Best Practice

Freie, digitale Bildung am St. Leonhard Gymnasium

Freier, grundrechtewahrender, datenschutzfreundlicher und souveräner Unterricht? Das geht! Ein Gymnasiallehrer plaudert aus dem Nähkästchen.

Der Einsatz freier Software an Schulen kann gelingen. B. Meltzow, Lehrer am St. Leonhard Gymnasium in Aachen, hört die vielen Gründe für datensammelnde Software nur ungern. Er sieht die Schwierigkeiten, die mit der Umstellung der Schul-IT einhergehen, und nimmt die Argumente anderer Lehrkräfte durchaus ernst (schließlich sitzt er im selben Boot), aber er weiß, dass es auch anders geht: freier, grundrechtewahrender, datenschutzfreundlicher, souveräner. In unserem Blog schreibt er über strukturelle Schwierigkeiten an Schulen, zeigt Lösungswege und lässt uns an seinen persönlichen Erfahrungen teilhaben. Ein Gastbeitrag aus der Kategorie „Best Practice“.

Ein Gastbeitrag von B. Meltzow, Lehrer am St. Leonhard Gymnasium in Aachen.

Inhalte:

  • Freie, digitale Bildung: Es ist ein Prozess
  • Unser Leitbild am St. Leonhard Gymnasium
  • Die Wahl der richtigen Hardware
    • Ausgangslage
    • Unser Ansatz
    • Unsere Erfahrungen mit dem BYOD-Modell
  • Software und Plattformen
    • Überlegungen zur Gewährleistung von Datenschutz und digitaler Souveränität
    • Moodle
    • Nextcloud
    • OnlyOffice
    • Kollaboration und Messenger: Logineo-NRW-Messenger
    • Videokonferenzen: BigBlueButton
    • Soziales Netzwerk: schuleigenes Mastodon
  • Resümee

Digitale Bildung am St. Leonhard Gymnasium in Aachen

Freie, digitale Bildung: Es ist ein Prozess

Als ich 2010, nach meinem Referendariat und zehn Jahren in einem IT-Unternehmen, zurück an die Schule kam, staunte ich nicht schlecht. Während bei meinem vorherigen Arbeitgeber schon jeder erdenkliche Prozess bis auf das Kaffeetrinken digitalisiert war, stand ich in der Schule nun etwas ratlos vor traditionellen Ablagefächern im Lehrerzimmerflur, Schwarzen Brettern und Kreidetafeln. Mir wurde schnell klar, dass schulische Digitalisierungsprozesse nach anderen Regeln funktionieren.

In der Schule geht es nicht primär um Effizienzsteigerung, wie das in einem Unternehmen der Fall ist, sondern vor allem auch um Medienerziehung. Ich habe also schnell gelernt, dass ich erst einmal geduldig zuhören und die Prozesse verstehen muss, die im komplizierten Lehrerberuf bestehen und von denen viele – wenn überhaupt – nur sehr behutsam digitalisiert werden sollten. Und ich habe gelernt, mich vom Scheitern guter Projekte nicht entmutigen zu lassen. Das erste dieser Art war ein Schulwiki, das ich im Jahr 2010 anlegte, aber das ist eine andere Geschichte.

Seit 2017 ist meine Funktion an der Schule nun offiziell die, Schulentwicklung unter den Bedingungen der Digitalität zu koordinieren, was eine gleichermaßen herausfordernde wie spannende Aufgabe ist. Denn wir haben am St. Leonhard Gymnasium nicht den einfachen Weg genommen, der durch Phrasen wie „Es muss halt funktionieren“ oder „marktübliche Software“ definiert ist. Wir haben im Laufe der Zeit verstanden, dass Digitalisierungsprozesse erstens ein Leitbild benötigen und zweitens partizipativ, also gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften gestaltet werden müssen. Auch diese Herangehensweise unterscheidet eine Schule stark von einem Unternehmen (obwohl die IT-Infrastruktur an Schulen mit der mittelständischer Unternehmen durchaus vergleichbar ist).

