Datenfresser an Schulen

Artikelreihe: Datenschutz im Bildungswesen

Im ersten Teil der Reihe haben wir das Thema Lobbyismus an Schulen bereits angesprochen: IT-Großkonzerne wittern die Chance, ihre Produkte an Schulen zu etablieren. Gerade jetzt, wo staatliche Gelder für die Digitalisierung fließen, sehen auch Unternehmen wie Microsoft und Google eine größere Chance, im Bildungsbereich Fuß zu fassen. Sie locken mit unwiderstehlichen Angeboten, die sie nur aufgrund ihrer großen Marktmacht unterbreiten können. Davon können wir uns nur lösen, wenn wir freie Software in Schulen etablieren. Im zweiten Teil haben wir beleuchtet, wie wichtig es ist, Datenschutz als erheblichen Teil der Medienkompetenz zu bewerten und zu vermitteln. Außerdem sind wir auf den Unterschied von Medienkompetenz und Bedienkompetenz eingegangen und darauf, wie diese Themen in den Curricula der Schulen verankert sind.

Nun kommen wir zum derzeitigen Stand in deutschen Bildungseinrichtungen: Welche kritische Hard- und Software wird bei uns genutzt? Wie steht es um Datenschutz an Schulen und die Digitalisierung von Schulen im internationalen Vergleich?

In diesem Artikel:

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Die derzeitige Situation an unseren Schulen

Dass an unzähligen Schulen datensammelnde Messenger-Dienste wie WhatsApp (Zusammenschluss mit Facebook) genutzt werden, ist für den Schutz von Schüler.innendaten fatal. Die Kultusministerien raten in den meisten Fällen dringend vom Gebrauch der App in der Schule ab, doch ausdrücklich verboten ist sie nur in Einzelfällen. Wir raten also allen Schulen, Lehrerinnen und Lehrern, die Augen nicht davor zu verschließen! Nutzen Sie bewusst andere Alternativen. Klären Sie parallel dazu über die kritische Nutzung von WhatsApp auf.

WhatsApp wurde aber eher von außen, also aus dem Privatleben, in Schulen gebracht und ist nicht als Software für das Bildungssystem gedacht gewesen. Andere Programme von datensammelnden Großkonzernen dagegen werden extra für Schulen konzipiert und auch zunehmend eingesetzt.

Diese Software schauen wir uns genauer an:

