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Der Bund stellt Gelder zur Verfügung, um Schulen technisch besser auszustatten („DigitalPakt“). Doch bessere Technik schafft noch längst keine medienkompetenten Kinder. Wir klären über diesen Trugschluss auf und geben Tipps, wie die Medienkompetenz an Schulen gefördert werden kann.

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Datum: 22.08.2019
Text: Jessica Wawrzyniak

Wieso es wichtig ist, dass Kinder mit und über Medien lernen

Cybermobbing, Hate Speech und Fake News. Betrugsmaschen durch Phishing, Gewinnspiele und versteckte Kauseln in allgemeinen Geschäftsbedingungen. Viren, zuhörende Mikrophone und ausspähende Kameras. Pornographie, Pädophilie und Stalking. Kaufimpulse durch Werbung, In-App-Käufe und Influencer...

Die Liste mit potentiellen Gefahren lässt sich beinahe endlos weiterführen. Eltern haben ein ungutes Gefühl dabei, ihre Kinder in dieser „düsteren Medienwelt“ großzuziehen.
Aber: Mit Aufklärung und entsprechendem Know-How, besteht kein Grund zur Sorge. Durch digitale Bildung lassen sich potenzielle Gefahren eindämmen und die Vorteile von Medien, Technik und Digitalisierung kreativ nutzen.

Entscheidend ist, dass Kinder und Jugendliche ein grundsätzliches Bewusstsein für den Umgang mit persönliche Daten entwickeln müssen. Sie müssen verstehen, wie Medien funktionieren und wieso Daten gesammelt, ausgewertet, manipuliert, verkauft und missbraucht werden, um den monetären Wert von Daten und den ethischen Wert von Privatsphäre zu erkennen. So lernen junge Menschen ihr Medienhandeln kritisch zu reflektieren. Kinder sind in Bezug auf die Nutzung oft Profis an ihren Geräten, doch wenn es um Datenschutz geht, brauchen sie Hilfe von Erwachsenen – die wiederum weit entfernt sind von der jugendlichen Lebenswelt. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Wer ist für die Vermittlung von Medienkompetenz verantwortlich

Die Verantwortung wird oft zwischen Schulen und Eltern hin- und hergeschoben, was zu diffusem Verantwortungsgefühl, Unmut und fehlender Motivation führt, vor allem weil das Thema so groß und wichtig ist, dass sich niemand um die Verantwortung reißt.
Im Endeffekt nimmt die Diskussion darüber mehr Platz ein als das tatsächliche Handeln. Die Verantwortlichkeit ist aber klar: Eltern und Lehrkräfte müssen Hand in Hand arbeiten, um dem Kind zur Eigenverantwortlichkeit – digitaler Mündigkeit  – zu verhelfen.

  • Die Verantwortung der Eltern: Wie Eltern die medienpädagogische Erziehung ihrer Kinder handhaben, ist von vielen Einflüssen abhängig und sehr individuell. Jede Familie hat in Bezug auf Wissen, technische Möglichkeiten und Freizeitgestaltung unterschiedliche Ressourcen. Der gemeinsame Nenner bei allen Erziehungsberechtigten sollte sein, ein gutes Vorbild zu sein und nach bestem Wissen und Gewissen über „Medienthemen“ aufzuklären.
  • Die Verantwortung der Schulen: Wegen der Schulpflicht und der vielen Stunden, die Kinder dort verbringen, ist die Schule eine wichtige Konstante, um Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg zu verantwortungsvollem Medienhandeln zu begleiten und ihnen grundlegendes Wissen zu vermitteln. In der Schule sollte Raum für das Thema geschaffen werden, besonders um die Kinder aufzufangen, die diesbezüglich Zuhause wenig oder keine Unterstützung erfahren.
  • Die Verantwortung von Kindern: Letzendlich sollen Kinder in der Lage sein selbst Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Wissen über Grundrechte, Digitalisierung, Privatsphäre, Datenschutz und ein verantwortungsvolles Miteinander sind Teil von Medienkompetenz – oder noch treffender: Die Grundsteine auf dem Weg zu digitaler Mündigkeit.

Das Problem mit Medienkonzepten

Schulbildung ist Ländersache. Schulen sind angehalten Medienkonzepte selbst zu erarbeiten und zu befolgen, wenn es keine expliziten Empfehlungen vom Land gibt. Diese Konzepte bestimmen über die technische Austattung der Schulen, sowie inhaltliche Aspekte, die gelehrt werden sollen. Doch um Schulen technisch besser auszustatten und die Geräte langfristig zu warten, fehlen festangestellte Administrator.innen und IT-Techniker. Und wo Daten verarbeitet werden, braucht es zudem noch Datenschutzberauftragte. Mittlerweile können Schulen staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen, um Geräte anzuschaffen, Internetleitungen auszubauen und Administrator.innen zu beschäftigen („DigitalPakt“), doch die technische Digitalisierung schafft noch keine digital mündigen Schülerinnen und Schüler. Lehre mit Medien und Lehre über Medien werden häufig nicht klar voneinander getrennt. Es macht sich bundesweit ein Trugschluss breit: Die Digitalisierung von Schulen wäre ein erster Schritt zur Lehre von Medienkompetenz. Um den inhaltichen Aspekten der Medienkonzepte zu folgen und gesellschaftlich relevante Medienthemen zu lehren, fehlen den Schulen häufig sowohl Kapazitäten in den Lehrplänen als auch Fachwissen der Lehrkräfte.

