Es muss nicht alles digital sein

Der Digitalzwangmelder

Davey Heuser, CC-BY 4.0

Mitmachen: Gegen Digitalzwang

„Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert”, sagte die damalige Chefin von Hewlett Packard, Carly Fiorina. Diese Prognose oder Verheißung oder Drohung ist inzwischen mehr als 20 Jahre alt, und sie ist gut gealtert. Digitale Kommunikation ist heute Alltag, digital anschlussfähig zu sein wird wie selbstverständlich erwartet. Digitale Lösungen werden als Allzweckwerkzeug für so gut wie alles gehandelt – entsprechend auch als Türöffner in eine neue Normalität mit oder nach Corona. Die Nutzung der Luca-App, zur Nachverfolgung von Kontakten während der Corona-Pandemie, wurde an etlichen Stellen bereits zur Verpflichtung.

Digitalcourage setzt sich für eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter ein. Wir wollen gemeinsam mit Ihnen eine bunte Vielfalt und einen guten Rahmen für das analoge und digitale Zusammenleben schaffen, irgendwo auf dem Kontinuum zwischen „unter einem Stein leben“ und „sich digital total entblößen“. Das gute digitale Leben schließt die Wahlfreiheit und das Analoge mit ein. Der mündige Umgang mit digitaler Technik setzt voraus, dass wir auch Alternativen einfordern oder ganz "Nein" sagen können. Deshalb müssen wir jetzt "Nein" zu digitalem Zwang sagen.

Digitalzwang findet statt, wenn man ein digitales Angebot nicht ablehnen kann, ohne von der Teilhabe am Leben ausgegrenzt zu werden; wenn man für Wichtiges und Alltägliches in (bestimmte) digitale Lösungen gedrängt wird:

  • Wenn die Sparkasse ihre Filiale schließt und aufs Onlinebanking verweist.
  • Wenn der Arbeitgeber verlangt, ein Google-Konto einzurichten.
  • Wenn man ins Bürgeramt nur noch rein darf, wenn man die Luca-App installiert hat.
  • Wenn die Hausaufgaben und Schulinfos des Kindes nur noch per WhatsApp kommuniziert werden.
  • Wenn die Waage verlangt, einen Login in einer App zu eröffnen, um das Gewicht zu speichern.
  • Wenn IKEA für „Click and Collect“ Ihre Postadresse verlangt, obwohl Sie die Sachen am Laden abholen wollen.

Datum: 01.06.2021
Autor.innen: Silke Meiser und Leena Simon

Übrigens wollen wir hier keinesfalls selbst Digitalzwang ausüben :-). Sie können uns auch einen Brief schreiben. Hier die Adresse

Grid imageDigitalcourage, CC-BY 4.0

Wo ist beim Digitalzwang das Problem?

Es werden oft sehr viele persönliche Daten erhoben. Das kann unbedacht erfolgen, oder sinnlos, oder es werden sogar ganz ungehemmt so viele Daten wie möglich abgegriffen. Wir finden: Es muss einen Weg geben, am Leben teilzuhaben, ohne zunehmend persönliche Daten abzutreten.

Zu oft heißt es: „Digitalisierung first, Nachdenken second.“ Wer von der Technik her denkt, legt sich meist geistige Scheuklappen an. Das dient denjenigen, die daraus Vorteile ziehen, aber nicht der Sache. Die digitale Lösung ist nicht immer die bessere. Die wenigsten sozialen Probleme lassen sich technisch lösen. Pandemien werden nicht per App beendet. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich auch immer wieder, dass digitale „Lösungen“ Nutzen und Risiken äußerst ungleich verteilen oder die Interessen von und Auswirkungen auf ganze Personengruppen nicht berücksichtigen.

Wo auf Biegen und Brechen digitalisiert wird, gibt es zu viel schlecht gemachte Technik. Anwendungen, die schon in der Planungsphase keine Sicherheitsstandards berücksichtigen, die handwerklich mangelhaft oder nicht im Interesse der Nutzenden umgesetzt werden. Über die handwerklichen Schwächen bei der Luca-App wurde umfassend berichtet.

