anderen Einschränkungen zu verbessern, beispielsweise durch die oben beschriebenen Assistenzsysteme oder Anwendungen wie „Be My Eyes“, die Nutzer.innen via VoIP mit Menschen mit Sehbehinderung überall auf der Welt verbindet, um diese im Alltag unterstützen zu können.
Allerdings verführt das Konzept auch dazu, sich nicht mehr der Preisgabe der intimsten aller Daten bewusst zu sein. So entsteht die Gefahr, Krankenkassen, Arbeitgeber.innen, Versicherungen oder dem Staat ausgeliefert zu sein, die Verkabelung komplettiert in diesem Sinne die Metapher des gläsernen Bürgers.
Technische Entwicklung muss gerade im Gesundheitssektor streng an unserem Wertesystem ausgerichtet sein, zu dem natürlich auch die Entscheidung zählt, selbst darüber entscheiden zu können, ob man krank ist.

Weiterführende Links

  • Ein „Zeitfragen“-Beitrag von Deutschlandfunk zeigt neuartige Einsatzmöglichkeiten von Telemedizin auf.

  • Der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Sell zeigt in einem aktuellen Blogbeitrag weitere Gefahren auf, die durch die Nutzbarmachung von Krankendaten durch Versicherungen entstehen können.

Bilder
brain picture: Allan Ajifo auf flickr CC BY 2.0 (nicht mehr verfügbar; zuletzt abgerufen am 29.01.2016)
Drugs make me happy: Steve Snodgrass auf flickr CC BY 2.0
DC Health Week Code-a-Thon 13121: Ted Eytan auf flickr CC BY 2.0

Text
Maximilian von Heyden

Veröffentlicht am 22.03.2016

Marktstraße 18
33602 Bielefeld

Spendenkonto
IBAN: DE66 4805 0161 0002 1297 99
BIC: SPBIDE3BXXX
Sparkasse Bielefeld