Unser Leitbild am St. Leonhard Gymnasium

Erziehungs- und Bildungsarbeit bedeutet, Schülerinnen und Schüler angemessen auf das selbstständige Leben in der derzeitigen und zukünftigen Gesellschaft vorzubereiten und zu einer aktiven Teilhabe zu befähigen. Schulen haben eine Lebenswelt zu berücksichtigen, in der Heranwachsende herausgefordert sind, eine eigenständige und kritikfähige Persönlichkeit zu entwickeln, sodass ihr Leben als Individuum und als aktives Mitglied der Gesellschaft gelingen kann. Diese Aufgaben gelten für das Lernen unter den Bedingungen der Digitalität mit allen impliziten Chancen und Herausforderungen umso mehr. Bildung muss auch die Digitalität, also die umfassende pädagogische, soziologische und kulturelle Verknüpfung zwischen Mensch und Medien umfassen, um Schülerinnen und Schüler auf die Zukunft vorzubereiten.

Übergeordnetes Ziel: Schülerinnen und Schüler befähigen, in der Kultur der Digitalität selbstbestimmt zu lernen und zu handeln sowie Gesellschaft verantwortlich mitzugestalten.

Diesem Satz werden vermutlich die allermeisten Menschen zustimmen. Aber was bedeutet dies nun konkret für eine Schule? Im Rahmen von pädagogischen Tagen wurden am St. Leonhard Gymnasium zum Erreichen dieses Ziels folgende Leitlinien entwickelt, die Lehrkräften, aber auch Schülerinnen und Schülern sowie Eltern Orientierung geben sollen und einen breiten Konsens innerhalb der Schulgemeinde darstellen:

  1. Förderung der digitalen Souveränität: Schülerinnen und Schüler sollen dazu befähigt werden, verantwortungsbewusst und selbstbestimmt mit digitalen Technologien umzugehen.
  2. Förderung von selbstbestimmtem Handeln: Schülerinnen und Schüler sollen die Möglichkeit haben, digitale Fähigkeiten und Kenntnisse selbstbestimmt und eigenständig zu erwerben und anzuwenden.
  3. Vermeidung von digitalen Abhängigkeiten: Schülerinnen und Schüler sollen nicht von bestimmten Technologien, Geräten oder Anbietern abhängig sein, sondern die Freiheit haben, verschiedene Geräte, Systeme und Plattformen zu nutzen.
  4. Nutzung von freier Software: Schülerinnen und Schüler sollen die Möglichkeit haben, freie, offene und datenschutzfreundliche Software zu nutzen, um eine unabhängige und nachhaltige Nutzung und Mitgestaltung von digitalen Technologien zu fördern.

Digitale Souveränität ist ein gesellschaftliches Ziel. Es geht darum, politische, wirtschaftliche und auch individuelle Abhängigkeiten in der sich digitalisierenden Welt zu reduzieren. Es geht um die Souveränität von Infrastrukturen, Daten, Hard- und Software und um Bildung – also letztlich um Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit und Mündigkeit. – B. Meltzow

Diese Ziele und Leitlinien umzusetzen, ist eine große Herausforderung, denn häufig laufen Digitalisierungsprozesse an Schulen nach dem Prinzip der Einfachheit, Bequemlichkeit und Praktikabilität. Eine weitverbreitete Annahme ist, dass Geräte und Software so einfach wie möglich zu bedienen sein müssen, damit sie innerhalb der Schulgemeinschaft akzeptiert werden. Alle anderen Aspekte haben sich dem unterzuordnen. Dies widerspricht aber deutlich dem genannten Ziel selbstbestimmten Lernens und gesellschaftlicher Verantwortung. Und wie will eine Schule entsprechende Werte glaubhaft vermitteln, wenn sie selber immer nur den bequemen Weg geht?

Einerseits wird im Unterricht vermittelt, dass man seine persönlichen Daten nicht in sozialen Netzwerken preisgeben soll, andererseits nutzen Schulen dann Plattformen, von denen sie nicht wissen, wie dort mit personenbezogenen Daten umgegangen wird. Einerseits möchten Schulen Selbstbestimmtheit im Lernprozess fördern, andererseits sperren sie Schülerinnen und Schüler in einen goldenen Käfig eines Herstellers, der ein geschlossenes IT-Ökosystem anbietet und dort als Gatekeeper fungiert.