Nicht alle haben Zugang zu digitalen Werkzeugen, oder können damit umgehen. Nicht alle haben ein Smartphone oder wollen eins besitzen. Nicht alle, deren Sparkassenfiliale schließt, wollen oder können Onlinebanking betreiben. Es gibt Menschen, die im Funkloch leben oder kein Geld für einen guten Internetzugang ausgeben wollen.

Digitalzwang geht Hand in Hand mit Monokulturen. Vor allem dort, wo proprietäre Lösungen mit Nachdruck durchgesetzt werden, wenn also z.B. Officeprodukte von Microsoft in die Schulen gedrückt werden, haben es Alternativen schwer. Gesellschaftliche Vielfalt braucht auch technologische Vielfalt.

Digitalzwang hat viel mit Arbeitsverlagerung zu tun: Nämlich mit der Verlagerung von Arbeit auf die Anwender.innen. Die Kassierer.innen, Bankangestellten usw, die früher damit ihren Lebensunterhalt verdient haben, werden heute nicht mehr gebraucht.

Wo analoge Prozesse durch digitale ersetzt werden, haben Menschen nicht mehr mit Menschen zu tun, sondern mit Maschinen. Dadurch geht viel verloren: Ein guter Austausch, kleine Gesten gegenseitiger Anerkennung, das Einüben von Geduld und Umgang mit abweichenden Meinungen. Computer können weder verstehen noch mitfühlen. Unsere Welt wird kälter. (Und ganz pragmatisch: Im Gespräch mit Menschen kann man auch viel besser Sachverhalte erklären und Missverständnisse ausräumen.) In einer guten digitalen Welt reden wir miteinander. In einer guten digitalen Welt muss der direkte, respektvolle Umgang mit anderen Menschen eine Selbstverständlichkeit sein und bleiben!

Durch Digitalzwang werden neue gesellschaftliche Praktiken etabliert. Menschen werden trainiert, ihre Daten herauszugeben. Der Preis der Nichtkonformität steigt. Das beginnt im privaten Umfeld und hat bereits dort gravierende Folgen. Seinen Kindern Whatsapp zu verweigern hieße, sie der Ausgrenzung auszusetzen. (Der Philosoph Zygmunt Bauman spricht hier vom „sozialen Tod“.)

Digitalzwang geht oft mit überhöhten Erwartungen einher. Im Extrem entsteht eine Technikgläubigkeit, deren Heilsversprechen natürlich nicht eingelöst werden kann. Wenn das Ergebnis dann hinter den Erwartungen zurückbleibt, wird gern dem Datenschutz die Schuld gegeben. So werden Grundrechte als rückständig diffamiert, als hinderlich für die Realisierung einer schon fast greifbaren besseren digitalen Welt, dem digitalen Schlaraffenland. Dies stellt die Tatsachen auf den Kopf. Eine gute und lebenswerte digitale Zukunft entsteht dann, wenn wir sie gemeinsam auf den Grundrechten aufbauen.

Digitalzwang bahnt sich den Weg in gesellschaftliche und politische Entscheidungsfindungen. Das ist gefährlich. Wo das Nichtwissen über die Technik groß ist, gedeiht Populismus. Digitale Technologie ermöglichen Scheinlösungen, wo echte Lösungen „zu teuer“ wären oder – mangels fundierten Wissens – gar nicht vorstellbar sind. Dabei verleitet sie zu einseitiger Kontrolle und Verantwortungsdiffusion. Sie bietet sich dort an, wo unliebsame Diskussion vermieden werden soll: Dem Soziologen Niklas Luhmann zufolge spart Technik Konsens ein. Im schlimmsten Fall entscheiden irgendwann Maschinen über Menschen.

Die Nutzung bestimmter Anwendungen kann politisch zur Voraussetzung dafür gemacht werden, um bestimmte Rechte und Pflichten auszuüben. Gesellschaft schließt zumutbare Zwänge nicht aus. Es ist unzumutbarer Digitalzwang, wenn digitale Anwendungen vorgegeben werden, über die nicht fachkundig beraten wurde, für die kein zielorientiertes und werkzeugoffenes Konzept vorliegt, und über die keine umfassende demokratische Debatte stattgefunden hat.

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Veröffentlicht am 01.06.2021

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