  • Betriebsystem Windows: Vor allem jetzt, da Windows 7 nicht weiter unterstützt wird, steigen Schulen auf das neueste, absolut datenschutzkritische Betriebssystem Windows 10 von Microsoft um. Dieses ist laut Expert.innen nicht mit dem europäischen Datenschutzrecht konform, allein schon durch das Senden von Telemetriedaten an Microsoft und weil kaum Kontrolle darüber besteht, welche Daten Microsoft sammelt. Das Senden dieser Daten kann in der teureren Enterprise-Version ausgestellt werden. Das heißt im Umkehrschluss: Datenschutz kostet extra. Geld, das vermutlich die wenigsten Schulen investieren werden.
  • Microsoft Office 365 (inkl. Cloud): Diese Software liefert eine Lernumgebung zum Erstellen und Verwalten von Dokumenten (Arbeitsergebnisse, Hausaufgaben, etc.) und zum Kommunizieren (z.B. in Gruppenchats). Office 365 ist an hessischen Schulen zwischenzeitlich verboten worden, weil sich die Software nicht datenschutzkonform nutzen lässt. Sie darf zwar vorerst doch unter bestimmten Voraussetzungen eingesetzt werden, wird aber weiterhin geprüft. Eine ausführliche Erläuterung der Umstände und unter welchen Voraussetzungen die Software (nicht) an Schulen eingesetzt werden sollte, ist in einem Blog-Artikel eines datenschutzinteressierten, bloggenden Lehrers nachzulesen. Ob Office 365 schlussendlich genutzt werden darf oder nicht: Allein der Diskurs, die Unklarheiten und die Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes sollten jede verantwortungsvolle Lehrkraft davon abhalten, sich für diese Software zu entscheiden.
  • Google Classroom: Die Software ermöglicht die Einbindung von digitalem Arbeitsmaterial und Kommunikationsmöglichkeiten zwischen den Lehrkräften. Diese können dort auch Kurse erstellen, Aufgaben verteilen, Feedback senden und alle Daten übersichtlich aufrufen – ähnlich wie bei Microsoft Office 365. Darüber hinaus können hier auch Noten der Schüler.innen verwaltet werden. Es gibt außerdem die Möglichkeit, andere Google-Werkzeuge zu verknüpfen, z.B. Google Docs, Google Drive und Google Calendar. Durch die Nutzung der Software werden massenhaft sensible Daten bei Google abgelegt.
  • G-Suite for Education: Hierbei handelt es sich um eine Softwarepaket von Google, in dem auch Google Classroom enthalten ist. Die Daten der Schülerinnen und Schüler werden auf Google-Servern gespeichert und die Türen für weitere Google-Produkte geöffnet. Dadurch lernen die Schülerinnen und Schüler verschiedene Google-Produkte kennen. Man könnte – überspitzt gesagt – von einer „Einstiegsdroge für Kinder" sprechen.
  • Apple Classroom: Diese Software ist grob umrissen das Pendant zu Google Classroom und Microsoft 365 für Apple-Nutzer.innen: Sie dient als Plattform für kollaboratives Lernen.
  • ZuluDesk TeacherApp: Diese App wird beispielsweise ergänzend zu Apple Classroom eingesetzt und ermöglicht die Kontrolle der Nutzung einzelner Geräte. So können die Lehrkräfte die Nutzung einer einzelnen App freigeben und andere sperren. Die App bietet auch eine Eltern-Funktion, sodass diese die Gerätenutzung ihres Kindes auch in der Freizeit kontrollieren können, sowie eine Zusatzfunktion, die Eltern eine Benachrichtigung schickt, wenn ihr Kind in der Schule angekommen ist. Wieso die Überwachung von Kindern absolut unangemessen in ihre Privatsphäre greift, haben wir in der Vergangenheit bereits in unserem Blog aufgegriffen.

Hier sind einige Komplettlösungen für den Unterricht gelistet. Diese Liste lässt sich in Bezug auf einzelne datensammelnden Werkzeuge für den Unterricht beinahe endlos weiterführen (Grafikbearbeitung mit MS Paint, Präsentationen mit PowerPoint, Dateiverwaltung mit MS Docs, ...). Es liegt in der Verantwortung jeder einzelnen Lehrkraft, auch für einzelne Fächer oder Aufgaben, datenschutzfreundliche Alternativen zu nutzen.

„Es liegt in der Verantwortung jeder einzelnen Lehrkraft, auch für einzelne Fächer oder Aufgaben, datenschutzfreundliche Alternativen zu nutzen.“

Auch in Bezug auf Hardware haben IT-Konzerne einen Fuß in der Tür des Bildungswesens:

  • Surface (Microsoft): Bei diesem Gerät handelt es sich um eine Kombination aus Tablet und Laptop (Tablet mit schmaler Tastatur). Dadurch wird das Tippen am Tablet einfacher und es eignet sich besser für den Einsatz im Unterricht.
  • Chromebooks (Google): Auch Google bietet ein Gerät an, dass als Hybrid von Tablet und Laptop bezeichnet werden kann. Dieses bieten sie Schulen zu einem Drittel des Ladenpreises an. Wie praktisch? – Vergessen Sie bitte nicht: Wenn das Produkt besonders günstig ist, dann sind Sie das Produkt! Oder ihre Kinder. Einen ausführliche Bericht über das Eindringen von Google ins Klassenzimmer, finden Sie in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung.
  • iPads (Apple): Beworben mit „So intuitiv, dass Schüler nichts lernen müssen.“. Der Slogan ist entlarvend. Wie verführerisch für Schulen, wenn ihnen das Produkt verspricht, ihnen die Arbeit abzunehmen. Stellen wir uns vor, Coca-Cola würde damit werben, dass es so lecker ist, dass Schüler.innen gar nichts mehr über gesunde Ernährung lernen müssen.
  • Außerdem besteht die Gefahr, dass Tablets ohne Root, Custom Rom und Firewall in Schulen eingesetzt werden. Wieso? – Weil die Käufer.innen es nicht besser wissen, nicht genug reflektieren und auf Aussagen von Händlern oder Herstellern vertrauen. Oftmals entsteht der falsche (!) Eindruck, die Installation einer Anti-Viren-Software würde für den Großteil der nötigen Sicherheit auf dem Gerät sorgen, was sogar dann nur bedingt richtig ist, wenn Maßnahmen wie Firewalls bereits vorhanden sind.