Natürlich ist es nicht immer einfach, solche Aspekte neben allen bestehenden Herausforderungen wie Fortbildung, Finanzierung, Umstellung von Arbeitsweisen und des Unterrichts usw. mit einzubeziehen. Aber: Wer Digitalisierung und Bildung in einer Kultur der Digitalität ernst nimmt, der sollte diese Herausforderung annehmen:

„Es wird die Zeit kommen, da ihr euch entscheiden müsst zwischen dem, was richtig ist, und dem, was bequem ist.“ – Albus Dumbledore

Die Wahl der richtigen Hardware

Schon bei der Entscheidung, welche Hardware eingesetzt werden soll, müssen verschiedene Fragen geklärt werden, z. B. wann diese eingesetzt werden sollen und wofür. Bereits an dieser Stelle sind Konzepte nötig. An unserer Schule wurde dabei vor allem zwischen Unter- und Mittelstufe unterschieden.

Ausgangslage

Um die Möglichkeiten digitaler Lehr- und Lernprozesse ausschöpfen zu können, werden digitale Endgeräte für Lehrkräfte und Lernende benötigt. Während das Land NRW alle Lehrkräfte mit einem Dienstgerät (einem iPad) ausgestattet hat, ist das Vorgehen der Schulen bzgl. der Endgeräte für Schülerinnen und Schüler sehr unterschiedlich. Manche Schulen arbeiten nur mit schuleigenen Geräten (PC-Raum, Tabletkoffer), andere setzen auf sogenannte Tabletklassen, in denen die Schülerinnen und Schüler mit elternfinanzierten Geräten arbeiten (sog. BYOD-Modell: "Bring your own device", also „Bring dein eigenes Gerät mit“). Sehr viele Schulen initiieren Tabletklassen im Jahrgang 7, manche auch noch früher.

Unser Ansatz

Am St. Leonhard Gymnasium herrscht in Gremien, die sich aus Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern zusammensetzen, zum Glück Einigkeit darüber, dass das Alter für eine solche Entscheidung sehr relevant ist. Kinder jüngeren Alters benötigen in ihren Lernprozessen mehr Anleitung, Kontrolle und Fremdsteuerung als ältere. Dies gilt auch für das Lernen mit digitalen Medien.

 

Boris Meltzow, CC-BY

Die Art der Nutzung digitaler Endgeräte wurde bei uns konzeptionell unterschiedlich gestaltet, jeweils für die Erprobungs-, Mittel- und Oberstufe. Das Ziel sollte aber immer sein, dass Kinder und Jugendliche zum selbstbestimmten Lernen befähigt werden.

„Bildung ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen frei und unabhängig denken und handeln können.“ – Dalai Lama

Für unsere Schule wurden schuleigene Endgeräte wie PCs und seit 2015 Tabletkoffer für die Erprobungsstufe angeschafft, während schülereigene Geräte in dieser Altersklasse nicht genutzt werden dürfen. Es handelt sich um Windows-PCs in den Computerräumen sowie Android- und iOS-Tabletkoffer. Mit der Entscheidung, Tablets zu nutzen, waren wir vor fast einem Jahrzehnt also schon recht früh dran und mit der Anschaffung verschiedener Tablets für verschiedene Eventualitäten und Anwendungsszenarien gewappnet.

Für spezielle technische Schülerarbeitsgruppen stehen auch einige Linux-Notebooks zur Verfügung. Die Lehrkräfte entscheiden dabei je nach Unterrichtsvorhaben, wann und wie die Geräte genutzt werden. So eignen sich Tablets beispielsweise besser für Aufgaben, in denen Kamera oder Eingabestift benutzt werden, während die PCs für die Erstellung von Texten, Präsentationen oder Programmen praktischer sind.

Allerdings ist das Nutzen schuleigener Geräte – egal ob Rechner im PC-Raum oder Tabletkoffer – natürlich immer mit organisatorischem Aufwand (Reservieren durch die Lehrkraft) verbunden. Nicht selten möchte man Unterricht mit solchen Geräten planen und stellt dann fest, dass dies in der betreffenden Stunde nicht mehr geht. Aus diesem und anderen Erwägungen sind schülereigene Geräte bzw. eine sogenannte „1:1 Ausstattung“ viel selbstverständlicher in den Unterricht integrierbar und bei älteren Schülerinnen und Schülern das bessere Modell. Hier können diese dann selbst entscheiden, für welche Tätigkeit sie ihr Gerät benutzen und welche Software und Arbeitsweise dafür geeignet erscheint.

