Wer heute seine Privatsphäre schützen und verschlüsselt Mailen will, muss viel von der Technik verstehen. Aber Privatsphäre darf kein Vorrecht für Technik-Affine sein. Ein demokratisches Netz braucht massentaugliche Krypto-Software.

Hin und wieder gelingt es, unsere Volksvertreterinnen mit Fragen nach Datenschutz in die Ecke zu drängen: Was ist denn nun mit privater Kommunikation? Gelten die guten Gründe für das Postgeheimnis nicht auch für digitale Kommunikation? Dann zitieren sie gerne den „mündigen Bürger“ herbei, der sich gefälligst selbst um seine Privatsphäre kümmern und verschlüsselt kommunizieren soll.

Den Wunsch nach mündigen Bürgerinnen und Bürgern teilen wir bei Digitalcourage. Das rechtfertigt jedoch keinenfalls, Bürgerinnen und Bürgern den Schwarzen Peter zuzuschieben. Der sollte eigentlich bei denjenigen liegen, die tatsächlich den Einfluss hätten, etwas zu verändern.

Verschlüsselungstechnologie ist leider so kompliziert, dass Mündigkeit alleine nicht ausreicht, um sie zu bedienen. Und noch so viele Tipps können nicht helfen, wenn sie zu aufwändig sind und bei Weitem nicht reichen, um die Privatsphäre zu schützen. Wer eine Vollzeitstelle hat und nebenher noch einen Haushalt führt und möglicherweise eine Familie versorgt, hat schlicht nicht die Zeit, sich mal eben ein ganzes Wochenende damit zu beschäftigen, wie man E-Mails verschlüsselt, über TOR surft oder das Smartphone so einrichtet, dass es nicht die ganze Zeit „nach Hause telefoniert“.

Verschlüsselung ist selten benutzerfreundlich gestaltet. Man spürt, dass die sogenannte „usability“ bei bisherigen Verschlüsselungs-Programmen kaum Priorität genossen hat. Hier hätte schon vor Jahren investiert werden müssen. Geschehen ist kaum etwas. Edward Snowden ist derselben Meinung: "Wenn man über drei Menü-Ebenen gehen muss, werden die Menschen das nicht benutzen."

Es ist sehr bezeichnend, dass ein Innovationspreis hierfür keine geeigneten Preisträger findet, und ersatzweise Aktivistinnen und Aktivisten, nämlich uns, auszeichnet, die Verschlüsselungssoftware auf einen USB-Stick gezogen haben, damit sie massentauglich wird.

Wie man es auch dreht und wendet: Der Schwarze Peter gehört der Politik und der Verwaltung, die längst mehr in Kryptotechnologie hätten investieren müssen. Und bei Investoren, die den Kryptomarkt verschlafen haben.

Wir fordern daher von Politik und Wirtschaft:

  • Förderung massentauglicher Ende-zu-Ende-Verschlüsselung1. Besonderes Augenmerk muss dabei auf Benutzerfreundlichkeit liegen, denn nur wenn alle sie einsetzen können, ist sie etwas wert. Mobile Endgeräte müssen mit einbezogen werden.
  • Keine Ausgaben mehr für Plazebo-Projekte wie De-Mail vergeuden, die lückenhaft sind und keine Vertraulichkeit geben.
  • Vorgaben für Behörden, Ende-zu-Ende-verschlüsselte Kommunikation für die Bürgerinnen und Bürger anzubieten. Denn momentan können diese nicht einmal mit ihrem Rathaus vertraulich mailen.
  • Investition in Freie Software, die Verschlüsselungstechnik beinhaltet. Nur wenn der Programmcode öffentlich verfügbar steht, haben die Bürgerinnen und Bürger überhaupt eine Chance, ihn zu prüfen und „mündig“ zu sein.
  • Die Interessenverbände der Wirtschaft fordern wir auf, gleiche Schwerpunkte zu setzen. Denn viele ihrer Mitglieder sind selbst betroffen von Wirtschaftsspionage und brauchen einfach zu nutzende Verschlüsselungstechnik ebenso wie die Bürgerinnen und Bürger.

(Bild: Bob Lord cc- by - sa)


  1. Unter Ende-zu-Ende-Verschlüsselung versteht man, wenn die Daten direkt beim Absender verschlüsselt und erst wieder direkt beim Empfänger entschlüsselt werden. Im Unterschied dazu wird bei „SSL“ und „TLS“ immer die Übertragung auf einem Teil der Strecke verschlüsselt. Auf dem Mail-Server liegt die Nachricht unverschlüsselt. Auch De-Mail verschlüsselt nicht Ende-zu-Ende, sondern nur Mail-Server zu Mail-Server. ↩︎

Veröffentlicht am 01.04.2014

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