„Vergessen Sie bitte nicht: Wenn das Produkt besonders günstig ist, dann sind Sie das Produkt!“

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IT-Konzerne bieten auch Fortbildungen an:

IT-Unternehmen wissen Bescheid über das mangelnde technische Verständnis der zuständigen Lehrkräfte. Da kommen günstige Fortbildungsangebote im Komplettpaket mit Software und Hardware den Schulen oft sehr gelegen.

Microsoft: Das Unternehmen bietet verschiedene Fortbildungs- und Förderprogramme für Schulen an. Natürlich immer in Bezug zu den eigenen Produkten. Microsoft unterscheide im Bereich „Teaching and Learning“ vier Schwerpunkte (von der Redaktion gekürzt):

  • „Kreieren und teilen auf gänzlich neuen Wegen“ – Ziel: Verschiedene Partizipations-/Kollaborations-Tools nutzen, um die Leistungen zu steigern. Mit OneNote, Office 365, Sway, Skype, Microsoft Edge, Office Mix und Kodu Game Lab.
  • „Lehren und lernen durch ausprobieren und erkunden“ – Ziel: Die Umwelt – Menschen, Orte, Veranstaltungen – mit den richtigen Tools erkunden, sodass eine aktive Lernerfahrung geschaffen wird. Mit Skype, Minecraft, OneNote, Windows 10, Microsoft Surface und Windows Store.
  • „Unterbringung individueller Lernbedürfnisse“ – Ziel: Nutzung verschiedener Ressourcen, um den besten Pfad des Lernens zu finden. Mit Windows 10, OneNote, Skype, Office 365 und Microsoft Educator Community.
  • „Fokus auf Ergebnisse, nicht auf Technologie“ – Ziel: Förderung von Lernerfahrungen, die auf Einfachheit, robuster Sicherheit und Privatsphäre beruhen. Mit Hilfe von Zugang zu Lehrmaterial auf sämtlichen Geräten, Zugang zu einer Bandbreite an Windows-Geräten für jedes Bedürfnis und jede Preisklasse und zu Office 365.

Nachdem wir gelernt haben, wie kritisch die Nutzung von Microsoft an Schulen ist, erscheinen die Bildungsziele des Unternehmens geradezu lachhaft. Microsofts Werbetexte überzeugen nicht. Die empfohlenen Produkte wirken wahllos zusammengestellt, als sei jemand eine Liste aller wünschenswerten geistigen, sozialen und intellektuellen Prozesse bei Heranwachsenden durchgegangen und habe anschließend alle vorhandenen Microsoft-Produkte einer der vier „Teaching and Learning“-Kategorien zugeordnet – „Pi mal Daumen“, passt schon.

Apple: Das Unternehmen formuliert seine Werbetexte eher sachlich und zurückhaltend, was bei Apple jedoch zum Marketing gehört. Apple setzt grundsätzlich eher auf den „Lockin“-Effekt (der schon in Teil 1 der Artikelreihe beschrieben wurde, indem es einzelne Produkte miteinander koppelt und wenig Spielraum für Hard- und Software lässt, die nicht für Apple-Geräte konfiguriert ist. Dementsprechend zielen auch die Fortbildungsangebote auf die Nutzung/Anwendung von Apple-Produkten ab, hauptsächlich von Hardware.

Google: Der Konzern bindet Pädagog.innen sogar direkt in die Entwicklung der Produkte mit ein. In den USA gibt es bereits Dutzende „Google-Erziehergruppen“, während sich in Deutschland mittlerweile ebenfalls erste Gruppen bilden. Dies führt zu einer hohen Loyalität von Pädagog.innen gegenüber Google-Produkten. Und genau das ist das Ziel des Unternehmens. Dass Schüler.innendaten gespeichert werden, gibt Google offen zu. Angeblich zwecks der besseren Entwicklung von Bildungssoftware. Für die Privatsphäre-Einstellungen, bei denen bestimmt werden kann, auf welche Daten Google außerdem zugreifen kann, müssen allerdings Selbstverpflichtungserklärungen unterschrieben werden: Wenn die Nutzer.innen die Datenweitergabe und -auswertung in den Einstellungen nicht unterbinden, sind sie somit „selbst schuld“. Vorgelebte digitale Mündigkeit /Medienkompetenz sieht anders aus.