Ab der Mittelstufe können Fachlehrkräfte daher entscheiden, ob zusätzlich zu den schulischen Geräten auch schülereigene Geräte im Unterricht benutzt werden dürfen. Dadurch tragen sie zu der zunehmenden Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler bei. In Klasse 10 schließlich wird vorausgesetzt, dass jede Schülerin und jeder Schüler ein persönliches Endgerät besitzt. Hier wird das selbstständige und selbstbestimmte Arbeiten mit einem Tablet oder Notebook gezielt gefördert und erprobt, sodass die Nutzung der Geräte in der gymnasialen Oberstufe einen selbstverständlichen Bestandteil aller Lehr- und Lernprozesse darstellt. Die weitgehende Selbststeuerung der Schülerinnen und Schüler ist das Ziel. Aus diesem Grund nutzen wir auch kein Classroom-Management-System zur Kontrolle und zur Einsicht der Bildschirme und Aktivitäten.

 

Boris Meltzow, CC-BY

Für die schülereigenen Geräte hat sich die Schule bewusst gegen die Vorgabe eines einheitlichen Gerätes entschieden. Sie hat vielmehr funktionale Anforderungen für die Geräte vorgegeben (Akkulaufzeit, Bildschirmgröße, Stiftfunktion), sodass wir eine Diversifizierung der Geräte haben. Dabei dient der Browser als zentrale plattformunabhängige Client-Software für zentrale Plattformen wie „Moodle“ und „NextCloud“. Schülerinnen und Schüler dürfen jedoch auch andere Software nutzen, solange diese den Regeln der Zusammenarbeit und den Schnittstellen der Schule entsprechen (beispielsweise die Nutzung offener Dateiformate). Ein Vorgeben und Einsperren in geschlossene Systeme widerspricht unseres Erachtens dem Ziel des selbstgesteuerten Lernens.

Unsere Erfahrungen mit dem BYOD-Modell

„Das Ziel von Bildung sollte es sein, den Schülern beizubringen, unabhängig und kritisch zu denken - nicht, sie zu Konsumenten von Markenprodukten zu machen.“ – Richard Stallman

Die Nutzung heterogener BYOD-Systeme stellt Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte in der Schule vor einige technische Herausforderungen. Natürlich funktioniert vieles besser, wenn alle Geräte eines einzigen Herstellers das gleiche Betriebssystem nutzen. Bedienung, Schnittstellen, Lizenzen etc. sind deutlich leichter zu managen. Am Beispiel des drahtlosen Präsentierens wird dies schnell deutlich: Sind an einer Schule im Wesentlichen Apple-Geräte vertreten, funktioniert das drahtlose Präsentieren mit „AirPlay“ sehr gut, auch wenn die Apple-TVs eigentlich für einen anderen Zweck konzipiert sind und demnach als eigenständige Streaming-Boxen sehr teuer sind. Apple-Geräte neigen aber leider dazu, nicht oder nur sehr ungern mit Geräten anderer Hersteller zu kooperieren. Kommen beispielsweise Windows- und Android-Geräte hinzu, nutzt einem Apple-TV nichts mehr, und man benötigt auch den „Miracast“-Standard und ggf. entsprechende Hardware-Dongles. Ähnlich verhält es sich mit „AirDrop“ oder Apps, die nur für iOS programmiert wurden. Der Apple-Nutzer sitzt hier in einem goldenen Käfig (auch als „Vendor-Lockin“ bekannt). Schule sollte aber keinen Käfig darstellen.

Dem Eingesperrtsein kann man entgehen, wenn man plattformunabhängige Hard- und Software einsetzt. Elementare Softwaresysteme sollten daher immer über den Browser bedienbar sein. Für die Präsentationstechnik ist ein HDMI-Anschluss in jedem Raum der gemeinsame Standard. Das plattformunabhängige „Airdrop“ kann mit der Open-Source-Software „LocalSend“ auf allen Betriebssystemen verwendet werden.