  • Weitere Informationen zu Finanzierungshilfen durch den DigitalPakt finden Sie hier.
  • Eine Übersicht zur Entwicklung von Medienkonzepten finden Sie hier.
  • Hilfestellungen zur Wahl der „richtigen“ Soft- und Hardware in der Schule bekommen Sie hier. (Spoiler: Windows, Apple und Android sind es nicht!)

Medienfach – ja oder nein?

Die meisten Schulen haben kein eigenes Fach für Medienlehre oder ähnlich lautende Schulfächer. Der Informatikunterricht deckt – wenn vorhanden – nur wenige Aspekte ab, meist technische Anwendungsbereiche oder einfaches Programmieren. Diese Inhalte sind nützlich und wichtig, doch gesellschaftliches und politisches Hintergrundwissen zur Mediennutzung wird im Informatikunterricht nur selten oder unzureichend vermittelt. Informatiklehrer.innen wären in vielen Fällen fachlich in der Lage den Unterricht entsprechend auszubauen, doch die geringe Wochenstundenanzahl des Schulfachs lässt eine tiefgehende Bearbeitung der Themen häufig nicht zu. Die flächendeckende Einführung eines entsprechendes Schulfachs ist sehr umstritten. Viele Expert.innen plädieren für ein eigenes Fach, andere sehen Medienbildung als Querschnittsaufgabe.

  • Ob in Ihrem Bundesland ein entsprechendes Unterrichtsfach geplant ist, können Sie hier auf den entsprechenden Seiten der Bildungsserver nachlesen.

Zu wenig qualifizierte Lehrkräfte an Schulen

Egal ob ein zusätzliches Fach in die Lehrpläne aufgenommen wird, oder ob die Themen in unterschiedliche Unterrichtsfächer integriert werden – Wir brauchen qualifizierte Fachkräfte! Medienpädagogik wird in der Lehrer.innen-Ausbildung bislang unzureichend gelehrt und Medienpädagog.innen können nicht als Lehrkräfte eingesetzt werden, wenn sie keine Lehramtsausbildung abgeschlossen haben. Das führt dazu, dass die Vermittlung von Medienkompetenz häufig Schulsozialarbeiter.innen zugeschoben wird, die teilweise in springender Funktion für ganze Landkreise im Einsatz sind. Hier sind massive Veränderungen im Lehramtsstudium nötig!

Hinzunahme von externen Expert.innen

Viele Schulen laden externe Expert.innen ein, da sie diese Unterstützung selbst nicht leisten können. Diese Vorgehensweise ist zwar lobenswert, aber nicht nachhaltig. Vortäge und Kurzprojekte sind zwar besser als die Schülerinnen und Schüler gar nicht über Medienthemen zu informieren, doch der Lernprozess verfestigt sich durch Wiederholungen. Oft sind aus finanziellen und zeitlichen Gründen keine wiederholenden Workshops vorgesehen.

Schulbildung ist Ländersache

Wie die Vermittlung von Medienkompetenz in Ihrem Bundesland erfolgt und welche Möglichkeiten es gibt, können Sie hier nachlesen.

Medienpädagogisches Unterrichtsmaterial

Medienpädagog.innen und andere Expert.innen haben längst verstanden, dass Lehrkäfte Unterstützung benötigen. Unterrichtsmaterial gibt es so viel, dass sich allein die Auswahl für Lehrkräfte schwierig gestaltet. Umso mehr freuen sie sich, wenn sie fertige Lehrkonzepte vorgesetzt bekommen, die von verschiedenen Insitutionen und Unternehmen zur Verfügung gestellt werden. Dabei handelt es sich oft um Unternehmen wie Google, Microsoft oder andere namenhafte IT-Firmen, die zwar inhaltiche Hilfestellungen bieten, aber zugleich Werbung für die eigene Hardware und Software machen. Die großen Konzerne haben verstanden, dass sich an dieser Stelle Geld verdienen lässt. Von diesen Gesamtkonzepten ist allerdings dringend abzuraten, da sie häufig nicht genügend Maßnahmen in Bezug auf den Datenschutz treffen und in erster Linie wirtschaftliche Interessen verfolgen.

Ausnahmen bestätigen die Regel – Best Practice Beispiele

Einige Schulen haben bereits Wege gefunden, wie sie sich den medialen Herausforderungen stellen können. Ein paar Beispiele von „Medienprojekten“, die an Schulen durchgeführt werden:

Angebote mit Teilnahme von externen Expert.innen:

Angebote ohne vorgesehene Teilnahme von Expert.innen:

  • Medienführerschein Bayern (Stiftung Medienpädagogik Bayern)
    • abgestimmt auf bayerische Bildungs- und Lehrpläne
    • Printmaterial nur in Bayern erhältlich
    • PDFs stehen für alle zum Download zur Verfügung
    • ausführliches Unterrichtsmaterial
    Medienpass NRW (Medienberatung NRW)
    • abgestimmt auf Medienkompetenzrahmen NRW
    • PDFs stehen für alle zum Download zur Verfügung
    • ausführliches Unterrichtsmaterial

(Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit)

Wie wir uns von Google, Microsoft, Facebook & Co. frei machen können, erklärt unsere „Digitale Selbstverteidigung

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Veröffentlicht am 22.08.2019

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