Wer unsere Arbeit verfolgt, weiß, dass wir schon seit langem ein Problem mit der Datensammelwut von Facebook haben.

Nun ist Facebook in starke Kritik geraten, weil es die umfassenden Rechte, die es sich in seinen unzumutbaren und denkbar schwammig formulierten AGB eingeräumt hat, auch tatsächlich nutzt. Es zeigt sich: Im Zweifel lassen sich damit ganze Wahlen durch gezielte Manipulation beeinflussen. Zum Beispiel in Deutschland und den USA. Und die durch Facebooks Daten mächtig gewordene Firma Cambridge Analytica beeinflusst nach eigenem Bekunden – mag es stimmen oder nicht – Wahlen „in Asien, in Afrika und in Südamerika“.

Damit liefert Facebook das perfekte Beispiel, warum wir immer sagen, dass überwachte Menschen manipulierbar werden. Wenn ich weiß, wer Ihre Freund.innen sind und welche Themen Sie interessieren, weiß ich auch, wie ich Ihnen gekonnt eine Meinung unterschieben kann, ohne dass Sie das mitbekommen. Besonders leicht ist es dann, Zweifel zu säen. Außerdem ist Facebook so angelegt, dass 'witzige' und kontroverse Nachrichten bevorzugt behandelt werden. Das Ergebnis: Sie sehen vor allem Katzenbilder und (Falsch-)Informationen, die viel (empörte oder korrigierende) Reaktionen hervorrufen. Das „Don't feed the trolls“ verkehrt sich in „Trolls feed the media maker“. Wissenschaftlich fundierte Texte oder journalistisch ausgewogene Berichte dagegen haben kaum eine Chance. Als Folge können wir einer Rückentwicklung der Aufklärung zusehen, in der Vernunft und Erkenntnis eine immer geringere Rolle spielt.

Digitalcourage, CC BY SA 2.0

Datum: 09.04.2018,
aktualisiert am 27.08.2018
Text: Leena Simon

Digitalcourage ist jetzt Teil vom Fediverse

Schon 2011 haben wir mit vielen anderen Gruppen gemeinsam Grundregeln formuliert, die eine Social-Media-Plattform unserer Ansicht nach erfüllen muss. Dabei geht es vor allem um Dezentralität und um Wahlfreiheit. Jede.r soll sich die Plattform selbst aussuchen können und daher braucht es „offene Schnittstellen“, die ermöglichen, dass man sich auch erreichen kann, wenn man auf verschiedenen Plattformen unterwegs ist. Dieser Wunsch wird uns nun erfüllt: Mit freier Software wie GNU social oder Mastodon können alle, die es wollen, einen Server im sogenannten „Fediverse“ (kurz für Federated Universe) anbieten. Jede dieser Instanzen ist eigenständig und dennoch mit den anderen verbunden. Daneben gibt es auch die „Federation“, bestehend aus Diaspora und Hubzilla.

Von den Funktionen her ist das Fediverse mehr an Twitter orientiert. Aber das ist ja das schöne an offenen Schnittstellen und Freier Software: Es kann noch ganz viel daraus werden. Man könnte sogar etwas bauen, was genau so schlecht ist wie Facebook. Wir finden es wichtig, unsere Informationen im Fediverse bereitzustellen, damit auch die Menschen sie erhalten können, die die AGB von Facebook oder Twitter inakzeptabel finden. Folgen Sie uns im Fediverse: https://chaos.social/@Digitalcourage

Appell: Polizeigesetze Stoppen!

In mehreren Bundesländern will die Union mit Ihren Koalitionspartner die Polizeigesetze verschärfen. Die Entwürfe enthalten haarsträubende Überwachungsmaßnahmen, Präventivhaft und teils sogar Kriegswaffen für die Polizeie. Wir appellieren an SPD, Grüne und FDP: Hören Sie auf Ihre Bürgerrechtsflügel – stimmen Sie gegen die Verschärfungen!

Hier mitzeichen und unserer Forderung mehr Gewicht verleihen!

The Federation & The Fediverse

Sean Tilley, CC BY SA 2.0

Social Media lebt von Inhalten

Doch ein Soziales Netzwerk ist nur so stark, wie die Menschen, die es mit Inhalten befüttern. Noch muss man leider befürchten, hier die eine oder andere Information zu verpassen. Deshalb liegt es jetzt vor allem an den „Influencern“, im Fediverse einzusteigen. Damit sind nicht nur die „cool guys“ gemeint, sondern insbesondere auch Onlinemedien, Politiker.innen und Organisationen. An diesen liegt es jetzt, das Fediverse für die „kleinen Fische“ attraktiv zu machen.

Deshalb rufen wir vor allem all die jenigen dazu auf, ins Fediverse zu kommen, die mehr als 10.000 Follower bei Facebook oder Twitter haben. Das hilft sogar mehr als eine Kündigung von Facebook.