Ist ein solches System erst einmal etabliert, sodass alle Beteiligten kompetent mit der Systemvielfalt umgehen können, ergeben sich für die IT-Verantwortlichen der Schule auch Entlastungen, da sie nur noch die schuleigenen Geräte administrieren müssen.

Im Ergebnis leben wir an unserer Schule also bei den Geräten die gleiche selbstverständliche Pluralität und Diversifizierung vor, wie wir sie von unseren Schüler.innen erwarten. Dies macht uns und sie resilienter gegenüber Lobbyismus oder Markenfetischismus. Technische Reibungseffekte und deren Lösung dienen als Vorbereitung auf das Leben nach der Schule.

Software und Plattformen

Überlegungen zur Gewährleistung von Datenschutz und digitaler Souveränität

Die Kriterien zur Auswahl von IT-Plattformen sind vielfältig, Entscheidungen sollten nicht vorschnell getroffen werden.

Viele Schulen und auch Unternehmen entscheiden sich für die Tools und Plattformen der großen US-Anbieter (Big 5) – häufig, weil sie nichts anderes kennen oder annehmen, Kinder hätten es später einfacher, wenn sie mit „marktüblicher“ Software gearbeitet haben. Zudem wird Datenschutz häufig als lästige Innovationsbremse verstanden. Der gesetzlich besonders betonte Schutz der Daten von Minderjährigen und die Vorbildfunktion von Schule werden dabei gerne vernachlässigt.

Das sehen wir anders. Am St. Leonhard Gymnasium ist schon seit einigen Jahren verstärkt Open-Source-Software im Einsatz, wie z. B. das Betriebssystem „Linux“, der „Firefox Browser“, „LibreOffice“, „OnlyOffice“ und die Plattformen „Nextcloud“, „Moodle“ und „Mastodon“ sowie der Messenger „Element“. Hinzu kommen eigene Entwicklungen wie beispielsweise die „LeoApp“, die ebenfalls Open Source ist.

Boris Meltzow, CC-BY

Für Open-Source-Software in der Schule sprechen viele Punkte, von denen hier einige exemplarisch aufgeführt werden:

  • Transparenz: Durch viele Freiwillige weltweit, die sich den Quellcode ansehen, fallen kritische Dinge schneller auf und können schneller behoben werden. Durch den offenen Quelltext kann ermittelt werden, wohin Datenverbindungen aufgebaut und welche Daten weitergegeben werden.
  • Anpassung an individuelle Bedürfnisse: Die Schulen können freie Software den eigenen Bedürfnissen anpassen und diese in andere Systeme integrieren, da auch die Schnittstellen offen sind. Sie können die freie Software so administrieren, wie sie es benötigen.
  • Unabhängigkeit: Änderungen an freier Software sind nicht an Vorgaben gebunden. Sie lassen sich schneller und unkomplizierter umsetzen. Dabei lernen Schülerinnen und Schüler, sich von kommerziellen Angeboten unabhängig zu machen. Für die Zukunft der Kinder ist es außerdem viel wichtiger, das Programmieren zu lernen und zu verstehen, wie sich Algorithmen verhalten. Programmieren ist eine Schlüsselkompetenz, während die Nutzung von „Markenprodukten“ verstärkt zu Konsumenten macht. Besser man gestaltet, als gestaltet zu werden.
  • Freiheit und Mitbestimmung: Schulen sollten nicht die wirtschaftlichen Interessen von Konzernen bedienen, sondern Freiheit und Partizipation fördern. Dazu trägt freie Software bei. Vor allem sollten sie sich nicht mit Unternehmen gemein machen, die ihre Software für Schulen kostenlos anbieten, um die Schülerinnen und Schüler als künftige Kunden zu gewinnen. Bei Open-Source-Plattformen, die durch einen unabhängigen IT-Dienstleister betrieben werden, kommt es zu keinem Vendor-Lockin. Spätere Datenmigration ist aufgrund offener Schnittstellen, offener Dateiformate und einem unabhängigen Betreiber meist problemlos möglich.
Boris Meltzow, CC-BY

„Die Zukunft gehört der freien Software, die unsere Freiheit und Würde als Menschen respektiert.“ – Edward Snowden

Moodle

Moodle ist ein webbasiertes Lernmanagementsystem, das am St. Leonhard Gymnasium seit 2012 im Einsatz ist. Es eignet sich für alle Fächer und unterstützt offene Unterrichtsformen sowie eine zunehmende Differenzierung und Individualisierung des Lernens. Moodle ist Open Source und wird von einer weltweiten Community betreut und weiterentwickelt.

