Digitalcourage, cc-by-sa 2.0 Digitalcourage, cc-by-sa 2.0

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Viele Politiker.innen zaubern eifrig Videoüberwachung aus dem Hut, wenn sie für ein Problem keine Lösung haben. Leider fangen Leute dann an zu glauben, dass Überwachung Sicherheit herstellt – und hängen Kameras an den krudesten Orten auf.

Ein Beitrag zum Mitmachen:
Auch Sie kennen einen Ort, der videoüberwacht wird, obwohl das besser nicht so wäre? Dann schreiben Sie uns eine Nachricht (gerne mit Bild) an mail+kamerafund@digitalcourage.de!

Abschreckung gegen Gewalt und Terror?

Ein Blick in wissenschaftliche Studien zeigt: Gegen Gewalt ist Videoüberwachung wirkungslos. Wer im Affekt handelt, lässt sich nicht abschrecken. Und für Terrorist.innen sind die Bilder der Überwachungskameras kostenlose Werbung. Wer Angst und Schrecken verbreiten will, freut sich, wenn es gute Bilder davon gibt. Ein Beispiel ist der Fall Amri.

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Drogen, Diebstahl und Straßenkunst

Ein messbarer Effekt lässt sich jedoch bei anderen Delikten erkennen: Drogendealer, Autodiebinnen und Graffiti-Sprayer schauen sich genau um und meiden überwachte Orte. Allerdings verschwinden sie deshalb nicht. Sie schlagen einfach dort zu, wo keine Kameras hängen.

„Aber die Verbrechensaufklärung!“

Es gibt Fälle, die oft als anekdotisches Argument angeführt werden, in denen die Bilder einer Überwachungskamera geholfen haben, brutale Verbrechen aufzuklären. Die Frage ist, ob das einer demokratischen Gesellschaft als Grund genügen darf. Eine Demokratie kann es nicht ertragen, wenn jede und jeder auf Schritt und Tritt kontrolliert wird. Das ist ein Merkmal autoritärer und totalitärer Regime. Eine freie Gesellschaft muss auf Totalkontrolle verzichten. Die gegenwärtige Überwachungseuphorie verhindert, dass Ursachen von Kriminalität angegangen werden. Und sie vehindert, dass mildere Mittel eingesetzt werden, wie Gestaltung von öffentlichen Räumen, Streifendienste, Sozialarbeit, psychologische Betreuung, …
Konkreter gefragt: Wenn es mit Videoüberwachung in jedem Schlafzimmer möglich wäre, 70% aller Vergewaltigungen zu verhindern und 90 % der erfolgten aufzuklären – würden Sie wollen, dass Videoüberwachung im Schlafzimmer Gesetz wird?

Videoüberwachung wird immer schamloser

Allen Argumenten zum Trotz, treiben die Regierungskoalitionen von Bund und Ländern eine Ausweitung der Videoüberwachung voran. Gesetzespassagen, in denen eine Evaluation vorgeschrieben ist, werden kurzerhand gestrichen (wie aktuell bei der Verschärfung des Polizeigesetz NRW), denn man weiß ja, dass sich dabei herausstellen würde, dass die Maßnahme leider der Begründung des Gesetzes nicht dienlich ist. Kameras verhindern keinen Terror. Zunehmend werden auch private Betreiber öffentlicher Anlagen ermuntert, Kameras aufzuhängen. Dank dem sogenannten „Videoüberwachungsverbesserungsgesetz“ kann die Polizei sich dann an den Aufnahmen bedienen.

Dabei findet ein Dammbruch statt: Menschen gewöhnen sich daran, ständig von Kameras angeglotzt zu werden. Manche fangen an, den Mythos zu glauben, Überwachung sei Sicherheit. Und so kommt es, dass die optische Überwachung immer übergriffiger wird.

Orte, die wirklich nicht videoüberwacht sein sollten

Toilette, Sauna, Supermarktkasse, … Wir haben Beispiele gesammelt, von Orten an denen Kameras hängen, wo sie aber um-Himmels-Willen-nochmal nicht hängen sollten.

Sie kennen einen Ort, der videoüberwacht wird, obwohl das besser nicht so wäre? Dann schreiben Sie uns eine Nachricht (gerne mit Bild) an mail+kamerafund@digitalcourage.de!
Wir fügen Sie dann gerne (mit der Lizenz cc-by) der folgenden Liste hinzu.

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Schultoiletten

„Übergriffig“ und „gruselig“ nennen Schüler.innen- und Elternvertretungen die Überwachungskameras, die in einer Schule in Großbritannien 2017 aufgehängt wurden. Die Schulleitung rechtfertigt die Maßnahme indes damit, einige Schüler.innen verstießen gegen die „hohen Standards an das Verhalten“ der Schule. Klarer Fall von Verhaltenskontrolle.

Mehr dazu: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/ueberwachung-auf-dem-klo-schule-in-grossbritannien-sorgt-fuer-empoerung-a-1176311.html

Sauna-Umkleide

In der Sauna sind alle nackt. Da kann auch niemand ein Smartphone verstecken und heimlich Fotos machen. Auch in der Umkleidekabine erwartet man, unbeobachtet wieder in die normale, bekleidete Realität zu finden. Nicht so im Vabali in Berlin: Dort hat die Geschäftsführung Kameras zur Diebstahlprävention aufgehängt.

Mehr dazu: https://www.tagesspiegel.de/berlin/privatsphaere-vs-sicherheit-kritik-an-videoueberwachung-in-berliner-edel-spa/20601076.html

Ärztliches Behandlungszimmer

An der Türe prangt das bekannte Piktogramm: Dieser Bereich wird videoüberwacht. Die Patientin erduldet das Ganze, während sie ihre eGK dem Arzthelfer reicht, und auch beim Zeitunglesen im Wartezimmer. Als der Arzt sie ins Behandlungszimmer bittet, erschrickt die Patientin: Auch dort wird optisch überwacht. Als Rechtfertigung zieht der Arzt die teuren Geräte und Angst vor Diebstahl heran – und eventuelle Vergewaltigungsvorwürfe, weil er ja auch mit Patientinnen alleine im Behandlungszimmer sei.

Supermarktkasse

Alter, Geschlecht und Dauer des Blickkontakts ihrer Kund.innen wollten Real und Deutsche Post mit Gesichtserkennungs-Software erraten. Die Kameras wurden in Werbebildschirmen versteckt. Das erklärte Ziel: Man wollte zielgruppengerechte Werbung einspielen. Die Kundinnen und Kunden wurden nicht einmal darüber informiert. Die Folge wäre: Heimliche Überwachung und stereotype Werbung, die Vorurteile und Klischees bedient: Haftcreme für Opis Gebiss, Gartenschere mit kleinen, rosa Griffen für die Dame (die natürlich keine normale Gartenschere händeln kann).

Mehr dazu: https://digitalcourage.de/blog/2017/etappen-sieg-real-gibt-auf-die-post-muss-nachziehen

Über Uns

Digitalcourage e.V. engagiert sich seit 1987 für Grundrechte, Datenschutz und eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter. Wir sind technikaffin, doch wir wehren uns dagegen, dass unsere Demokratie „verdatet und verkauft“ wird. Seit 2000 verleihen wir die BigBrotherAwards. Digitalcourage ist gemeinnützig, finanziert sich durch Spenden und lebt von viel freiwilliger Arbeit. Mehr zu unserer Arbeit.

Veröffentlicht am 30.11.2018

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