Der DigitalPakt Schule

Artikelreihe: Datenschutz im Bildungswesen

Dieser Artikel bildet den Startschuss einer vierteiligen Reihe. Die fortschreitende Digitalisierung an Schulen wirft immer mehr Fragen darüber auf, welche Weichen nun gestellt werden sollen und welche Datenschutzaspekte die Digitalisierung aufwirft.

Im ersten Teil starten wir mit einem Blick auf den DigitalPakt Schule. Wir schauen uns an, welche Aspekte bei der Nutzung der staatlichen Gelder zu beachten sind, welche Herausforderungen entstehen und vor allem, welche Möglichkeiten große IT-Unternehmen mit ihren Software-Produkten nun für ihren Einzug an Schulen wittern.

In diesem Artikel:

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Regnet es nun Tablets an Schulen?

Die Probleme an den Schulen häufen sich seit Jahren: altmodische Kreidetafeln, langsame Computer, Lehrkräfte mit mangelnder Medienkompetenz und am schlimmsten in der heutigen Zeit: schlechtes WLAN! Doch nun erscheint, so auf den ersten Blick erkennbar, Hoffnung am Horizont: Der DigitalPakt („DigitalPakt Schule“) soll die Digitalisierung in Schulen mit fünf Milliarden Euro bis zum Jahr 2024 fördern. Der Eigenanteil der Länder beträgt 555 Millionen Euro. So will es die Bundesregierung, die für den Pakt vorher noch schnell Artikel 104c des Grundgesetzes ändern ließ, um eine bildungspolitische Kooperation zwischen Bund und Ländern eingehen zu dürfen.

Es sollen nicht nur Laptops oder Tablets an den Schulen angeschafft werden, deshalb gibt es eine finanzielle Obergrenze für die Anschaffung mobiler Endgeräte. Digitale Werkzeuge spielen eine große Rolle, doch in erster Linie sollen Schulen angeregt werden, „vernünftige“ strukturelle und inhaltliche Konzepte zu entwickeln. Damit sollen verschiedene digitale Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler verbessert werden – zum Beispiel, dass Kinder und Jugendliche die Algorithmen und Geschäftsmodelle hinter den Angeboten verstehen können, die sie täglich nutzen. Dies soll die Vorbereitung auf die fortschreitende Digitalisierung in der Arbeitswelt fördern.

Der Medienentwicklungsplan (MEP)

Um Fördermittel aus dem „DigitalPakt Schule“ zu beantragen, müssen Schulen einen Medienentwicklungsplan (MEP) aufstellen. Der DigitalPakt folgt dem Motto „Keine Ausstattung ohne Konzept“, daher ist ein guter Medienentwicklungsplan mit einem technisch-pädagogischen Konzept das „A und O“. Das Kultusministerium NRW hat bereits Anforderungen an einen Medienentwicklungsplan veröffentlicht. Eine bestimmte formelle Umsetzung gibt es hierbei aber nicht. Zwischen den Bundesländern (und auch auf kommunaler Ebene) gibt es Unterschiede bei der Umsetzung derartiger Pläne, die aber weitgehend auf das gleiche Ziel hinauslaufen.

Wir empfehlen, Datenschutzaspekte vorne an zu stellen! Des Weiteren müssen einige wichtige Punkte geklärt werden, die maßgeblich dafür sind, dass der Plan funktioniert. Wunschvorstellungen sind erlaubt, doch am Ende muss eine realistische Einschätzung der Lage getroffen werden, ohne die Ressourcen von Lehrkräften und Schulen zu überschätzen.