Was bedeutet dies nun?

Unabhängig von den Nutzungsdaten, die von den großen Konzernen gesammelt, ausgewertet und ggf. verkauft werden: Stellen Sie sich folgende Situation so vor: Ihr Kind schreibt einen Aufsatz zu einem kritischen politischen Thema. Vielleicht versteht Ihr Kind die politische Thematik noch nicht einmal richtig und äußert unreflektierte Gedanken. Mit der Nutzung eben beschriebener Hard- und Software großer IT-Konzerne sind viele Dinge, die Ihr Kind schreibt, nicht nur für die Lehrkräfte und ggf. später die Eltern sichtbar, sondern auch für unbekannte Dritte. Die Inhalte versinken dabei – bildlich gesehen – in einem schwarzen Loch: bei einem milliardenschweren Unternehmen, das sich womöglich das Recht herausnimmt, die Informationen, die Ihr Kind übermittelt hat, mit anderen zu teilen.

Sie wissen nicht, wer diese Informationen erhalten wird und welches Interesse die Käufer dieser Informationen daran haben (ggf. Werbefirmen, Adresshändler, politische Gruppierungen). Sie wissen nicht, ob Ihr Kind nicht später einmal sozial degradiert wird, für einen Aufsatz aus der 7. Klasse über seine politische Ansicht, die zwar damals „normal“ war, aber heute nicht mehr in unser Weltbild passt. Wollen wir den Kindern das Recht, Fehler zu machen, endgültig rauben? Wollen wir, dass alles für immer aufgezeichnet wird? Sind die Kinder bzw. Eltern in Zukunft gezwungen, den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der IT-Unternehmen zuzustimmen, um vollumfänglich am Schulleben teilnehmen zu können? Was ist, wenn die Eltern dem nicht zustimmen oder der Datenverarbeitung für die Zukunft widersprechen?
Schulen brauchen datenschutzfreundliche Alternativen!

„Sind die Kinder bzw. Eltern in Zukunft gezwungen, den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der IT-Unternehmen zuzustimmen, um vollumfänglich am Schulleben teilnehmen zu können?“

Ein internationaler Blick auf Datenschutz an Schulen

Wenn wir Produkte der großen IT-Konzerne in Schulen nutzen, geben wir, möglicherweise notgedrungen, aber auf jeden Fall bereitwillig, Daten über die Schülerinnen und Schüler preis. Das ist Fakt. Man könnte meinen, dass die Daten von Schüler.innen verkauft/verschleudert würden, aber wir wissen ja, dass Schulen dies nicht aus Boshaftigkeit tun – deshalb führen wir den Gedanken an dieser Stelle nicht weiter. Mangelnde Kompetenz der Lehrkräfte und Entscheidungsträger.innen spielt hier aber eine entscheidende Rolle.

Wir haben in Deutschland und der EU sehr gute Datenschutzstandards – vor allem im Vergleich dazu, was in den USA oder in China an Schulen betrieben wird. Zwei Beispiele sollen verdeutlichen, wie leichtsinnig anderswo mit Daten von Schülerinnen und Schülern umgegangen wird, sodass teilweise sogar von Datenmissbrauch gesprochen werden kann. Zu diesem Punkt dürfen wir in unserem Bildungssystem niemals kommen!