Wir benutzen es fast ausschließlich für „Blended Learning“, also in Ergänzung zum Präsenzlernen in der Schule. Moodle bildet dabei Lehr- und Lernmaterial ab, kooperative Werkzeuge sowie den Prozess des Einsammelns und Bewertens von bearbeiteten Aufgaben. Dabei sollte es nach Möglichkeit keine PDF-Wüste sein, sondern Dreh- und Angelpunkt verschiedenster Aktivitäten, die im Unterricht passieren oder dessen Vor- und Nachbearbeitung betreffen.

Dies können z. B. Links auf externe Seiten oder Medien sein, interaktive Übungen über die sehr mächtige Plattform H5P, Multiple-Choice-Tests, gemeinschaftliche PDF-Annotation, Diskussionsforen, Tafelbilder oder Peer-Feedback. Faustregel: Je verschiedener die Icons der Aktivitäten eines Moodle-Kurses, desto lebhafter und vielseitiger ist auch der zugehörige Unterricht.

Moodle hat den Ruf in der Bedienung etwas „sperrig“ zu sein. Das liegt zum einen am etwas in die Jahre gekommenen Web-Interface, zum anderen aber auch an der großen Funktionsvielfalt. Die Erfahrung zeigt, dass Schülerinnen und Schüler in der Regel schnell sehr gut mit dem System arbeiten können. Viele haben die zugehörige App auf Smartphone und Tablet installiert. Für die Lehrkräfte sollte man hingegen immer wieder schulinterne Fortbildungen anbieten, was wir am St. Leonhard Gymnasium seit Jahren regelmäßig tun. Zum Glück gibt es auch zahlreichen Tutorials und Lernvideos im Netz sowie eine große und hilfsbereite weltweite Community.

Aktuell profitieren wir auch ganz im Sinne des Open-Source-Gedankens von einigen Modulen, die beispielsweise an der RWTH Aachen entwickelt wurden und der Moodle-Gemeinschaft zur Verfügung stehen.

NextCloud

NextCloud ist ein beliebtes Open-Source-Cloud-System, das in Deutschland entwickelt wurde. Die Arbeit mit und an Dokumenten in einem Cloud-System ist für den Unterricht, für die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler und für die Zusammenarbeit der Lehrkräfte untereinander unerlässlich. Die Zeiten, in den E-Mail-Attachments hierfür genutzt wurden, sollten nun endgültig der Vergangenheit angehören.

Die NextCloud-Education-Edition bietet spezielle Apps, die auf die Bedürfnisse von Bildungseinrichtungen zugeschnitten sind. Die uCloud-Instanz von regioIT bietet uns eine NextCloud-Plattform, deren Betrieb durch die Stadt Aachen beauftragt ist. Datenschutzanforderungen können erfüllt werden, da der Datenstandort selbst gewählt werden kann. Von Vorteil ist auch eine integrierte LDAP-Anbindung (Lightweight Directory Access Protocol), sodass sich Berechtigungen an ganze Gruppen vergeben lassen, z. B. an Klassen oder Jahrgangsstufen. Zudem bietet dies eine Single-Sign-On-Lösung. Die Kommunikationsfunktionen sind bei der uns zur Verfügung gestellten Lösung jedoch eingeschränkt, weshalb wir weitere Plattformen wie Messenger, ein Online-Office oder Videokonferenz-Systeme ergänzt haben. Mit Nextcloud-Hub steht aber für Schulen auch eine voll ausgebaute Variante zur Verfügung, für deren Betrieb allerdings ein professionelles IT-Unternehmen beauftragt werden sollte.