  • Wie fit sind die Kolleg.innen? Zuerst sollte der Stand des IT-Verständnisses im Kollegium geklärt werden. Die Digitalisierung der Schule sowie die inhatliche Vermittlung von Medienkompetenz als Teil des Medienentwicklungsplans bringen wenig, wenn die Lehrerinnen und Lehrer „ins eiskalte Wasser geworfen werden“. Ein Beispiel: Eine Empfehlung für Tablet-Unterricht ist ohne Fachwissen schnell ausgesprochen, wenn im Kollegium private Tablet-Nutzer.innen dabei sind. Aber das Wissen darüber, wohin die Daten fließen, welche Werte den Kindern mit der Nutzung des Geräts vermittelt werden, wie es im Unterricht didaktisch eingesetzt werden kann und wie intensiv die Wartung und die Personalkosten sind, fehlt häufig. Es ist wichtig, dass nicht nur der Gebrauch von IT vermittelt wird („Wo muss ich klicken?“), sondern auch ein kritischer Blick in die Funktionsweisen („Was passiert dann?“) von Anwendungen.
  • Externe IT-Infrastruktur: An dieser Stelle zeigt sich, wer sich überhaupt mit der IT-Infrastruktur auskennt und Einschätzungen sowie weiteren Input darüber geben kann. Breitbandanschluss/Glasfaser, strukturierte Verkabelung des Schulgebäudes und störungsfreier Betrieb und Support der Grundstruktur sind Leistungen, die nicht über den DigitalPakt finanziert werden können. Erst nach einer grundlegenden Bestandsaufnahme wird absehbar, wie die Schule weiter vorgehen kann.
  • Interne IT-Infrastruktur:Was ist der aktuelle Zustand der Schul-IT? Welche Rechner gibt es? Wie ist das WLAN? Gibt es bereits Office-Lösungen? Sind schon Lernmanagement-Software-Lösungen vorhanden? Wird freie Software genutzt? Und auf welchem Stand ist diese? Ist sie datenschutzfreundlich? Eine sichere Infrastruktur ist in einer Schule unabdingbar. Da die meisten Schulen von weit mehr als 250 Schülerinnen besucht werden, kann man sich hier ausmalen, dass eine Lehrkraft nicht in der Lage sein wird, diesen Vollzeitjob zusätzlich (!) zu erledigen – weder aus zeitlichen noch aus fachlichen Gründen. Bei dieser Größe kann man schon fast Ansprüche wie an ein mittelständisches Unternehmen stellen – und diese haben in der Regel Admin-Teams, die sich in Vollzeit um die Infrastruktur kümmern.
  • Personelle Ressourcen: Wie ist das IT-Verständnis der Mitarbeiter.innen? Wie qualifiziert sind sie? Wie und wo können sie eingesetzt werden? Müssen die Kompetenzen der Lehrkräfte im Rahmen weiterer Schulungen unterstützt werden? Wie sehen die zeitlichen Möglichkeiten der Mitarbeiter.innen aus? Werden ggf. noch mehr externe Dienstleister benötigt, die bei der Umsetzung des Medienplans helfen (können)? Gibt es regionale Unterstützer.innen (z.B. Vereine) für konkrete Anliegen der Schule?
  • Finanzplanung: Was kostet neue Hardware/Software? Welche Mittel hat die Schule? Daran anknüpfend: Wie steht es um den Wartungsaufwand und Kosten für Lizenzierungen? Welche fortlaufende Kosten gibt es, unter Berücksichtigung, dass der DigitalPakt keine unendlichen Finanzmittel bereitstellt? Welche finanziellen Mittel stehen für die Fortbildung der Lehrkräfte zur Verfügung?

Wer keine Möglichkeiten sieht, digitale Medien anzuschaffen und diese auch ordentlich warten zu können oder nur löchrige pädagogische Konzepte zur Verfügung hat, sollte daran denken, dass „digital“ nicht automatisch „besser“ bedeutet, und bei bewährten analogen Konzepten bleiben.

„Wer keine Möglichkeiten sieht, digitale Medien anzuschaffen und diese auch ordentlich warten zu können oder nur löchrige pädagogische Konzepte zur Verfügung hat, sollte daran denken, dass „digital“ nicht automatisch „besser“ bedeutet, und bei bewährten analogen Konzepten bleiben.“

„Vielen Schulen ist nicht einmal bewusst, dass es nachhaltigere, günstigere und benutzerfreundlichere Alternativen zu Apple, Microsoft & Co. gibt [...].“

Gute Software vs. schlechte Software

Die Vereinbarung, die alle Länder im Rahmen des DigitalPakts unterschrieben haben, ist lang. Ein wichtiger Aspekt: Es sollen im Rahmen „länderübergreifender Investitionsmaßnahmen“ Infrastrukturen entwickelt werden, die (unter Berücksichtigung bestehender Systeme) einen gemeinsamen Vermittlungsdienst anstreben. Gemeinsame Server- und Dienstlösungen sind erwünscht und vor allem sollen (prioritär!) Open-Source-Angebote dafür genutzt werden (Verwaltungsvereinbarung DigitalPakt Schule 2019 bis 2024, Anlage 1, §3 Absatz 3.)

