Digitalcourage, CC-BY-SA 2.0 Digitalcourage, CC-BY-SA 2.0

Digitalcourage, CC BY SA 2.0

„Aus hygienischen Gründen wird diese Toilette videoüberwacht“

Diesen Spruch als Aufkleber nutzen wir und andere Aktivist.innen seit Jahren, um mit Witz zu illustrieren, warum die Privatsphäre wichtig ist. Doch mittlerweile ist das gar nicht mehr so witzig. 

Überwachung auf Schultoiletten? Kein Witz mehr.

Aktuell steht eine Schule in England in der Kritik, weil sie Kameras in den Toiletten angebracht hat. Und das ist nicht der erste Fall. Die NGO BigBrotherWatch hat bereits vor 5 Jahren angeprangert, dass immer häufiger Überwachungskameras in den Toiletten und Umkleidekabinen britischer Schulen angebracht werden. Der Schulleiter rechtfertigt sich: „Auf den Toiletten hätten manche Schüler nicht die ‘hohen Standards für Verhalten’ an den Tag gelegt, die seine Schule erwarte, berichtet der Spiegel im November 2017.

Überwachungsdruck wird sichtbar

Einige Schüler.innen weigern sich, die Toiletten zu benutzen, seit sie dort überwacht werden. Ein Paradebeispiel für den Chilling-Effect – und eine Aussicht darauf, was droht, wenn wir jetzt mit den Schultern zucken und so weitermachen als wäre alles normal. Das universelle Bedürfnis zu Pinkeln kennt jede.r. Das ebenso universelle Grundbedürfnis danach, nicht ständig beobachtet zu werden, wird dadurch sichtbar, dass es hier so schamlos missachtet wird. 
Auch in Saunen, Bädern und Spas wird zunehmend videoüberwacht, zum Beispiel in der Berliner Sauna Vabali (Tagesspiegel). Katharina Nocun, die deswegen eine Beschwerde bei der Berliner Datenschutzbeauftragten eingereicht hat, stellt fest: „Wenn wir die Grenze für Überwachung nicht an einer Saunaumkleide ziehen, gibt es gar keine Grenzen mehr.“

Datum: 30.11.2017

Text: Kerstin Demuth

Happy Birthday, Digitalcourage

In diesem Jahr feiern wir unser 30-jähriges Bestehen. Zum Geburtstag wünschen wir uns viele neue Mitglieder und Dauerspenden.

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Politische und kommerzielle Überwachung gehen Hand in Hand

Überwachungspolitiker.innen machen es möglich, dass die Übergriffigkeit kommerzieller Überwacher als normal wahrgenommen wird. Maßnahmen wie das sogenannte  „Videoüberwachungsverbesserungsgesetz“ und die Pläne des Innenministeriums, Kameras im öffentlichen Raum mit Gesichtserkennungssoftware auszustatten, sind genau das falsche Signal für eine freiheitliche Gesellschaft. Denn Überwachung hat genau gar nichts mit Sicherheit zu tun.

Das war nicht als Anleitung gemeint

Ein anderer beliebter Spruch von Privatsphäre-Aktivist.innen: „1984 war nicht als Anleitung gemeint.“ Um das klarzustellen: Das mit der Videoüberwachung auf Toiletten auch nicht. Die Reaktionen zeigen aber: Den meisten Menschen ist es nicht egal, wenn ihre Grundrechte mit Füßen getreten werden. Jede Kamera,die in unsere Intimsphäre eindringt, sorgt dafür, dass mehr Menschen sich laut zu Wort melden und sich gegen den steigenden Überwachungsdruck wehren. Und wenn die Aufkleber nicht mehr funktionieren? Dann erfinden wir eben neue. So lange bis alle verstanden haben, dass Demokratie geeignet ist, uns Sicherheit zu geben – Überwachung nicht

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