Kollaboration und Messenger: Logineo-NRW-Messenger

Der Logineo-NRW-Messenger (auf Basis des offenen Kommunikationsprotokolls Matrix) ist eine sichere und datenschutzkonforme Möglichkeit für Bildungseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen, schnell und einfach miteinander zu kommunizieren. Der Messenger ist Bestandteil des Lernmanagementsystems „Logineo NRW“ und dadurch viele Vorteile bietet, wie zum Beispiel die einfache Integration mit anderen Modulen wie der Lernplattform, dem Schulverwaltungsprogramm und der E-Mail-Lösung. Der Messenger kann aber auch unabhängig von dem Lernmanagementsystem genutzt werden. Durch die sichere Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und die Verwaltung der Benutzerdaten in NRW sind Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte vor unerlaubtem Zugriff auf ihre Daten geschützt. Der Messenger bietet außerdem die Möglichkeit, Gruppen zu erstellen, Dokumente zu teilen und auch Video- und Sprachanrufe durchzuführen. Dadurch wird die Zusammenarbeit und der Austausch innerhalb der Bildungseinrichtung gefördert und erleichtert. Aktuell verwenden wir den Messenger allerdings nur innerhalb des Kollegiums. Für die Kommunikation mit Schülerinnen und Schüler benutzen wir Moodle, auch weil hier eine asynchrone Kommunikation sinnvoller ist und die Kolleginnen und Kollegen ein Stück weit vor zu vielen Anfragen und Forderungen schützt.

Videokonferenzen: BigBlueButton

BigBlueButton ist eine browserbasierte Open-Source-Software, die speziell für Schulen weiterentwickelt wurde und über Funktionen wie Breakout-Räume, Abstimmungstools und die Möglichkeit, gemeinsam auf einem Tafelbild zu zeichnen, verfügt. Obwohl es keine App dazu gibt, wird die Software von vielen Bildungseinrichtungen und Hochschulen verwendet und gilt als stabil und benutzerfreundlich. Big Blue Button lässt sich gut in Moodle integrieren. Das St. Leonhard Gymnasium hat in der Coronapandemie ein eigenes System auf einem angemieteten Root-Server installiert, das von Lehrkräften und Eltern administriert wurde. Die Server wurden in Deutschland betrieben und erfüllten die DSVGO. Nach der Pandemie haben wir auf das tolle kostenlose Angebot von Senfcall umgestellt und den Betrieb des eigenen Servers aus Kostengründen wieder eingestellt.

Soziales Netzwerk: schuleigenes Mastodon

Seit einem Jahr läuft ein Experiment an unserer Schule, bei dem eine geschlossene, also nur schulintern verfügbare, Social-Media-Plattform für unsere Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern und Ehemaligen. Dafür verwenden wir die Open-Source-Software Mastodon. Auf der Plattform können Informationen, Aktivitäten und Fotos rund um das Schulleben ausgetauscht werden und das Ziel des Experiments ist es, spontanere und einfachere Informationswege sowie Transparenz für die Schulgemeinschaft zu schaffen. In dieser geschützten Umgebung bekommen die Schülerinnen und Schüler ein Gefühl für Wirk- und Nutzungsprinzipien von Social Media und lernen zugleich eine Alternative zu kommerziellen Social-Media-Plattformen kennen. Aktuell posten dort nur wenige Nutzer.innen regelmäßig, aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass wir den Betrieb dauerhaft gewährleisten werden. Ebenso gehen wir davon aus, dass hier immer mehr los sein wird.

Resümee

Das St. Leonhard Gymnasium setzt sich intensiv mit der Digitalisierung auseinander und verfolgt dabei einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl die pädagogischen als auch die technischen Aspekte berücksichtigt. Durch den Einsatz von freier Software und die Förderung von digitaler Souveränität und Selbstbestimmung sollen die Schülerinnen und Schüler bestmöglich auf die Anforderungen der digitalen Gesellschaft vorbereitet werden. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Schulen diesem Beispiel folgen und die Potenziale der Digitalisierung für eine zeitgemäße Bildung nutzen, ohne dabei die ethischen, sozialen und pädagogischen Aspekte aus den Augen zu verlieren. Denn nur so können wir sicherstellen, dass unsere Schülerinnen und Schüler auch in Zukunft erfolgreich und selbstbestimmt in der digitalen Welt agieren werden.

Wir beteiligen uns deshalb auch am Netzwerk freie Schulsoftware von Digitalcourage, um auch anderen mit unseren Erfahrungen helfen zu können. Wir empfangen alle Ratsuchenden mit offenen Armen!