„Wir haben in Deutschland und der EU sehr gute Datenschutzstandards – vor allem im Vergleich dazu, was in den USA oder in China an Schulen betrieben wird.“

Beispiel: USA

Dort wird das Programm „Gaggle“ an Schulen eingesetzt, das als Plug-in auf den Geräten der Schülerinnen und Schüler installiert werden kann. Die Installation erfolgt sowohl in „G-Suite“ als auch in „Microsoft 365“ auf schuleigenen Geräten – derzeit sind rund fünf Millionen Geräte betroffen. Im Gegensatz zu G-Suite oder Office 365 macht sich Gaggle nicht einmal die Mühe, so zu tun, als wäre es ein Bildungsprogramm. Es ermöglicht die lückenlose Echtzeitüberwachung der schulischen und privaten Kommunikation. Wieso? Angeblich als „proaktiven Ansatz zur Suizidprävention“, denn das Programm scannt Wörter, die auf Mobbing oder Suizid deuten könnten. Sollte einer der Algortihmen errechnen, dass Ihr Kind im Begriff ist, solch eine (selbst)schädigende Handlung zu vollziehen, geht sofort eine Meldung an die Schule und die Polizei. Besonders kritisch: Diese Überwachung greift nicht nur in die schulische Laufbahn des Kindes ein, sondern auch in die private. Wenn Schülerinnen und Schüler die schulischen Mailadressen auch nutzen, um sich privat in Sozialen Netzwerken anzumelden, dann werden auch diese Postings gescannt. Wer nun gedacht hat, dass nur „verräterische Dinge“ Alarmwörter sind, der irrt: Auch Wörter wie „queer“ (homosexuell), „lesbian“ (Lesbe), „damn“ (verdammt), „gay“ (schwul), „knife“ (Messer), „drunk“ (betrunken), „f*ck“, „sex“ und weitere Wörter aus Textpassagen jedes zweiten Popsongs sind Teil des sogenannten „Gefahrenrating“.

Beispiel: China

In China werden zum Teil auch GPS-Tracker in die Schulkleidung genäht, Kameras mit Gesichtserkennung in Klassenräumen platziert und Gehirnströme während des Unterrichts gemessen, um die Konzentration der Schüler.innen zu messen. Zu „Bildungszwecken“. Solange ein Forschungsvorhaben dahinter steckt, werden diese Maßnahmen als notwendig geduldet. Die gesammelten Daten fließen mit in das Social-Credit-System, das über den sozialen Status der Bürgerinnen und Bürger entscheidet. China bildet damit natürlich ein Extrembeispiel.

Das deutsche Bildungssystem entwickelt sich nur langsam

Ein internationaler Vergleich (ICILS-Studie 2018) zeigt, wo Deutschland im Bereich der Digitalisierung steht: In der Studie werden computer- und kommunikationsbezogene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern (8. Klasse) aus zwölf Ländern verglichen, aber auch schulische Lern- und Lehrbedingungen sowie schulische Prozesse im Bereich der Digitalisierung.

Zentrale Ergebnisse aus der EU:

  • IT-Ausstattung: Das Verhältnis von Schüler.innen zu digitalen Geräten beträgt 9,7 zu 1. Das heißt: Für etwa 10 Kinder steht nur ein Gerät im Unterricht zur Verfügung. Im Jahr 2013 lag dieses Verhältnis bei 11,5 zu 1. Man könnte meinen, dass es hier einen Fortschritt gegeben hat, doch wenn wir uns die Zahlen anderer europäischer Länder anschauen, sehen wir, wie weit ein wirklicher Fortschritt entfernt ist. Finnland liegt an der Spitze mit 3,4 zu 1, gefolgt von Luxemburg (4,5 : 1) und Dänemark (4,6 : 1).
  • Schulisches WLAN: Nur ein Viertel (26,2 %) der Schulen bietet sowohl den Lehrkräften als auch den Schüler.innen einen Zugang zum schulinternen WLAN. Der internationale Mittelwert in der EU liegt bei 67,6 %, Vorreiter ist Dänemark.
  • Verfügbarkeit von Lernmanagment-Systemen: In Deutschland verfügen 44,8 % der Schulen über ein Lernmanagement-System, das für die Schüler.innen und Lehrkräfte zugänglich ist. Fast die Hälfte. Klingt gut. Doch der Mittelwert in der EU liegt bei 65,9 %. (Womöglich durch den Ausriss nach oben: Finnland mit 96,6 %.)

Diese Aspekte bilden nur einen kleinen Teil der Faktoren ab, die zur Digitalisierung von Schulen gehören. Dennoch lässt sich erkennen: Andere Länder sind weiter fortgeschritten. Was machen sie anders?

