Da haben wir nicht schlecht gestaunt, als wir die versprochenen Preise sahen: In Berlin hat die Polizei mit billigsten Mitteln versucht, Testpersonen für den neuen Modellbahnhof für Videoüberwachung, den Regional- und Fernbahnhof Berlin-Südkreuz zu finden. Geboten sind 25 € und die Chance, ein Überwachungs-Gadget zu gewinnen. Und was muss man dafür alles tun? Für ein Jahr die Hosen runter! Alles mal ganz ordentlich durchanalysieren. Also Foto machen, Erklärungen unterschreiben, versprechen, immer einen kreditkartengroßen Transponder mit sich zu tragen, damit von einem zielsicheren Vergleichssystem Daten zum Abgleich erfasst werden können. Außerdem muss man sich einer „fahndungsmäßigen Überprüfung“ unterziehen lassen.

Das können wir auch. Nein, das können wir sogar besser! Bei uns kann man sogar anonym mitmachen. Und mickrig sind unsere Preise auch nicht.

Digitalcourage verlost:
1× einen 25-€-Gutschein vom Digitalcourage Shop für Unterstützungsbedarf
2× ein „Keine Bilder“-T-Shirt
3× eine Dose Sprühkreide (immer nützlich in der Nähe von Videokameras)
10× 10 Aufkleber „Aus hygienischen Gründen wird diese Toilette videoüberwacht“

Wer mitmacht, kriegt 5 Aufkleber im BVG-Style zu Videoüberwachung. (Allerdings nur, wenn wir eine Postadresse haben.)

Und so geht’s:
1) Kopfbedeckung oder andere Tarnvorrichtung zum Schutz von Videokameras basteln.
2) Damit getarnt vor einem Bahnhof deiner Wahl (am liebsten Berlin-Südkreuz) ein Selfie machen.
3) Das Selfie auf Social Media etc. teilen mit dem Hashtag #SelfieStattAnalyse
4) Link oder Screenshot an mail@digitalcourage schicken. Wichtig: Füge entweder deine Postadresse (oder die Adresse des nächstgelegenen Hackspaces) an, oder verwende in deiner Mail eine Absenderadresse, auf der wir dich nach deiner Postadresse fragen können, falls du gewinnst. (Die 5 Aufkleber kriegen nur die, die von vornherein ihre Postadresse mitgeschickt haben.)

(… Dann musst du dich nur noch durch ein 4-seitiges Formular klicken, wirst gezwungen, unseren Newsletter zu abonnieren, darfst 4mal ein Häkchen wegklicken, das sich immer wieder neu setzt, musst zustimmen, dass wir deine Daten an die NSA weitergeben und 3 Popups wegklicken und schon bist du fertig. – Kleiner Scherz. Unseren Newsletter musst du schon aus freien Stücken abonnieren, wenn du ihn haben willst.)

Wer uns auch auf Nachfrage keine Adresse schicken möchte, kann leider nicht an der Verlosung der Hauptpreise mitmachen. Wie sollten wir sie euch auch schicken. Aber die Videoaufkleber könnt ihr euch auch bei eurer nächstgelegenen Ortsgruppe abholen. Falls ihr uns die Adresse von eurem Hackspace schickt, schicken wir auch dort gerne ein paar Aufkleber hin.

Am Freitag, 23.06.1017, 15 Uhr werben wir für unsere Aktion in direkter Nachbarschaft des Polizeistandes. Bahnhof Südkreuz, Westhalle.

Stoppt die Videoanalyse

In letzter Zeit häufen sich die Versuche, den öffentlichen Raum durch Videoüberwachung zu kontrollieren. Dabei handelt es sich jedoch nicht, wie viele verharmlosend annehmen, um die bloße Aufzeichnung eines Bildes mit einer Kamera. Dahinter stecken komplexe Algorithmen, die einerseits eine Vielzahl an miteinander vernetzten Kameras erfassen und andererseits die Bewegungen und Emotionen der gefilmten Personen deuten und analysieren. Während die ersten Supermärkte beginnen, mit Hilfe von Videokameras zu bestimmen, welche Werbung sie für welchen Kunden abspielen, wurde der privaten Videoüberwachung im „Videoüberwachungsverbesserungsgesetz” Tür und Tor geöffnet. Mit Modellprojekten wie Berlin-Südkreuz versucht die Politik sich handlungsfähig zu geben. Polizisten werden als Hilfs-Campaigner eingesetzt (und wer passt dann auf?), um zunächst freiwillige Überwachungsopfer zu finden, damit man bald alle auch unfreiwillig abfilmen und ausforschen kann. Die CDU Berlin hofft sogar, mit einem Volksentscheid für mehr Videoüberwachung punkten zu können. Dabei ist die Wirkungslosigkeit von Videoüberwachung diverse Male in unabhängigen Studien belegt worden. Das Festival Hurricane/Southpark zeigt uns derweil, wie Sicherheitspolitik anders gehen kann: Mit grünen Armbändchen markieren sie Ansprechpersonen auf dem Gelände. Ein Code-Wort erleichtert es, schnell Gehör zu kriegen. Aber auf solche Ideen kommt man wohl nur dann, wenn man wirklich die Sicherheit erhöhen möchte und nicht nur auf Symbolpolitik aus ist.

Die derzeitige Überwachungs-Symbolpolitik ist doppelt gefährlich: Wie jede Symbolpolitik findet sie keine wirklichen Antworten auf das Problem. Viel schlimmer noch: Sie vernichtet das, was uns am meisten Sicherheit garantiert: Unsere Grund- und und Freiheitsrechte.

Wir fordern den Stopp aller Videoanalyse! Am Südkreuz und überall.

Text: Leena Simon
Bild: Digitalcourage CC BY SA 4.0


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Veröffentlicht am 22.06.2017

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