Dass der Grundgedanke nicht überall verstanden wurde, zeigt ein aktuelles Beispiel des Kultusministeriums Baden-Württemberg. Wenige Monate nach Unterzeichnung des DigitalPakts ließ das Ministerium ein Lernmanagement-System (LMS) ausschreiben, das auf dem Microsoft-Produkt „Azure Active Directory“ aufbauen soll. Nach scharfer Kritik wurde die Formulierung „oder ein vergleichbarer Dienst“ ergänzt, doch die Humanistische Union Baden-Württemberg kritisiert in ihrer Pressemitteilung vom 3. Februar 2020 zu Recht, dass aktiv Software ausgeschrieben werden sollte, die quelloffen ist und nicht von Microsoft abhängt.

Vielen Schulen ist nicht einmal bewusst, dass es nachhaltigere, günstigere und benutzerfreundlichere Alternativen zu Apple, Microsoft & Co. gibt, die den Schüler.innen mehr bringen als schöne Icons und vorgefertigte Baukastensysteme, die die großen Player auf dem Markt vorgeben. (Übrigens, die „ganz großen“ sind: Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft – „GAFAM“ oder „Big 5“ genannt.) Und das Problem ist an der Stelle noch tiefgehender: Von wem sollen diese Lehrkräfte geschult werden? Von den Weiterbildungsinstitutionen, die ebenfalls auf diese Unternehmen setzen und selbst nicht mehr können als bunte Kacheln anzuklicken? Werden sie mit WhatsApp-Hausaufgabengruppen zu der Erkenntnis kommen, dass es gefährlich ist, private Daten durch das Netz zu jagen? Wohl kaum.

Unterm Strich lässt sich festhalten: Datenschutzfreundliche, technische Innovationen, die nicht auf den „Big 5“ beruhen, können nur dann stattfinden, wenn Kinder – unsere Zukunft – die Technik richtig verstehen und wenn es nicht für alles eine vorgefertigte App gibt.

Großkonzerne wittern ihre Chance

Wir vermuten heute, dass ein Kind, das heute nicht programmieren lernt, vielleicht in Zukunft ähnlich dastehen wird wie ein Analphabet heute. Im Bildungswesen, sollte allmählich gesehen werden, dass Digitalisierung kein Zustand ist, an den wir Menschen uns anzupassen haben, sondern ein Produkt der Gesellschaft, das von uns selbst gestaltet wird – inhaltlich und technisch. Auf Fertiglösungen zu setzen und auf iPad- oder Surface-Unterricht (von Apple oder Microsoft) kann nicht die Lösung sein. Die Situation ist vergleichbar mit der eines Bauern, der zukünftigen Bauern beibringt, wie man Produkte im Supermarkt einkauft und weiterverkauft, statt ihnen das Säen und Ernten beizubringen. Die Produkte sind schließlich bereits da, also wieso soll man sich die Mühe machen, ein Handwerk weiterzugeben, wenn die Lebensmittelindustrie sowieso ständig eigene Spielregeln vorgibt, die den Bauern das Leben schwer machen?

Die Situation ist vergleichbar mit der eines Bauern, der zukünftigen Bauern beibringt, wie man Produkte im Supermarkt einkauft und weiterverkauft, statt ihnen das Säen und Ernten beizubringen.

Sie werden lachen, aber genauso läuft es derzeit ab. Auf die schulische Bildung wird sehr viel Einfluss genommen von Großkonzernen, die aus Geldgier ihr Handwerk nicht uneingeschränkt an die nächste Generation weiter geben. Die Entwicklerinnen und Entwickler großer Tech-Konzerne bleiben weitgehend anonym und erscheinen weit weg, denn sie verraten ihre Algorithmen („Erfolgsrezepte“) nicht.

Unternehmen wie Google betreiben akribische „Landschaftspflege“, um in allen Lebensbereichen unverzichtbar zu werden – auch im Bildungswesen. Firmen haben ein Eigeninteresse, Kinder früh an ihre Produkte heranzuführen. Ist ein Produkt bereits in der Schule im Einsatz, wird dieses mit großer Wahrscheinlichkeit auch zuhause verwendet. Außerdem wird das Produkt von den Nutzer.innen später nicht mehr kritisch hinterfragt, da es von der Schule bereits für „gut“ befunden wurde.