Was macht Skandinavien – vor allem Finnland – anders?

Finnland ist sowohl bei PISA-Ergebnissen als auch bei Digitalisierungsprozessen des Bildungswesens ganz vorne dabei. Es gibt viele Aspekte, die in nordeuropäischen Bildungssystemen anders laufen als bei uns. Allein die bürokratischen Hürden, die wir in der Bildungspolitik zwischen Bund und Ländern haben und die vielen inhaltlichen Unterschiede zwischen den Ländern, gibt es in Finnland nicht, denn dort gibt die Regierung zumindest einen zentralen Rahmenplan vor. Auch die strikte Trennung einzelner Unterrichtsfächer entwickelt sich allmählich zu fächerübergreifendem Unterricht. Finnland setzt außerdem auf integrativen Unterricht und trennt die leistungsstarken Kinder erst viel später aus dem Klassenverband. Ein wesentlicher Faktor ist aber auch: Finnland setzt sehr viel auf quelloffene Hard- und Software, egal ob im Messenger-Bereich, in Unternehmen oder Behörden – und eben auch im Bildungswesen. Sich nicht zu sehr von Großkonzernen abhängig zu machen, z.B. keine Lizenzen kaufen zu müssen, zahlt sich merkbar aus und somit bleiben finanzielle Ressourcen übrig. Diese können dann für die Entwicklung bedürfnisorientierter Software, oder für andere sinnvolle Dinge ausgegeben werden, z.B. grundsätzlich kostenloses Unterrichsmaterial und Schulbücher.

Fazit

Sie haben beim Lesen sicherlich das ein oder andere Programm wiedererkannt. Nutzt Ihr Kind diese Soft- oder Hardware in der Schule? Dann werden Sie laut! Machen Sie die Schule darauf aufmerksam, dass es andere Möglichkeiten gibt. Erklären Sie den Lehrkräften und der Schulleitung die Nachteile proprietärer (geschlossener) Software.

Früher konnten wir den Wecker einfach auseinanderbauen, um festzustellen, wie er funktioniert. Diese auf Neugier und Entdeckergeist basierende Art des Lernens ist mit digitaler Technik kaum mehr zu gewährleisten – außer wir lernen endlich freie Software zu nutzen und zu schätzen. Freie Software ist quelloffen und ermöglicht damit einen „Blick unter die Motorhaube“. Die Werkzeuge, die eingesetzt werden, können dann beispielsweise im Informatikunterricht genauer unter die Lupe genommen werden. Wenn Kinder z.B. schon früh lernen, mit Windows und Office-Programmen umzugehen, besteht kaum Interesse an freien Alternativen wie Linux und Libre Office. Gewohnheiten lassen sich nur schwer wegtrainieren, und so auch die Nutzung proprietärer Software. Dies ist besonders kritisch, wenn die Software sehr sensible Nutzungsdaten auswertet.

Wer es sich nicht selbst ausrechnen kann, sieht spätestens am Beispiel von Finnland, dass die Nutzung von quelloffener Software auch finanzielle Vorteile bringt. Ein Umdenken erfordert aber immer Eigeninitiative.

Wir müssen verhindern, dass ein Apple-, Google- oder Microsoft-Konto zukünftig für jede.n Schüler.in zur Pflicht wird! Wir müssen umdenken!

Im nächsten und letzten Artikel, geben wir Ihnen stichhaltige Argumente FÜR freie Software und konkrete Softwarelösungen an die Hand.

Weitere Lesetipps

Datum: 27.03.2020
Autorinnen: Jessica Wawrzyniak & Kate

Jessica Wawrzyniak

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Jessi verstärkt das Digitalcourage-Team seit Anfang 2016 als studierte Medienpädagogin. Sie ist Autorin des Buchs „#Kids #digital #genial - Das Lexikon von App bis .zip“ und leitet unsere AG Pädagogik. Sie arbeitet unermüdlich daran Kindern und Jugendlichen einen mündigen Umgang mit Technik und Medien zu ermöglichen und ist als Fachreferentin in Einrichtungen aller Art gefragt..

E-Mail: jessica.wawrzyniak

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Veröffentlicht am 24.03.2020

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