Das eine tun, ohne das andere zu lassen

Man muss ja nicht gleich Facebook kündigen. Viel wichtiger ist es, die Alternativen zu fördern. Eine Weiterleitung von Twitter lässt sich recht einfach einrichten. So wird das Fediverse automatisch mit allen Informationen befüttert, die Sie bei Twitter einstellen. Zitate, Retweets und Antworten bleiben aber auf die jeweilige Plattform beschränkt. Daher sollten Sie dem Fediverse ausreichend eigene Beachtung schenken.

Facebook – eine Grundsatzentscheidung

Jede Organisation steht vor der Entscheidung: „Wollen wir Facebook nutzen oder nicht?“ Facebook bedeutet eine vermeintlich größere Reichweite, vor allem aber Auslieferung vieler Daten. Wir haben eine Grundsatzentscheidung getroffen, die auch Ihnen helfen kann.

Und ganz besonders die Medien

Sehr kritisch wird gerade in Funk und Fernsehen über Facebook berichtet. Das freut uns natürlich. Allerdings entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn dann ein Facebook-Link eingeblendet wird, mit der Aufforderung, dort auf Facebook weiterzudiskutieren. Liebe Medien! Ihr habt es in der Hand, die Menschen an einen anderen Ort zu schicken. Macht davon Gebrauch! Hört endlich auf, mit viel Gebührenaufwand kostenlose Werbung für Facebook zu machen. Hören Sie auf unseren ehemaligen Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar! (Auch wenn er es auf Twitter gesagt hat ;)

Screenshot: Digitalcourage, CC BY 2.0
Auch die Heute Show macht Werbung für Facebook

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Warum machen die Medien mit?

Das fragt sich auch das ZAPP Medienmagazin in einem sehenswerten Beitrag. Aber auch hier wird nicht erwähnt, dass es v.a. darum geht, keine Werbung mehr für Facebook zu machen und alternative Plattformen mit Inhalten zu versorgen.

Was hätten wir davon, wenn z.B. die Tagesschau nicht mehr auf Facebook und Twitter ist? Nicht viel. Wenn sie aber auch im Fediverse ist und ausschließlich dorthin verlinkt oder verweist, haben wir sehr viel davon.

Alternativen zu Facebook

Fediverse

Fediverse ist eine Wortkreuzung aus „Föderation“ und „Universum“. Es ist ein allgemeiner, informeller Name für eine Föderation (Zusammenschluss) von sozialen Netzwerk-Servern, deren Hauptzweck das Microblogging, das Teilen von kurzen, öffentlichen Nachrichten ist. Durch den Einsatz von Sozialer-Netzwerk-Software, die einen Standardsatz von Protokollen namens OStatus unterstützt, können sich unabhängige Server mit dem Fediverse verbinden, so dass seine Benutzerinnen kurze Nachrichten von anderen Benutzern auf jedem angeschlossenen Server verfolgen und empfangen können. Das Fediverse basiert auf Freier Software. Einige seiner sozialen Netzwerke sind vage twitter-artig in Stil, Aktivitäten und Funktion, einige Plattformen bieten mehr Kommunikations- und Transaktionsmöglichkeiten und sind vergleichbar mit Google+ oder Facebook.

Friendica

Friendica ist ein dezentrales soziales Netzwerk bei dem Privatsphäre groß geschrieben wird. Alle können ihre eigenen Server betreiben und mit Nutzern auf allen anderen Servern interagieren. Du kannst Accounts bei GNU Social, Mastodon, Diaspora, Atom/RSS Feeds, Twitter und vielen mehr folgen und auch deine Beiträge automatisch dort veröffentlichen. [mehr]

Diaspora

Diaspora ist eine freie Software zur Bildung des gleichnamigen sozialen Netzwerks, dessen Pods (dezentrale Knoten) derzeit (stand 7.3.2018) etwa 665.000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer aufweisen. Anders als zentralisierte soziale Netzwerke, wie Facebook oder Google+, ist Diaspora als verteiltes System angelegt. [Quelle]

Hubzilla

Hubzilla ist technisch gesehen ein dezentrales soziales Netzwerk. Diejenigen, die das Netzwerk konzipiert haben, wollten ein Medium schaffen, dessen Architektur, Struktur und Protokoll eine reibungslose, zeitsparende Kommunikation ohne Zensur und Überwachung ermöglicht. Ähnlich wie mit Friendica, ist es mit Hubzilla möglich, Beiträge gleichzeitig im Fediverse, auf Twitter und auf Diaspora zu veröffentlichen – also in so ziemlich jedem sozialen Netzwerk außer Facebook.