Wer sich einmal auf die Produkte einer Firma eingestellt hat (natürlich sind diese im Komplettpaket günstig und verlockend), kommt davon nicht so schnell wieder weg – das nennt sich „Lock-in“-Effekt (vom englischen „lock in“ = einsperren). Die Wechselkosten, um auf andere Systeme umzusteigen, sind viel zu hoch für Schulen und verbrauchen dabei auch noch zeitliche und personelle Ressourcen. Das wissen die Konzerne!

Wenn Microsoft, Apple oder andere Technologieunternehmen Einfluss auf den Unterricht nehmen und die Schülerinnen und Schüler früh an ihre Produkte gewöhnen, dann könnte die Schule auch bald von Coca Cola gesponsert werden. Oder wie Fabian Kaske von LobbyControl es so schön formulierte:

„Für uns klingt das bedrohlich: Wenn Internetfirmen Schulen mit Computern und ihrer Software ausstatten dürfen, sollen dann in Zukunft auch Fastfood-Ketten Besteck und Lebensmittel für den Ernährungsunterricht beisteuern oder Bankenverbände Gratismaterialien für das Fach Wirtschaft liefern dürfen, um damit eine Themensetzung innerhalb des Unterrichts zu erreichen, die der Lehrplan nicht vorsieht?“

Auf das Gedankenspiel lassen wir uns gerne ein:

  • Hauswirtschaft wird Ihren Kindern gesponsert von McDonalds, damit sie gesundes Essen kennenlernen.
  • Informatik wird gesponsert von Google, damit Ihre Kinder eigenständig Lösungen entwickeln können.
  • Mathematik wird gesponsert von Facebook, damit sie mit Algorithmen errechnen lernen, wer die wahren Freunde sind.
  • Wirtschaft wird gesponsert von Amazon, damit Ihre Kinder lernen, wie Marktwirtschaft funktioniert.
  • Sport wird gesponsert von Red Bull. Alle brauchen Energydrinks.

Sponsoring und Werbung sind nicht ohne Grund an Schulen streng reglementiert. Das sollte ebenso für die IT gelten.

Fazit

Ein wichtiger Faktor ist, viele Lehrer mit ins Boot zu holen und das Wissen, um die Ressourcen/Bestände sowie die Netzwerkausrichtung etc. schriftlich festzuhalten (z. B. in einem Dokumentenmanagementsystem/Wiki, für die es kostenlose, quelloffene Alternativen gibt). Damit wird gewähleistet, dass sich das Wissen darüber, auf verschiedene Köpfe verteilt und keine Wissenshoheit bei einzelnen Kolleginnen liegt. Es ist auf Nachhaltigkeit der Systeme und Datenschutz bezüglich der Schüler.innendaten zu achten. Es bringt nichts, Konzepte für digitale Bildung auf Biegen und Brechen zu erstellen, wenn es im nächsten Schritt an der Umsetzung scheitert. Entscheidungen, z.B. über Hard- und Softwareanschaffungen, sollten wohl überlegt sein. Die Wichtigkeit von Fortbildungen sollte nicht unterschätzt werden.

Lassen Sie sich nicht von global Playern für dumm verkaufen! Es kann nicht die Lösung sein, die Privatsphäre der Kinder aufs Spiel zu setzen, indem die falsche Software genutzt wird! Es kann nicht die Lösung sein, Kinder im Interesse von Unternehmen zu steuern und zu erziehen! Auf diese Weise werden Kinder nicht zu datenschutzbewussten Erwachsenen erzogen, sondern zu Konsumenten, die sich von globalen IT-Unternehmen abhängig machen. Die Implementierung quelloffener Software ist mit Aufwand verbunden, doch es lohnt sich!

Weitere Lesetipps

Datum: 20.03.2020
Autorinnen: Jessica Wawrzyniak & Kate

Jessica Wawrzyniak

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Jessi verstärkt das Digitalcourage-Team seit Anfang 2016 als studierte Medienpädagogin. Sie ist Autorin des Buchs „#Kids #digital #genial - Das Lexikon von App bis .zip“ und leitet unsere AG Pädagogik. Sie arbeitet unermüdlich daran Kindern und Jugendlichen einen mündigen Umgang mit Technik und Medien zu ermöglichen und ist als Fachreferentin in Einrichtungen aller Art gefragt..

E-Mail: jessica.wawrzyniak

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Veröffentlicht am 18.03.2020

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