GNU Social

GNU Social ist eine Freie Software für soziale Kommunikation, die den OStatus-Standard zur Kommunikation zwischen Mikroblogging-Diensten implementiert. Das Projekt ging 2010 als Ableger aus dem Projekt GNU FM hervor. 2013 wurde StatusNet Teil von GNU Social, nachdem sich beide Projekte bereits eine Weile eine gemeinsame Codebasis geteilt hatten. Auch das Projekt Free Social ging zu diesem Zeitpunkt in GNU Social auf. Der Ansatz der Software ist dezentral und aufgrund der freien Lizenz können Unternehmen und Privatpersonen ihre eigenen Server installieren und diese mit dem weltweiten Netzwerk verbinden oder auch lokal betreiben. [Quelle]

Mastodon

Mastodon ist ein verteilter Mikrobloggingdienst, der seit 2016 von Eugen Rochko entwickelt wird; einem deutschen Programmierer aus Jena. Im Gegensatz zu großen Plattformen wie Twitter ist Mastodon als dezentrales Netzwerk konzipiert. Benutzer können einer beliebigen Instanz beitreten oder selbst eine eigene betreiben. Mastodon ist kompatibel zu GNU Social sowie – seit Version 1.6 – dem W3C ActivityPub-Standard. [Quelle]

Für den Anfang

Hier eine willkürliche Liste von spannenden Accounts, denen mal mal folgen könnte:

https://chaos.social/@bodems
https://chaos.social/@c3wien
https://chaos.social/@chpietsch
https://chaos.social/@CryptGoat
https://chaos.social/@dcHSG
https://chaos.social/@digitalcourage
https://chaos.social/@fly_it
https://chaos.social/@jotbe
https://chaos.social/@juh
https://chaos.social/@kaerF
https://chaos.social/@Kidsdigitalgenial
https://chaos.social/@LaF0rge
https://chaos.social/@leah
https://chaos.social/@maha
https://chaos.social/@megfault
https://chaos.social/@Melli305
https://chaos.social/@netzpolitik_feed (inoffiziell)
https://chaos.social/@nickfarr
https://chaos.social/@padeluun
https://chaos.social/@pinkprius
https://chaos.social/@resist_berlin
https://chaos.social/@reticuleena
https://chaos.social/@rixx
https://chaos.social/@shiro
https://chaos.social/@sonjdol
https://chaos.social/@txt_file
https://fosstodon.org/@nerdhochburg
https://framapiaf.org/@Framasoft
https://geno.social/@hostsharing
https://mastodon.ar.al/@aral
https://mastodon.social/@asherwolf
https://mastodon.social/@andreasdotorg
https://mastodon.social/@cryptoparty
https://mastodon.social/@endstation
https://mastodon.social/@fsfe 
https://mastodon.social/@FuckOffGoogle
https://mastodon.social/@fuck_muc
https://mastodon.social/@isis
https://mastodon.social/@p_maureen
https://mastodon.social/@qbi
https://mastodon.social/@Sonstwer
https://mastodon.xyz/@anneroth
https://mastodonten.de/@irgendwiejuna
https://mstdn.io/@gwenn
https://octodon.social/@Cassandra
https://pirati.cc/patrickbreyer 
https://quitter.se/cryptopartyBLN
https://social.bau-ha.us/@aurora
https://social.bau-ha.us/@CCC
https://social.bau-ha.us/@datenkanal
https://social.bau-ha.us/@maschinenraum
https://social.tchncs.de/@Count_von_Count
https://social.tchncs.de/@kassiopeia
https://social.tchncs.de/@kuketzblog
https://social.wiuwiu.de/@rugk
https://soc.ialis.me/@tastytea
https://squeet.me/profile/golem (inoffiziell)
https://squeet.me/profile/heiseonline (inoffiziell)
https://social.stopwatchingus-heidelberg.de/atarifrosch

(Nicht alle davon sind sehr aktiv. Aber man könnte sie ja mal daran erinnern, dass es sich mehr und mehr lohnt, im Fediverse zu schreiben.)

Aktueller Hinweis (August 2018): Weil derzeit sehr viele Leute ins Fediverse kommen, sind einige Instanzen überlastet und lassen keine neuen Registrierungen zu. In den Mastodon-Verzeichnissen https://joinmastodon.org und https://instances.social lässt sich trotzdem für fast jeden Geschmack eine Instanz finden, die neue Leute aufnimmt.

Über Uns

Digitalcourage e.V. engagiert sich seit 1987 für Grundrechte, Datenschutz und eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter. Wir sind technikaffin, doch wir wehren uns dagegen, dass unsere Demokratie „verdatet und verkauft“ wird. Seit 2000 verleihen wir die BigBrotherAwards. Digitalcourage ist gemeinnützig, finanziert sich durch Spenden und lebt von viel freiwilliger Arbeit. Mehr zu unserer Arbeit.

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... an die Ortsgruppe Köln und die AG Selbstverteidigung, die zu diesem Artikel beigetragen haben. Wie auch Sie sich in einer unserer Gruppen einbringen können, erfahren Sie hier.

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Leena Simon
Veröffentlicht am 09.04.2018

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